Das Landestheater Tübingen eröffnet seine Saison mit Robi Tissi Grafs feministischem Solo über „Elisabeth“, die Habsburger k&k-Kaiserin
TÜBINGEN. Es fängt an mit dem Ende. Der italienische Anarchist Luigi Lucheni hat Elisabeth, der Kaiserin von Österreich-Ungarn, beim Besteigen des Raddampfers „Genève“ eine winzige Feile ins Herz gerammt. Sie bricht auf dem Schiff zusammen und wird zurück in ihr Genfer Hotel „Beau-Rivage“ gebracht. Die tödlich verletzte „Sissi“ stammelt noch: „Aber was ist denn mit mir geschehen?“ Das war am 10. September 1898. Die Salzburgerin Mareike Fallwickl hat aus diesen eigenwilligen Leben, immer ferner vom Wiener Kaiserhof, einen „feministischen Monolog über die Wut und die Wahrheit, eine Frau zu sein“ gemacht. Zum Beginn der Saison – und im Anschluss an ein Straßenfest des LTT – gab Robi Tissi Graf unter der sorgfältigen Regie von Annette Müller am Sonntagabend ein furioses Solo.

Nach diesem Intro mit dem Tod der 60-jährigen Kaiserin geht es zurück zum Anfang der Geschichte. Die arrangierte Vermählung der 16-jährigen Herzogs-Tochter von Bayern, aufgewachsen in München und auf Schloss Possenhofen am Starnberger See, mit dem jungen Kaiser Franz Joseph I. war wohl nicht gegen deren Willen. Aber das Stück darf sie durchaus als eine Art Zwangsheirat aktualisieren. Es gibt noch mehr feministische Themen in dieser kontrapunktisch mit der Gegenwart verschränkten Inszenierung: die Unterwerfung unter Schönheits-, Schlankheits- und sportlichen Fitnesswahn, die Mutterrolle, vor allem aber die Fluchten (in Krankheiten, Kuren und Reisen), fast Befreiungsversuche aus übermächtigen patriarchalischen Strukturen, in Elisabeths Fall allerdings ausgerechnet gnadenlos vollstreckt von der kaiserlichen Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie.
Schon Romy Schneider, zu Beginn der Dreharbeiten auch erst 17 Jahre jung, war des Sissi-Kitsches aus der Marischka-Trilogie überdrüssig und gab ihre angebahnte Weltkarriere fürs Erste auf: auch eine Art Feministin, noch ohne ideologischen Unterbau. So seltsam zwiespältig wie der kurze Blick auf diese Frau gerät dem Stück auch der auf Elisabeth in all ihren Widersprüchen und Defiziten. Robi Tissi Graf ist eine ganz ausgezeichnete Mimim. Sie zeigt das in ganzer Bandbreite zwischen In-sich-Gekehrt-sein und wilden Ausbrüchen, zwischen Flüstern, Klagen, Jodelgesang, hohem Pathos und Wutgeschrei. Aber vielleicht überspielt sie stellenweise ein wenig, spitzt die tragische Figur zu sehr satirisch zu, womit sie Elisabeth gelegentlich dem Hohn und dem Gelächter preisgibt. Die vielen Lacher beim Premierenpublikum im vollbesetzten oberen Saal sind da ein Hinweis. Als Comedy-Vorlage dürfte die Autorin ihren Text wohl eher nicht verstanden haben.

Ein interessanter Exkurs des Stücks beschäftigt sich mit der auch in Österreich mit Gewalt („Praterschlacht“) niedergeschlagene demokratischen Revolution von 1848/49. Der als liberal geltende Franz Joseph I. bestieg in diesem Zusammenhang den Thron. Dass auch die Frauen dabei eine Rolle spielten, etwa die von den Historikern vernachlässigte Frauenrechtlerin Karoline von Perin, adelt das Stück durchaus. Elisabeth war insofern später damit verwoben, als sie die freiheitsdurstigen Ungarn zu unterstützen versuchte, die ihr Gatte dann als Königreich in seine k&k-Doppelmonarchie vereinnahmte – gewissermaßen eine Flucht ins Politische, die aber nicht von Dauer war. Als Mutter schwankte Elisabeth zwischen einem durgesetzten eigenen Sorgerecht und resignativer Vernachlässigung etwa des Thronfolgers Rudolf, der 1889 seine Geliebte Mary Vetsera und dann sich selbst erschoss.
Die eingestreuten Aktualisierungen einer zeitgenössischen Kommentatorinnen-Figur haben nicht alle die gleiche Qualität – aber das sind Probleme des Textes, weniger der Inszenierung. Es wird stellenweise etwas vulgär („Fuckability“), teils etwas willkürlich, wie bei der Kritik an der modischen Gegenbewegung traditioneller Hausfrauen-Mütter („Trad wifes“), die mit ihrem Lebensmodell auch noch fette Influencer-Kohle machen. Und es beginnt mit einem Missgriff in den olympischen Boxsport (hier passt auch die Deko). Da wird frauenfeindliche Partei ergriffen für eine algerische Olympiasiegerin mit angeblichem Frauen-Geburtsschein, die als mit Hormon und Skalpell umgestylter Mann eine italienische Boxerin so übel verprügelt wie mancher schlimme Asi-Macho seine Ehefrau. Gegnerin Angela Carini musste nach nur 46 Sekunden unter bitteren Tränen aufgeben.

Dass gerade in diesem Fall auch noch die klassische Feministin Joanne K. Rowling („Harry Potter“) schärfstens kritisiert wird, ist eher Schande als Sternstunde solch neuerer Spielarten des Feminismus. Immerhin wird sie dabei nur attackiert und gecancelt und nicht – zusammen mit allen transkritischen „TERFs“, die keine Penisse in Frauenumkleiden und anderen geschützten Räumen sehen wollen – als „Turds/Scheißhaufen“ beleidigt wie während dieser Debatte vom Neu-Feministen Böhmermann.
Auf Mütter wie Ingrid Bergman oder Ulrike Meinhof zu verweisen, die ihre Kinder verlassen haben, ist hingegen legitim. Auch die Empörung über den unfassbaren Vergewaltigungsfall Gisèle Pélicot. Schwächer die Utopie einer dauerfickenden Gesellschaft ohne fixe Geschlechter. Der Vergleich des Machos Picasso mit einer nordafrikanischen Malerin ist vielleicht etwas kühn. Und ein Satz wie „Als Frau darfst du nicht einmal in Ruhe tot sein“ ist der blühende Blödsinn. „Bewegliche Ziele sind schwerer zu treffen. Auch emotional“ wiederum hat Poesie (auch Elisabeth dichtete hin und wieder und verehrte Heine). Aber das geht alles aufs Konto der Autorin, auch der zweimal hervorgehobene klassenkämpferische Satz des Attentäters Lucheni: „Nur wer arbeitet, soll auch essen“, der durch die notorischen Hungerdiäten der Kaiserin eine besondere Dialektik bekommt.
Gespielt und inszeniert ist „Elisabeth“ in acht „Exerzierübungen“ – auch bei diesen etwas fragwürdigen Abwegen und Zuspitzungen ins Satirische – ausgesprochen präzise. Die Musik (Ted Gaier) aus der Konserve ist passend ausgesucht und eingespielt, die Lichtführung in Leitfarben stringent.
Das Publikum feierte das feministische Solo von Robi Tissi Graf frenetisch und ausdauernd.


