Beim Tübinger Sommernachtskino las der Schriftsteller Wladimir Kaminer am Dienstagabend aus seinem neuesten Buch
TÜBINGEN. Die Filmabende des Sommernachtskinos in der Tübinger Brunnenstraße werden auch in diesem Jahr immer wieder unterbrochen von Lesungen. Wladimir Kaminer („Russendisko“) ist längst Deutscher geworden, Berliner, Brandenburger. Aber Russe ist er doch geblieben – vielleicht sogar so etwas wie ein Vorzeige-Russe, der den Deutschen die russische Seele erklärt. Am gestrigen Dienstagabend war er wieder mal in Tübingen. Kaminer erzählte viel Launiges, las ein wenig Humoristisches und signierte sein neues Buch „Gebrauchsanweisung für Nachbarn“.

Ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her mit der „Russendisko“. Wladimir Kaminer traf damit einen Ton, behielt ihn bei und wurde zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller deutscher Sprache. Im Wendejahr 1990 war er noch als Sowjetbürger aus seiner Geburtsstadt Moskau in die DDR gekommen, ist in Berlin geblieben, hat sich mit seiner Familie aber noch ein Häuschen auf dem platten Brandenburger Land zugelegt. Diese Lebenswelt aus sowjetrussischer Herkunft, Hauptstadtleben im Zentrum nahe dem „Mauerpark“ (zwischen Prenzlauer Berg und Wedding) und einer Idylle in der tiefsten, ländlichsten und einsamsten Provinz ist sein Thema geblieben. Wie er davon erzählt, ist kaum von dem zu unterscheiden, wie er darüber schreibt.

„Ich bin wieder da, liebe Tübinger-Innen!“, begrüßt er sein Publikum und fängt gleich an über das Dorf in Brandenburg zu plaudern, wo er gerade „vier Tage lang Geburtstag gefeiert“ habe und wo er „seit 16 Jahren Fortschung zum Schrebergarten“ betreibt. Die Frau habe das entschieden bei der Wahl zwischen Datsche und Hund. Das nimmt man ihm – die kleinen Übertreibungen, Verblüffungen und dialektischen Zuspitzungen einberechnet – als gelebte und beobachtete Wirklichkeit gerne ab; genauso wie die Berliner Wohnung, erster Stock, im Bornholmer Kiez, wo unter dem Balkon ein nepalesisches Restaurant seine Gäste bewirtet.

Im brandenburgischen Dorf, das über keinen Bus, aber über eine Bushaltestelle verfüge, die kurzerhand zur Dorfkneipe erklärt worden sei, dort habe die Familie nicht gar so leicht Fuß fassen können: „Russen reinlassen? Die wollen doch nur trinken…“ hätten sich die „118 Einwohner, gefühlt: zehn“ gefragt. Die erste Datsche habe man mangels korrekter und pflichtgemäßer Pflanzenpflege nach einem Jahr gleich wieder gekündigt bekommen, aber mittlerweile dazugelernt und sich mit den Nachbarn Sven, Kai und Mathias, den Pilzsammlern, ganz gut arrangiert.
In skurrilen und drolligen Details erzählt Kaminer vom Kampf gegen die Mäuseplage, für den er sogar Suchmaschinen aus der alten russischen Heimat um Rat gefragt habe. Er streut aber auch immer wieder Aktuelleres zu Trump oder dem verschollenen Buckelwal Timmy ein oder über „den Spahn mit diesem Kind, das er nicht zurückgeben will“. In der Hauptstadt ärgern ihn seine „Berliner Hipster“- Nachbarn mit der Unsitte dieser „Zu verschenken!“ – Müllentsorgung. Bei den Rückblenden in die karge Sowjet-Kindheit schimmert ein wenig Wehmut durch den Spott. Mit dem bösen Blick Lenins sei gedroht worden, wenn der ungenießbare Kartoffelbrei im Kindergarten nicht aufgegessen würde.

Eine nette Corona-Geschichte lässt Kaminer wieder in Brandenburg spielen. Dort habe eine befreundete Sängerin die griechische Tragödie umgedreht, in der ein Chor den Tod des tragischen Helden betrauert. Denn diese Frau habe, nach negativem Schnelltest, ganz arglos den gesamten Gesangverein mit der Seuche angesteckt und dürfe seither nicht mehr mitsingen. Weil solche Geschichten bei aller schmunzelnden Zeitkritik doch auch einfach lustig sind, werden im locker besetzten Rund immer mehr kollektive Lacher laut. Zur Pause schickt Kaminer sein dankbares Publikum zur Seite, „um die Bar leerzutrinken“. Nach dem Signieren werde er dabei helfen, verspricht er.


