In den Reutlinger Wandel-Hallen zeigen Kunstmuseum und Kunstverein „Hochdruck NOW“, die Triennale der „XYLON Deutschland„
REUTLINGEN. Es geht um mehr als nur den Holzschnitt, der „XYLON Deutschland“ den griechischen Namen gab. Es geht um alle Arten des Hochdrucks, der – im Gegensatz zur Gravur oder zur Lithografie – erhabene Reliefs als Druckstöcke verwendet: Linol, Stempel, auch die beweglichen Lettern des Buchdrucks und eben das Holz. Auch noch Anderes. Dass die Künstlervereinigung *1) seit 1957 ihren Sitz in Reutlingen hat, hängt natürlich auch mit HAP Grieshaber zusammen, dem Großmeister des Holzschnitts. Am Sonntag um 16 Uhr wird in den Wandel-Hallen die Ausstellung „Hochdruck NOW“ eröffnet, die als Triennale diesmal über 80 Werke von 44 Künstlern zeigt. Eine Jury traf die Auswahl unter den Bewerbern.
Johannes Krause-Schenk vom Kunstmuseum und Julia Berghoff als Geschäftsführerin des Kunstvereins (auf dem Titelfoto links) haben sie kuratiert und angenehm luftig gehängt. Auch Stephan Rößler, qua Amt als Direktor des Kustmuseums auch Geschäftsführer der „XYLON“, führte die Fachpresse am heutigen Donnerstag durch die Querschnitts-Ausstellung zeitgenössischer deutscher Hochdruck-Grafik. Rößler sieht das Genre sehr lebendig und vielfältig, also „kein Auslaufen der Praxis“. Als Vertreterin der Künstler war auch Monika Schaber mit dabei, die den zweiteilig frei hängenden Holzschnitt „Meteor“ auf Japanpapier beigesteuert hat. Der Frauenanteil übrigens ist ausgesprochen hoch.

Berühmte Namen wie Baselitz, A.R. Penck, Anselm Kiefer oder Gert & Uwe Tobias (erst jüngst in der Tübinger Kunsthalle), aber auch Christiane Baumgartner sprechen fast sogar für eine Renaissance nach einer Hochzeit der Kunstform im Expressionismus und der früheren Moderne. An den Kunsthochschulen in Dortmund, Hamburg, Halle/Leipzig gibt es Schwerpunkte der Lehre. Der Hochdruck hat sich nicht nur zur Farbe hin geöffnet, von der Serie zum Unikat hin, sondern auch zu einer Vielfalt der Materialien bei Druckstock und Werkstück. Die Thematiken nicht zu vergessen. Einen Hang zum Politischen, zum Engagement hatte die Druckgrafik ja schon immer.

Eines von vielen originellen Beispielen zeigt der gebürtige Reutlinger Dieter Mammel, der mit seinem „Stammbaum“, dem Holzschnitt einer Frauenfigur in alter Tracht auf einem benutzten Geschirrtuch an seine rumänischen Vorfahren, aber auch an die Arbeit aller Frauen erinnert. Ein Frauenfigur von vitaler Farbigkeit hat auch Tina Stolt geschaffen, die für ihren Kartonschnitt „Floralflut Rosa“, ein Unikat, sieben Farben und Druckstücke verwendete. Daneben hängen Katharina Fischborns
„Zeichen in der Ebene II“, ein Hochdruck mit Skalpellzeichnung auf Wenzhou-Papier, offsetfarben, gleichfalls ein Unikat. Dass der fast monumentale neunteilige Hochdruck „Stall“ von Benjamin Badock mit dem markanten Kuhkopf auf dieser Wand an den Rand gerückt ist, schadet dessen Wirkung kaum. Die Arbeit ist als Abschluss voll in der Sichtachse des Gangs.

