Kino

„Vaterland“ – Tochterliebe

Paweł Pawlikowskis hochpolitisches Familiendrama um Thomas, Erika und Klaus Mann läuft im Tübinger Museum und im Reutlinger Kamino

TÜBINGEN/REUTLINGEN. Ein starkes Stück: Das Erfundene in Paweł Pawlikowskis „Vaterland“ ist genauso authentisch wie die historischen Fakten. Vielleicht gar wahrhaftiger. Der polnische Regisseur hat dem greisen Nobelpreisträger Thomas Mann für seine Reise in beide Teile des zerstörten, zerrütteten und moralisch völlig am Boden liegenden Deutschland, wo er zum Goethejahr 1949 in Frankfurt (West) und in Weimar (Ost) geehrt werden soll, seine streitbare Tochter Erika als Reisebegleitung mitgegeben. Tatsächlich war seine lebenskluge Gattin Katia mit ihm aus dem kalifornischen Exil angereist. Sein verzweifelter Ältester, Klaus Mann, hatte sich schon Wochen vor dieser Dichterreise ins Zentrum des Kalten Krieges in Cannes das Leben genommen.

Klaus Mann (August Diehl) telefoniert mit seiner Schwester. Fotos: Verleih

Schon das Intro dieses Schwarzweiß-Films im hohen alten Fernsehformat 4:3 ist von überwältigend schlichter Größe, eine einzige lange Einstellung. Während ein Liebhaber erwacht und leise aus dem abgerissenen Hotelzimmer verschwindet, telefoniert Klaus Mann, herausragend intensiv von August Diehl gespielt, für teure Dollar mit seiner geliebten Schwester und literarisch-politischen Kampfgefährtin Erika (Sandra Hüller), die ihn offenbar zur Teilnahme an der heiklen doppelten Deutschlandreise des Vaters und zu einem Wiedersehen überreden will. Man hört sie nicht. Nur am Ende der Sequenz sieht man sie in der Villa in Pacific Palisades vorsichtig an die Zimmertür des empfindlichen Thomas Mann klopfen.

Dann beginnt dieses literarische Roadmovie mit einer Fahrt von Vater und Tochter durch die Ruinen von Frankfurt am Main, der Geburtsstadt Goethes.Thomas Mann (Hanns Zischler) will dort sein Vorbild ehren und mit dessen beispielhafter Humanität und Lebensgröße an den vorsichtigen Wiederaufbau westlich-aufklärerischer Werte von Zivilisation und Staat, Geist und Kultur appellieren. Internationale Pressekonferenz, Rede („Goethe und die Demokratie“), Empfang. Da gibt es eine dieser großartig dazuerfundenen Szenen: Die Komponistenenkel Wolfgang und Wieland wollen den Wagner-Verehrer bitten, sich als „berühmtester lebender Wagnerianer der Welt“ für die Wiederaufnahme der Bayreuther Festspiele einzusetzen. „Sie meinen, nach dem Ableben von Adolf Hitler“ bürstet Thomas Mann sie zornig ab und fügt an, man solle die Stadt dem Erdboden gleichmachen und Winifred Wagner, die englische Schwiegertochter und Herzensfreundin Hitlers, vor ein Gericht stellen – etwas zugespitzt vielleicht, aber treffend und stark.

Seit seinen reaktionären „Betrachtungen“ aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ist Thomas Mann ein „Unpolitischer“ geblieben, auch wenn er in Romanen und Essays durchaus Hellsichtiges bis Bedenkenswertes formuliert hat. Schon seine Hinwendung zur Weimarer Republik war weniger von historischer Analyse oder politischer Überzeugung getragen als von seinem Abscheu gegen die Gewalt auf der Straße von rechten und linken Radikalen. Seine Gegnerchaft zum Nationalsozialismus hatte für ihn zwar immer mehr unabweisbare humanistische Gründe, beruhte aber im stärksten Affekt auf seinem geradezu physischen Ekel vor Hitler, dem Schreihals, als Person. Dass er nach dem Krieg sogar gewisse Sympathien für das Gesellschaftsmodell der sowjetischen Sieger durchscheinen ließ, beruhte nicht auf Analyse, sondern auf konservativer Abneigung gegen den für ihn kulturlosen Kapitalismus seines Gastgeberlandes USA.

Der Film arbeitet das unaufdringlich und anschaulich heraus. Der Großschriftsteller flüchtet sich in die hehre Kulturwelt eines Goethe-Humanismus und ins Allgemeine. Als im Weimarer Hotel ein Aktivist um Fürsprache bittet für die Tausenden Oppositionellen, die das stalinistische Regime nach den Nazi-Verbrechern nun im nahen vormaligen KZ Buchenwald gefangen hält, wirkt er – sehr subtil gespielt von Hanns Zischler – nur verstört und irritiert. Aber die breite Bildung des Oberst Tjulpanow als für Kultur und Propaganda zuständigen Sowjet-Militär (eine – wie so viele – exakt recherchierte und präzise gezeichnete historische Figur) beeindruckt ihn tief. Gegen das charmante Werben seines staatstreuen Dichter-Kollegen Johannnes R. Becher, einen Repräsentantenfunktion in der Kultur des neuen Staates, leister er hingegen von Anbeginn an zähen inneren Widerstand.

Tochter Erika Mann, der die amerikanische Staatsbürgerschaft verweigert wurde, ist zwar auch tief gespalten „zwischen Stalin und Mickey Mouse“, im Konkreten aber viel entschiedener als ihr Vater. In einer gleichfalls gut erfundenen Szene trifft sie beim Sektempfang auf ihren zeitweiligen Ehemann, auch zeitweiligen Partner ihres Bruders Klaus, der über den Opportunismus des Großschauspielers seinen Roman „Mephisto“ geschrieben hat. Sie wirft ihm seine Kumpanei mit den Nazis und seine menschliche Niedertracht nicht nur vor, sondern verpasst ihm eine schallende Ohrfeige.

Für seine Schauspielerführung (sein polnisches Team hat er er mit lauter deutschen Schauspielern von hohem Rang ergänzt), aber auch für die Präzision und Dichte in allen Belangen hat Paweł Pawlikowski bei den Filmfestspielen in Cannes den Regie-Preis bekommen, die Silberne Palme. Völlig verdient für diese grandiose Verbindung von subtilem menschlich-familiärem Drama, historisch-politischer Tiefe und kulturgeschichtlicher Bedeutung.

Am Ende will eine völlig erschöpfte Erika nur noch „heim“. Wo ihre Heimat denn sei, fragt der Vater vorsichtig, dem sie die ganze Reise über so nah geblieben und doch auch so fremd geworden ist. Er kennt das auch. Sie sitzen in einer leeren Kirche und lauschen einem Organisten, der Bachs Choralbearbeitung „Jesu bleibet meine Freude“ übt. Erika nimmt die Hand von Thomas Mann und führt sie sacht auf ihr Knie.

84 min, FSK 0. Fotos: Verleih

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