In der Motette feierte die Camerata viva ihr 25-jähriges Bestehen mit Mendelssohn und Mozart mit Hannes Reich als Dirigent und der Violinsolistin Elisabeth Gühring
TÜBINGEN. Sehr gut besucht war die Stiftskirche am gestrigen Samstagabend, als die Camerata viva, das Stammorchester mehrerer Tübinger Chöre, in der Motette ihr 25-jähriges Bestehen beging, ja feierte. Sonst vor allem mit historischer Praxis verbunden, musizierte sie diesmal Mendelssohn und Mozart, in voller sinfonischer Besetzung und mit klassisch-romantischem Klangbild. Hannes Reich dirigierte, einer der bedeutendsten Dirigenten jüngerer Generation im Südwesten und darüber hinaus. Die historische Praxis hat den aus Calw stammenden Kantorensohn geprägt. Mit diesen Erfahrungen widmete er sich zunächst Felix Mendelssohn-Bartholdys Hebriden-Ouvertüre.
Mit der Arbeit an der stilbildenden Naturschilderung begann Mendelssohn nach einer Schottlandreise, die ihn auch auf die rauhe Inselgruppe und in die dortige Fingalshöhle geführt hatte. Zunächst schien ihm das Ergebnis zu akademisch, es schmecke mehr nach Kontrapunkt als nach Tran und Möwen, sagte er – und machte das bildstarke Naturstück mit der römischen Fassung (eine weitere „Berliner“ Fassung gab es auch noch) zu einem seiner größten Erfolge. Daran orientierten sich Hannes Reich und sein Orchester. Es gelang ihnen, die kontrastreiche Klangvielfalt und die vielen Figuren für alle Orchestergruppen mit einem wunderbaren großen Bogen zu verbinden. Auch viel Geheimnis waltete zwischen all der mächtigen Naturgewalt. Sehr schön gelang der originelle Schluss.

Elisabeth Gühring, gerade mal 17 Jahre alte Stipendiatin, spielt eine herrliche Cremoneser Geige Lorenzo Storionis von 1774. Die schon vielfach mit Preisen bedachte Stuttgarterin war Solistin in Wolfgang Amadé Mozarts Violinkonzert D-Dur (KV 218), das er ein Jahr später schrieb, auch noch keine 20 Jahre alt. Nach der langen Orchestereinleitung setzte sie mit einem offenen, großen Ton zu ihrem Part an, der in klassischer italienischer Form Eleganz und Schwung mit Virtuosität verbindet. Fast schon sensationell war die Kadenz zum ersten Satz, die Elisabeth Gühring sich selber auf den Leib und ihr Instrument komponiert hat, das in den hohen Lagen besonders leuchtenden (einen vollen, nicht scharfen) Klang entfaltet.
Auch in den Tiefen hat es Tragkraft, Volumen, Resonanz, wie der Orgelpunkt der leeren G-Saite bei der Doppelgriff-Passage im Finalsatz. Das Adagio mit seiner himmlischen Melodik, vor allem dem tief oktavierten Hauptthema, zählt vielleicht mehr noch als die Ecksätze zu den Lieblingsstücken aller Geiger. Sowohl bei der Solistin als auch in der mit höchstem Geschmack begleitenden Camerata hatte diese Schönheit fast schon gebethaften Charakter. Wieder sehr gelungen der subtil getupfte Schluss.

Mendelssohns Sinfonie A-Dur opus 90, die „Italienische“, schloss diese glanzvoll konzertante Motette ab, von der Liturgie zweigeteilt. Die Camerata viva spielte in allen Gruppen auf höchstem Level, dies vorab. So machte auch das sehr hohe Tempo des Eingangssatzes keinerlei technischen Schwierigkeiten oder hatte Defizite bei der Präzision zur Folge. Es trug aber auch dazu bei, dass der elegante Schwung, der dieses Allegro vivace sozusagen in weiten Bögen überwölbt, eher weniger zum Tragen kam. Auch das besondere Herausarbeiten einzelner Themen, Motive oder Figuren, so sehr es der Transparenz diente und durchaus Überraschendes zutage förderte, das sonst eher im Schatten bleibt, brachte eine gewisse Fragmentierung mit sich.

Attacca ging es sofort ins Andante d-Moll, das seine Bewegung „con moto“ aus den unerbittlichen Achteln der Bässe bezieht, was dem eigentlich schwingenden 6/8-Rhythmus einen melancholischen, elegischen, fast düsteren Charakter gibt. Sehr geduldig, langsam und tragend, mit fernen Anklängen höfischer Eleganz war das Menuett gestaltet, dessen Trio eine Art feierlicher Bläser-Choral war. Auch im finalen Rondo machte manch fein abgestimmter Bläsersatz Eindruck. Reich arbeitete mit zupackend hohem Tempo im Tanzrhytmus einer neapolitanischen Saltarella eine gewisse Dämonie, eine derwischhaft wilde Ekstase heraus. Dass die Sinfonie in h-Moll endet, wiederum hübsch getupft in leicht gespentischem Piano, gehört zu ihren Besonderheiten.
Etwas gar zu schnell setzte jubelnder Applaus ein, der sich zu stürmischen Ovationen steigerte. Was völlig verdient war für alle Musiker: für eine sich feiernde Camerata viva, den großartigen Dirigenten und eine herausragende junge Solistin, die aufhorchen ließ – keine Frage.



