Musik

Festsaal – Robuste Romantik

Gudni Emilsson dirigierte sein Tübinger Kammerorchester am Donnerstagabend mit Mendelssohns Doppelkonzert und Tschaikowskys Serenade

TÜBINGEN. Russische Romantik, deutsch-jüdische Romantik – eine reizvolle Gegenüberstellung. Aber Mendelssohn und Tschaikowsky zogen nicht so, als das traditionsreiche Tübinger Kammerorchester am Donnerstagabend unter der Leitung von Gudni Emilsson und mit zwei ausgezeichneten Solisten vors Publikum im Festsaal der Tübinger Universität trat: Nur rund zwei Drittel der Plätze waren besetzt. Aber diese Zuhörer konnten einen hervorragenden Auftritt des Streichorchesters, des Violinsolisten Peter Weimar und des dänisch-litauischen Pianisten Paulius Andersson feiern. Sowohl Mendelssohns frühes Doppelkonzert als auch Tschaikowskys C-Dur-Serenade hatten sie mit dem Dirigenten ungemein energisch, fast robust angepackt, ließen aber auch die leisen und zärtlichen Töne sanft leuchten.

Ohne Stab, aber mit umso plastischeren, suggestiveren Bewegungen zog Dirigent Gudni Emilsson sein Kammerorchster fulminant mit. Fotos: Martin Bernklau

Schon in der ausgedehnten Streicher-Einleitung zum Konzert für Violine, Klavier und Orchester d-Moll, einem verblüffenden Jugendwerk von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), deutete sich dieser Zugriff an. Wobei den Streichern im Verlauf der drei Sätze dann doch eine eher begleitende Rolle zum glanzvollen Dialog zwischen Geige und Klavier zukam. So ein klarer Vorzug der Solisten bei phasenweiser Vernachlässigung der Orchesterstimmen fand sich beim reiferen Mendelssohn schon bald nicht mehr. Der vielseitige Peter Weimar, schon fast ein Stammsolist als Tübinger, und der bereits mit vielen Preisen ausgezeichnete Pianist Paulius Andersson ließen sich diese Chance nicht entgehen. Und wurden gefeiert dafür.

Ganz lang umjubelte das Festsaal-Publikum die Solisten Peter Weimar und Paulius Andersson mit Gudni Emilsson und seinem Kammerorchester. Foto: Martin Bernklau

Die frühreife formale Gelehrsamkeit des 14-Jährigen mochte vielleicht etwas beflissen wirken. (Gerade dafür aber nannte der hellsichtige Nietzsche Mendelssohn ein „Genie der Dankbarkeit.“) Besonders in den Soloparts aber ist schon alles ausgeprägt, was sein Genie ausmacht: dieser frische Schwung, die modulatorisch-harmonischen Finessen, der melodische Feinsinn und die Eleganz. Ganz großartig setzten die Solisten das gemeinsame Konzept um. Kraft und Temperament prägten die wetteifernden Ecksätze, und selbst die gefühlstiefe Sanglichkeit des Adagios mied alles Süßliche zugunsten eines Verschmelzens beider Dialogpartner. These, Antithese, dann Synthese gewissermaßen.

Bei Paulius Andersson sah sich Gudnis Emilssons Ansatz wohl am deutlichsten umgesetzt. Selbst die rasanten Läufe – Mendelssohn wollte schon auch ein Virtuosenstück vorlegen – gestaltete sein kraftvoller Anschlag nicht als zart perlende Ketten, sondern in Ton für Ton gestochen scharfer Kontur, nicht selten mit imposanten Steigerungen. Auch Peter Weimar, souverän in Bogentechnik und Fingerfertigkeit, wusste seinen schönen, sehr sauberen Geigenton immer wieder noch zu verdichten. Ausgesprochen gut dabei die sensible Abstimmung selbst in den furioseren Passagen, auch mit dem Dirigenten, der freilich über weite Strecken seinem Duo zuhören durfte.

Peter Tschaikowsky (1840 bis 1893), der sich oft kritisch, sogar herablassend bis boshaft selbst über große Komponistenkollegen geäußert hat, bewunderte Mozart und Mendelssohn als die absoluten Genies der Musikgeschichte. Seine 1880 entstandene Streicherserenade C-Dur, opus 48, ist eine großartige Auseinandersetzung mit den klassischen Formen und Traditionen, die er mit seinen eigenen Techniken, seinem besonderen Ton und seinen Wurzeln in der slawisch-russischen Volksmusik verknüpfte. Die langsame Einleitung zum klangdicht feierlichen Kopfsatz, der sogar formal Mozart huldigt, erinnert auch ans Barock. Den Walzer als Tanzsatz hätte das Kammerorchester auch leichtfüßiger nehmen können. Aber robustes Markato war ja Programm.

Auch in der Elegie des langsamen Satzes sollte alles Gefühl aufkommen dürfen, aber kein Kitsch. Zwar hatte Gudni Emilsson seinen Streichern das Vibrato nicht gänzlich untersagt (was bei so romantischer Musik auf sinnvoll und richtig ist – die Musiker neigen da längst von allein zur Sparsamkeit). Aber bei den allerleisesten Schlüssen sollte dann doch völliger Verzicht sein. Das machte sie im Klang etwas leblos und fahl. Nun gut, man darf da durchaus den Tod hineininterpretieren. Lebenspralle Volksmelodien aber prägen das Finale. Mit der Wiederkehr des Eingangsthemas, der einprägsamsten aller Melodien dieser Serenade, schließt Tschaikowsky seine ganz besondere Ringkomposition. Das war sehr eindrucksvoll, sehr kontrastreich und geschlossen musiziert – und hatte den jubelnden Beifall vollauf verdient.

Ganz großer Applaus vom vergleichsweise eher kleinen Publikum für die Tschaikowsky-Serenade von Gudni Emilssons Tübinger Kammerorchester. Foto: Martin Bernklau

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