„Present Perfect“: Der Schauspieler Lars Eidinger gibt in der Tübinger Kunsthalle seine Fotografien und Videos in einen Dialog mit Kunstwerken aus dem Bestand
TÜBINGEN. So ein Name zieht. Klar. Aber Lars Eidinger ist nicht nur einfach ein großer Schauspieler, der seine Prominenz nutzt, um auch mit anderen Talenten an die Öffentlichkeit zu gehen. Mit Fotografie hat er sich tatsächlich seit Kindertagen beschäftigt und auseinandergesetzt. Anderthalb Jahre lang ist er mit Nicole Fritz, der Kunsthallen-Leiterin, in einen Dialog („Pingpong“) gegangen, um seine Fotografie und einige Videos mit ausgewählten Werken aus den Beständen in Bezug zu setzen.

Ein besonders aktuelles Beispiel: Seit 2024 verfügt die Kunsthalle über eine kleine Tafel mit Yves Kleins monochromem Blau. Bei den Dreharbeiten am Scharmützelsee zum Schlöndorff-Film „Heimsuchung“, der dieser Tage anläuft, hat Lars Eidinger die Kombination (fast genau) dieser legendären Farbe mit einem Hausgiebel abgelichtet und zu einer fast abstrakten Komposition gefügt. Sonst liegt ihm Komposition eher fern, auch wenn Eidinger Proportionen wie den Goldenen Schnitt oder Linienführung nach eigener Einschätzung intuitiv oder unterbewusst anwendet. Auch jegliche Inszenierung sei ihm völlig fremd, sagt er. Sein Fotografieren sucht den Augenblick, die Gegenwart. In diesem Blick will er sich selbst oder den Betrachter der Szene gespiegelt sehen.

Tatsächlich könnten seine fast ausschließlich hochformatigen Fotografien wie Schnappschüsse wirken, wären sie nicht von einem Auge geführt, das in den Szenen und Motiven das Besondere erkennt. Es gibt auch Objekte, die Lars Eidinger vielleicht nicht sucht, aber doch findet und zu Gruppen zusammengefasst hat. Zum Beispiel Bäume, oft in ungewöhnlichem, städtischen Umfeld; oder gleichgekleidete Paare, Twins, Mutter-Kind, Freunde, auch Hund und Frauchen, die er diskret im angedeuteten Halbprofil von hinten ablichtet, einer Art Lieblingsperspektive.

Auch die Verbindung von Fiktion – etwa als Plakat oder Gemälde – mit Realität, von Außen und Innen, Szene und Ambiente fasziniert ihn – am spektakulärsten bei seinem Foto „Paris 2021“, wo die Louvre-Besucher vor Veroneses figurenreichem Kanaa-Bild völlig bruchlos mit dem Gemälde ineinander übergehen. Manches ist grotesk, macht verblüfftes Staunen, hat Humor oder gar Witz, wirkt aber nie beschämend für die Fotografierten. Das Coca-Cola-Rot der Regale und die fast im gleichen Rot gekleidete Kundin davor hält Eidinger ebenso fest wie das in Schnee dekorierte Innere des Grand Palais (bei Karl Lagerfelds letzter Schau) mit dem Blick durch die Tür auf den echten Schnee des winterlichen Paris. Manche Grafitti haben sein Interesse auch geweckt – in bestimmter Kombination mit ihrer Umgebung.
Die ausgesuchten Werke aus dem Bestand wären fast allein schon einen Besuch wert: Neben Yves Klein sind Selbstporträts von Richard Hamilton oder Alberto Giacometti zu sehen, ein Großformat von Sigmar Polke, Arbeiten von Jean Dubuffet, Ben Willikens, Anne und Patrick Poirier, von den Zeitgenossen Peter Roehr, Katja Strunz oder von Arman, dazu weitere Namen der Nachkriegs-Avantgarde aus der Sammlung des Stifters (mit Ehefrau Paula geb. Bosch) Georg Friedrich Zundel, von dem auch eigene Arbeiten zu sehen sind. Etwas arg versteckt über einer Tür: Daniel Spoerris wie hinterlassen festgehaltenes Frühstück „Variations d’un petit déjeuner“ von 1967.

Ganz ober in der Beletage hat Lars Eidinger noch ein eigenes Kunstobjekt auf ein weißes Drehpodest stellen können, zwischen andere Ready Mades namhafter Bildhauer zum Thema „Konsum und Technisierung“: die verrosteten und verbogenen Reste eines Einkaufswagens.

Info: Die Ausstellung „Present Perfect“ mit Fotografien und Videos von Lars Eidinger im Dialog mit Werken aus dem Bestand der Tübinger Kunsthalle ist bis zum 28. Februar 2027 am Philosophenweg 76 auf der Tübinger Wanne zu sehen. Öffnungszeiten: Di bis So, 9-18 Uhr, Do bis 19 Uhr. An Feiertagen geschlossen. Die Vernissage am morgigen Freitag um 19 Uhr ist bereits ausverkauft. Ab 22 Uhr legt dann Lars Eidinger selbst auf, der auch als DJ hochbegehrt ist.


