Kino

„Odyssee“ – Held ohne Kraft

In den Kinos der Region läuft Christopher Nolans homerisches Epos über die Irrfahrten des Odysseus

TÜBINGEN/REUTLINGEN. Monumental reicht nicht. Es fehlen die wirklich großen Bilder in Christopher Nolans Versuch, mit dem homerischen Menschheitsepos der „Odyssee“ in die Filmgeschichte einzugehen. Es fehlen, ja: Geschichten, Es fehlen auch die Gesichter dazu. Matt Damon als zweifelnder Irrfahrer, als listenreicher Sieger des Trojanischen Kriegs, als tragischer Held und treuer Heimkehrer, ist schlicht eine Fehlbesetzung. Jon Bernthal als dröhnender König Menelaos nicht weniger. Blass bleiben auch Tom Holland als Telemachos, seinem Sohn, und Robert Pattinson in der Rolle seines Widersachers Antinoos, der die Riege der penetranten Freier um Penelope am verwaisten Königshof von Ithaka anführt.

Matt Damon als Odysseus.

Besser sieht es bei den Frauen aus. Anne Hathaway altert als unverbrüchlich treue und geduldige Gattin Penelope in Schönheit und in Würde. Wunderschön auch Charlize Theron, die als Nymphe Kalypso mit ihren Lotosblüten den Gestrandeten in Beschlag nimmt und ihn sein Schicksal samt seiner Heimat zeitweise vergessen lässt. Als Autorenfilmer (!) leistet sich Christopher Nolan ein paar gebildete Einfälle wie die geheimnisvollen zerstörerischen Seevölker. Sowohl die Rollen der Helena, schönste Frau der Welt und Kriegsgrund, als auch der Klytämnestra, Gattenmörderin des heimkehrenden Siegers Agamemnon, mit der schwarzen Schönheit Lupita Nyong’o zu besetzen, könnte originell sein, wenn es einen dramaturgischen Sinn und Hintergrund hätte. Aber es wirkt nur wie ein leicht lächerliches Symbol, als beflissenes Zugeständnis an einen „antirassistisch“ woken Zeitgeist, das selber Rassismus transportiert – den umgekehrten, den guten, versteht sich: als kulturelle Aneignung reverse.

Sie hält den Hof von Ithaka gegen die Freier – und die Treue zu ihrem Odysseus: Anne Hathaway als Penelope.

Nach seinem oscar-gekrönten Welterfolg mit „Oppenheimer“ dürfte Christopher Nolans Produktion stolze Summen für sein antikisches Action-Fantasy-Projekt verpulvern. Von 250 Millionen Dollar ist die Rede. Das Ergebnis ist doch eher dürftig. Die endlosen Szenen von Feuersbrunst und Schwerterkampf, von Sturm und Strudel, von Schiffbrüchen und Heldentoden der Gefährten durch gefräßige und steineschleudernde Ungeheuer sind zwar mit einem gewissen Hollywood-Handwerk routiniert gefilmt, beginnen aber bald zu langweilen mit ihren ewigen Nahaufnahmen, den ewigen schnellen Schnitten und der ewig dröhnenden Klanguntermalung. Das hölzerne Pferd wird als liegende Variante vom Strand vor ein Tor geschleppt, das wie das ganze brennende Troja als eher unbeholfene Kulisse anmutet.

Das Trojanische Pferd wird vom Strand geschleppt.

Dass in der Westsahara gedreht wurde hat – wegen der Okkupation durch Marokko – politische Kritik hervorgerufen. Man kann die Drehorte aber auch aus filmischer Sicht kritisieren. Bei Island und Schottland wundert es nicht, wenn sie weder mittelmeerische noch gar griechische Atmosphäre verströmen. Aber auch die auf den Äolischen Inseln, Sizilien und nicht einmal Pylos und Ghialova, Korinth, Methoni oder die Nestorhöhle über der Voidokilia-Bucht – alle auf griechischem, ja mythosgetränkt antikem Boden – schafft Nolan das. Schön, aber nicht groß.

Troja brennt.

Als Drehbuchautor und Dramaturg schafft es Christopher Nolan dabei eigentlich gar nicht so schlecht, die vielschichtige Odysseus-Geschichte samt ein paar Elementen aus Homers vorangehender „Ilias“ zu einem plausiblen, schlüssig nachvollziehbaren Plot zu knüpfen, mit Rückblenden und erzählenden Passagen. (Es geht da natürlich nicht – was für ein Unfug! – um irgendwelche „historische“ Authentizität.) Eine bewegende Erzählung gelingt ihm dennoch nicht, eigentlich in keiner der vielen Episoden. Das Epos wirkt kaum mehr als mit großem Aufwand bebildert, illustriert, in Szenen voll von Action und Fantasy gesetzt, denen die dramatische Dichte fehlt, oft auch die schauspielerische Intensität und Glaubwürdigkeit ihrer Charaktere. Und den einäugigen Zyklopen Polyphem darzustellen, der Felsen schleudert und die ersten Gefährten verspeist wie Müsli-Riegel, ist natürlich filmisch kein einfaches Unterfangen.

Schon Nolans „Oppenheimer“ über den „Vater der Atombombe“ war als Stoff Menschheitsgeschichte. Allerdings ohne Zyklopen, Skyllen, Charybden, hin- und rückverwandelte Schweine und andere antike Fantasy-Geschöpfe. Dafür mit vielen herausragenden Schauspiel-Leistungen. An Homers „Odyssee“ hat er sich eher verhoben. Die Musik übrigens, wiederum von Ludwig Göransson verantwortet, geht im Lärm all der Infernos ziemlich unter. Vielleicht passt das Genre nicht. Vielleicht ist so ein Stoff bei einem James Joyce doch besser aufgehoben, unendlich weit weg von der bloßen Darstellung.

Mit allem Respekt für filmisches Handwerk ohne viel AI: Für Christopher Nolan und seinen Traum eines epochalen Monumentalfilms war die „Odyssee“ wohl zu groß, zu bunt und fantastisch, zu märchenhaft.

172 min. FSK ab 16

Fotos: Universal Pictures

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