Beim Eingang in die wunderbar lichten Räume fällt der Blick direkt auf „Off Paradise – Adam und Eva“, schon fast eine Installation des Duos „zweiimdruck = Christine Pohlmann + Suki Meyer-Landrut“ aus der Serie „Habitate“. Auch Humor gehört dazu: Das Diptychon der beiden Kleider wird ergänzt durch einen kleinen Handschuh. Im Raum linker Hand wird es womöglich etwas befremdlich. Der großformatige Holzdruck „gemeinsam“ auf Leintuch mit Dispersion von Anja Ritzmann zeigt die Apokalypse geschichteter Knochen und Schädel schwarz auf weiß. Auch der große Farbholzschnitt „together“ schräg gegenüber hat etwas Erschreckendes: ein nacktes Baby oder eine Puppe sitzt auf einem erlegten Mammut. Lothar Seruset, eigentlich vor allem Bildhauer, wird bei der Eröffnung für den Verband sprechen.

Mit vier Arbeiten aus ihrer 14-teiligen Serie „Unsichtbare Forscherinnen“ macht Johanna Lee Glover sehr plakativ und fast dokumentierend auf in der Wissenschaft benachteiligte Frauen aufmerksam. Installativ, raumgreifend und experimentell sind auch die sieben von der Decke hängenden Transparentpapier-Bahnen von Julia Weißflog, die sie als Linolschnitt, aber auch mit Bonbonpapier bedruckt und mit dem Titel „Sechs Wochen Sommerferien“ versehen hat. In der Machart nicht unähnlich, aber doch wieder ganz anders sind die sechs Japanpapiere, die Jonas Liesaus doppelseitig mit Farblinolschnitten bedruckt und eng als Reihe aufgehängt hat.
Ganz ähnlich, aber als transparente Linolschnitte vor einer Videoinstallation, führt Eleonora Damme ihre Arbeit „All that’s real is carried by a shadow“ vor. Die aus Sewastopol auf der Krim gebürtige Anastasya Nesterova gibt ihrem Farbholzschnitt „Steinstrand von Anglesey II“ fast fotorealistische Anmutung – man muss nur ein paar Schritte zurücktreten. Johannes Strugalla arbeitet mit Schrift und setzt „Mein blaues Klavier“ von Else Lasker- Schüler vor blauem Hintergrund als „Plakatgedicht“ um. Geschichten erzählt Wolfgang Follmer: Für seinen Linolschnitt „Melodram“ von einem Schiffsuntergang hat er KI genutzt.

Follmers künstlerische Partnerin Bettina van Haaren, die Professorin aus Dortmund, hat zwei ihrer schwarzweißen Wimmelbilder vom Linolschnitt zu Glastisch-Platten drucken lassen. Ihr Lebenspartner Volker Lehnert ist mit dem achtfarbigen Hochdruck „Blöde Büsten“ vertreten. Mathias Hornung hingegen, auch eher bildhauerisch tätig, druckt neue Strukturen in ähnlich großem Format als Farbholzschnitt („Encounter“) auf gebrauchtem Poster-Material.
Das sind nur wenige, subjektiv ausgewählte Beispiele aus den Arbeiten und Positionen von 44 Künstlern zu dieser facettenreichen Ausstellung „Hochdruck NOW“. Es lohnt sich, die ganze Vielfalt zu betrachten.
Info: Die Ausstellung „Hochdruck NOW“, Triennale der Künstlervereinigung „Xylon“, wird am Sonntag, 18. Oktober 2026 um 16 Uhr beim Kunstverein im 1. OG der Reutlinger Wandel-Hallen, Eberhardstraße 14, eröffnet. Bis zum 31. Januar 2026 ist sie Mi – Fr von 14 -18 Uhr, Sa/So und an Feiertagen (außer Heiligabend und Sylvester) geöffnet. Der Eintritt ist frei. Fast alle Exponate sind käuflich zu erwerben.
*1) Zu den Gründern der internationalen „XYLON“ anno 1953 in Zürich zählten neben Grieshaber auch Künstler wie Frans Masereel, Max Pechstein, Erich Heckel, Gerhard Marcks oder Otto Pankok.


