Literatur

Museum – Eidinger las Brasch

Im Tübinger Kino Museum trug Filmstar Lars Eidinger, begleitet vom Schlagzeuger George Kranz, am Maifeiertag Texte von Thomas Brasch vor, zumeist Lyrik

TÜBINGEN. Natürlich kamen sie seinetwegen ins Kino Museum. Lars Eidinger zählt zu den wenigen echten Filmstars des Landes. Der Große Kinosaal war fast vollbesetzt, und das am Abend des sonnigen Maifeiertags. Der Drummer George Kranz begleitete ihn mit plastischen Schlagzeug-Soli, auch mit Stimm-Percussion. Eidinger, 50 Jahre alt und nebenbei passionierter Fotograf und DJ, trug Texte von Thomas Brasch vor, einem der aufregendsten und vielseitigsten Dichter, Dramatiker, Romanciers, Essayisten, dazu Regisseur und Übersetzer (Shakespeare und Tschechow) deutscher Sprache der jüngeren Zeit. „Vor den Vätern sterben die Söhne“, sein größter Erfolg als Erzähler, wurde zum geflügelten Wort.

Obwohl Brasch schon kurz nach der Biermann-Ausbürgerung mit seiner Gefährtin Katharina Thalbach und deren Tochter Anna in den Westen ging, gilt er als ein Kind der DDR, literarisch wie politisch. Nach dem „Prager Frühling“ und seiner Niederschlagung durch Panzer kam der Renitente in Haft, musste zum Straßenbau oder als Kellner „in die Produktion“. Die Parteikarriere seines Vaters brach ab. Auch seine Brüder Klaus und Peter hatte die Stasi sorgfältig bespitzelt. Im Jahr 2001 ist Thomas Brasch 56-jährig gestorben. Der Heimatlose hatte sich die Seele aus dem Leib getrunken, wie schon beide Brüder. Man muss das wissen, nicht werten.

Auch Braschs Lyrik ist ungemein vielseitig, aber immer konkret. Nichts Esoterisches, Kryptisches, kaum Experimentelles darin. Sie reicht von präzise geformten und rhythmisierten Miniaturen bis zu freien Prosa-Gedichten. Ganz unbefangen verwendet Brasch Reime; aber so, als seien sie gefunden, nicht gesucht. Ganz selten parodiert oder verfremdet er sie mal als Stilmittel. Nicht nur weil Lars Eidinger das so ausgesucht hatte, waren die Extreme der Liebe vom Zärtlichen und wilder sexueller Leidenschaft bis zum Toxischen zwischen Mann und Frau das zentrale Thema. Ein wenig Politik, Gesellschaftskritik, auch etwas Familiengeschichte dieser bemerkenswerten Sippe kamen hinzu. Schwester Marion Brasch hat sie übrigens romanhaft festgehalten.

Braschs jüdisch-atheistische und kommunistische Familie war nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem englischen Exil zurückgekehrt – in die entstehende DDR, wo der Vater Horst Brasch, zunächst als getaufter Konvertit katholisch engagiert, später als SED-Funktionär bis zum stellvertretenden Kulturminister aufstieg. Die aus Wien stammende Mutter Gerda war Journalistin und hatte einen ähnlichen Hintergrund. Ihr freihändiger Umgang mit der Religion, der sie vor der Judenvernichtung rettete, war Thema eine Prosa-Erinnerung Thomas Braschs, wonach Lars Eidinger eine längere Pause einlegte.

Das ungemein feine Sprachgefühl von Thomas Brasch fand in Lars Eidingers Diktion eine genaue Entsprechung. Ganz schlicht, ganz frei von Affekt und Effekten trug er mit seinem klangvollen Bariton die Worte vor. Die Zwischenspiele von George Kranz passten in ihrer feinen, genauen Ausarbeitung – oft mit Besen, hin und wieder nur das Fell der Trommeln reibend, nur ein einziges Mal als eruptives und expressiv virtuoses Solo nach Art des alten Rock, als Musikstücke, nicht als Beat – sehr genau dazu. Selbstverständlich nahm er den Morserhythmus auf, als im Gedicht von SOS die Rede war. Kranz ergänzte das durch eine Art von Mund- und Stimm- und Lippen- Percussuion, die an die „Maulwerke“ des klassischen Neutöners Dieter Schnebel erinnerte.

Ein oft zitiertes Wort von Thomas Brasch, das seine politische Gefühlslage als anarchischer Linker zwischen den Systemen genau umreißt, kam auch vor: „Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ aus dem Gedicht „Was ich habe, will ich nicht verlieren“. Brasch war gut vernetzt in der literarischen und künstlerischen Szene von Berlin und blieb es auch nach der Umsiedlung in den Westteil der Stadt. Heiner Müller, Uwe Johnson oder Christa Wolf kommen als Figuren oder Widmungen vor. Katharina Thalbach, seine Lebensliebe, ist Mittelpunkt von Braschs Liebeslyrik, die das ganze weite Feld einer Beziehung vermisst. Sie hat das Lars Eidinger bei einem zufälligen Treffen vor seiner Abreise bestätigt, wie er im persönlichen Nachspann (nach der Schattenriss-Zugabe aus dem „Mädchenmörder Brunke“) berichtete.

Dass Lars Eidinger mit seiner Lesetour den Blick auf den Lyriker Thomas Brasch lenkt, ist ein großes Verdienst. Denn über seine anderen Hochbegabungen hinaus, auch jenseits seiner bemerkenswerten, tragischen (Familien-) Biografie, gehört Brasch ganz sicher in die allererste Reihe der deutschsprachigen Dichter, Lyriker seines Jahrhunderts. Und Lars Eidinger darf man über seinen internationalen Rang als Filmschauspieler hinaus zu den führenden Intellektuellen des Landes zählen. Gut dass er so oftnach Tübingen kommt (zuletzt im Vorjahr mit Brecht – auch als Lyriker)

(später mehr – Veranstalter und Gastgeber Carsten Schuffert hat angekündigt, Fotos vom Event online zu stellen)

Begeisterter langer Beifall verabschiedete Lars Eidinger und seinen Ausnahme-Schlagzeuger George Kranz. Es gab eine Zugabe aus Braschs Text über Brunke, den Mädchenmörder. Als Schattenriss. Danach signierete der Filmstar Bücher und Tonträger und legte schließlich in den Oberen Sälen zur Anti-Disco auf. Foto: Martin Bernklau

Click to comment

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

To Top