Bühne

Marienkirche – Multimedialer Phönix

In der Marienkirche gedachte man mit dem Event „Aus der Asche“ des Reutlinger Stadtbrands und des Wiederaufbaus anno 1726

REUTLINGEN. Wie Phönix aus der Asche erstand die Stadt Reutlingen nach dem großen Brand von 1726 neu. „Aus der Asche“ heißt das Werk, das am gestrigen Samstagabend (26. September 2026) in der Reutlinger Marienkirche im Rahmen der Veranstaltungen „300 Jahre Stadtbrand“ vor ausverkauftem Haus zur Aufführung kam.

In Auftrag gegeben hat das Stück das Kulturamt der Stadt Reutlingen, und zwar beim TheaterPädagogikZentrum (TPZ) Baden-Württemberg mit Hauptsitz in Reutlingen, das es nun unter der Regie von Paul Siemt mit Spielern aus mehreren Gruppen umsetzte. Dabei handelt es sich um ein theatrales Gegenstück zu der multimedialen Inszenierung „Feuereifer“ aus Licht und Ton, die seit dem 19. September zum 3. Oktober alle paar Tage halbstündig zwischen 19 und 21 Uhr in der Marienkirche gezeigt wird (wir berichteten /).

Das Bühnengeschehen wurde mittels Live-Video auf der Leinwand gedoppelt. Fotos: Susanne Eckstein

Anders als in „Feuereifer“ sind hier nun reale Menschen zu sehen, mittels Live-Kamera vergrößert und übertragen auf die riesige Leinwand, die Altar und Chorraum verdeckt und das Geschehen auf der flachen Bühne für alle gut sichtbar vervielfacht.

Es beginnt bei getragener Orgelmusik am Kircheneingang. Von dort schleppen sich graue Gestalten zu Fuß und im Rollstuhl nach vorn, eine Verkörperung menschlichen Elends in grauem Gewand und aschfahler Schminke. Dort illustrieren sie als Gruppe die Chronik der Ereignisse, die von zwei nicht namentlich genannten Rezitatoren einzeln und zu zweit (leider in schwacher Tonqualität) verlesen wird. Mitunter spricht die Gruppe im Chor, seltener einzeln, auch im Dialekt, und variiert ihre Körpersprache ausdrucksstark zwischen Furcht, Entsetzen, Panik und Schock. All dies erinnert an den Chor des antiken Dramas, an Stummfilm-Ästhetik, und wenn die Bewegung einfriert, an die einstens beliebten Lebenden Bilder. Einordnen könnte man das Stück als szenische Kantate oder kleines Historiendrama mit Musik.

Der Gitarrist Jan Henning wurde über das Geschehen projiziert. Foto: Susanne Eckstein

Als Vertreter des Heute und als Einzelfigur tritt der Reutlinger Gitarrist und Komponist Jan Henning hinzu. Sein ruhiges, beidhändiges Spiel auf der zweihalsigen Tenor-E-Gitarre spiegelt und kommentiert das Bühnengeschehen als mehrstimmige Klangrede in biegsamem, sonorem Ton mit abgründigen Tiefen, teils begleitend, teils als nachdenklicher Solo-Monolog.

Die Glocken der Marienkirche drohen beim Brand abzustürzen. Foto: Susanne Eckstein

Eine Zäsur markiert den Neuanfang nach dem Brand. Der abgerissene graue Haufen zerrt nun an Tüchern, der Pfarrer auf der Kanzel mahnt „O Reutlingen, dein Sünd‘!“, die Kamera filmt das reale Publikum als betroffene Gemeinde, der Sprechchor ruft „Wir haben Hunger!“, und die Rezitatoren diskutieren den ungeklärten Verbleib der damals gesammelten Spenden und Belege.

Nach dem Brand: Streit um Hab und Gut. Foto: Susanne Eckstein

Wie so manche Filmkatastrophe endet auch diese mit einem (halbwegs) glücklichen Finale. Die Opfer legen sich symbolisch farbige Tücher um die Schultern, die Sprecher loben die historische Wiederaufbauleistung der Reutlinger, die (leider ungenannte) Sprecherin singt eine Solo-Ballade, und ans Mikro tritt OB Thomas Keck und appelliert ans Zusammenhalten in schwierigen Zeiten, gefolgt vom großen Schlussapplaus für die beeindruckende Leistung der Mitwirkenden.

Nach einer Solo-Überleitung durch Jan Henning wird ein weiteres Mal „Feuereifer“ gezeigt, die etwa zwanzigminütige szenisch-multimediale Annäherung an den Stadtbrand. Sie bespielt das Kirchengebäude selbst als Hauptfigur. Die Marienkirche als Herz der Stadt hat den Stadtbrand damals stark beschädigt überstanden und wurde bis heute vielfach erneuert, nun dient ihr Inneres als Projektionsfläche für die Visionen von heute. Dank ausgeklügelter Steuerung wird die Kirchenarchitektur wie in früheren Orgelsommern in besonderer Weise ausgeleuchtet, wobei es diesmal nicht um die Hervorhebung der Strukturen geht, sondern diese überlagert werden durch ganz neue Bilder rund um den Stadtbrand, deren farbiger Fluss das Kircheninnere in spektakulärer Weise in Bewegung zu versetzen scheint, begleitet von der eigens durch Bezirks- und Marienkantor Torsten Wille geschaffenen Orgelmusik.

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