Musik

Cannstatter Klavierfrühling – Klar und stark

Die japanischen Pianistin Shiori Kuwahara schloss im Großen Kursaal den diesjährigen Cannstatter Klavierfrühling mit einem kraftvollen Auftritt ab

BAD CANNSTATT. Mit dem ganz besonderen Auftritt der japanischen Pianistin Shiori Kuwahara endete am Sonntagnachmittag im Großen Kursaal der diesjährige Cannstatter Klavierfrühling. Die kraftraubende Anreise – mit Flugzeug und Bahn – samt Schlafmangel ließ sie schnell hinter sich und imponierte mit ihrem kraftvollen Stil. Der jüngste von zahllosen Preisen und Erfolgen, mit denen die 30-jährige Virtuosin ausgezeichnet wurde, ist ein vierter Platz beim Chopin-Wettbewerb in Warschau.

Shiori Kuwahara begann mit einer Beethoven-Sonate, die wie kaum eine andere schon den Keim der Romantik in sich trägt. Festivalleiter Robert Neumann wies in seiner Moderation darauf hin, dass Ludwig van Beethoven selber seiner Sonate Nr. 8 in c-Moll, op. 13, den Beinamen „Pathétique“ gab. Ihr in den Ecksätzen heroisch auftrumpfender, trotziger, vielleicht sogar „männlicher“ Gestus passt sehr gut zu dem Ton, zum Zugriff und der kraftstrotzenden Energie, die nicht nur das Spiel von Shiori Kuwahara auszeichnen, sondern vielleicht auch Tendenzen der jüngeren Pianisten-Generation widerspiegeln.

Die japanische Pianistin Shiori Kuwahara. Foto: Martin Bernklau

Es wird vielfach wieder expressiver und agogischer gestaltet, mit mehr Mut, ein gewisses Gebot sachlicher Zurückhaltung gegen mehr Emotionen einzutauschen, mehr extrovertierte Rhetorik vielleicht zudem. Das Pedal kommt – selbst über Skalen hinweg – deutlich freier und öfter zum Einsatz. Was übrigens gerade bei Beethoven den Vorgaben im Urtext entspricht. Die Läufe mögen von halsbrecherischem Tempo sein, doch das luftig-leichte Jeu perlé, ein Ideal für lange Zeiten, ist tendenziell einer präzisen Geläufigkeit gewichen, in der jeder einzelne Ton einen eigenen Impuls, einen Kick, jedenfalls ein klares Eigengewicht bekommt, statt nur Teil einer grazilen Kette zu sein.

Schon mit den ersten Takten in Shiori Kuwaharas Grave-Einleitung war das zu hören: ausgekostete Pausen, ein Zögern, ein Suspense, was Spannung steigert und wie eine Frage wirkt, auf die dann mit dynamisch entfesselter Energie „con brio“ geantwortet wird. Die Sanglichkeit im Adagio cantabile hatte bei aller sehnsüchtigen Sanftmut nichts Süßliches. Auch hier wieder: kein allzu weicher Anschlag. Gefühl drückt sich eher agogisch aus, in feiner Verzögerung, minimaler Straffung, deutlichem Decrescendo, Verdichtung. Das dynamische Temperament des finalen Rondos schärfte sie mit markanten Vorschlägen noch an.

Die „Consolations für Klavier“, die Franz Liszt 1849/50 komponierte, wechseln nicht nur zwischen den Tongeschlechtern, zwischen E-Dur und cis-Moll, Des-Dur und am Ende G-Dur, sondern als Stimmungsstücke auch im Gestus. Den Tröstungen dieser sechs nominell langsamen Sätze und ihrer Passagen – Robert Neumann sprach von Nocturne als verbindender Form – ist auch allerhand Trotz und Aufbegehren beigegeben. Manchmal wirkten Shiori Kuwaharas schön getupfte Schlüsse allein schon tröstlich.

Festivalleiter, Moderator und selber weltweit beachteter Pianist der jungen Generation: Robert Neumann.
Foto: Martin Bernklau

Rauschhafte, aber ungemein präzise und klangstark gesteigerte Skalen prägten auch die notwendigerweise teils infernalische „Dante-Sonate“ aus den „Années de pèlegrinages“, die nicht nur mit der Göttlichen Komödie, sondern auch mit Victor Hugos Versen über deren Lektüre zu tun hat. Der kleine, aber erstaunlich klangstarke Rexze-Flügel unterstützte manche Höllenfeuer mit seinen ausgesprochen scharf gestimmten Diskantlagen.

Als Abschluss hatte Shiori Kuwahara – nach ihrem Erfolg beim Warschauer Wettbewerb – statt der angekündigten Schumann-Sonate Frédéric Chopins Sonate h-Moll gewählt, die dritte und letzte, 1848 entstanden. Auch dieses Werk kommt ihrem spezifischen Stil und Ton sehr entgegen: Der heroischen Majestät des Kopfsatzes folgte ein Scherzo mit starken Kontrasten, rasanten Läufen und ruhig liegenden Akkorden, im Trio fast schon choralartig.

Auch das kantable Largo mit seinen sphärisch entrückten Begleitstimmen, ganz nocturnehaft im Charakter, hielt sie im Anschlag eher sachlich, auch wo Funèbre-Schwere anklang. Alles Zarte löst sich mit dem Finalsatz in wildem Sturm auf, einem Rondo mit fast schon explosiven Läufen gerade in der rechten Hand, in wuchtig orchestralem Ton, stellenweise zu einem sinfonischen Donnern gesteigert, aber trotz großzügigen Pedaleinsatzes nie in einem Nebel verschleiert, auch in den sanfter entspannenden Couplets nicht. Das war dem auch dynamisch variantenreichen, aber immer markant klaren Anschlag zu danken.

Dank für überschwänglichen Beifall im Großen Cannstatter Kursaal: Shiori Kuwahara.
Foto: Martin Bernklau

Das Publikum im ausverkauften Saal spendete reichlich und ausdauernd Applaus. Shiori Kuwahara bedankte sich mit zwei Chopins in ihrem fast schon unverwechselbaren Stil: der 4. Ballade in f-Moll und der Polonaise As-Dur. Vielleicht wird man eines Tages von einem Kuwahara Style sprechen, wer weiß.

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