Musik

Stiftskantorei – Mozarts „Messias“

In der Tübinger Stiftskirche sang Ingo Bredenbachs Kantorei mit der Camerata viva den ersten Teil von Händels „Messias“ in Mozarts Fassung

TÜBINGEN. Nein, es ist natürlich nicht Mozarts „Messias“ geworden. In die kompositorische Kernsubstanz griff er nicht ein. Dazu hatte er viel zu viel Respekt vor dem großen Kollegen Händel. Was da, im Rahmen der Motette, am Samstagabend in einer fast vollbesetzten Stiftskirche mit dem ersten Teil von Händels Oratorium erklang, war eine Variante, die dem klanglichen Zeitgeschmack – und Mozarts Vorlieben – Tribut zollte und für eine einzige Aufführung in Wien im Jahr 1789 gedacht war. Im Wesentlichen ist es Mozarts vielgerühmter Bläsersatz, den auch Ingo Bredenbach mit seiner Kantorei, der entsprechend verstärkten Camerata viva und vier Vokalsolisten hervorheben wollte.

Ein „Messias“ muss sein in der Tübinger Vorweihnachtszeit. Diesmal war es Kantor Ingo Bredenbach, der den Besucher-Garanten aufführen durfte – und (neben dem Mozart-Arrangement, das recht häufig erklingt und auch hier nicht zum ersten Mal zu hören war) sich auf den ersten Teil beschränkte, der dem Advent und Christi Geburt gilt. Da fehlen dann zwar Kronjuwelen wie das „Hallelujah“ oder die Erlöser-Arie. Andererseits aber ist so ein „Messias“ der Kürze halber leichter zu bewältigen. Bredenbach fordert viel von seinen Chören, bringt Großwerke in doch sehr schneller Taktung mit knappen Probezeiten zur Aufführung und kann sich dabei meist auf das in langen Jahren erreichte stimmliche und musikalische Niveau verlassen. So auch diesmal, mit der Kantorei, die es, besonders seit Corona, allerdings mit deutlichem Männerstimmen-Mangel zu tun hat.

Der Musikwissenschaftler Bredenbach hat mit seiner sehr lesenswerten Einführung im Programmblatt die Entstehungsgeschichte und den Charakter der Mozart-Fassung detailliert erläutert. Vielleicht darf man zum originalen „Messiah“ George Frederick Handels, der mit überwältigem Erfolg zur Osterzeit 1742 in Dublin uraufgeführt wurde, noch etwas zu dessen Schöpfungs-Mythos ergänzen. Wie im Rausch soll Händel das Oratorium binnen 24 Tagen in seiner Rohfassung niedergeschrieben haben, was ganz glaubhaft überliefert ist. Am Rande des Spekulativen würde man dies aber heutzutage keinem Genie-Anfall zuschreiben, sondern einem manisch-depressiven oder bipolaren Seelenzustand, mit dem Händel wohl zu tun hatte. Auch von Völlerei und Trunk dürfte er sich, vergeblich natürlich, Linderung versprochen haben.

Schon die Ouvertüre mit dem majestätischen Grave und der sehr freihändig gesetzten Fuge ist so ein Geniestreich. Bredenbach wollte sie von der Camerata viva eher leicht und weich genommen wissen, Portato ohne Pathos, ohne zuviel Schärfung mit doppelten Punktierungen und überhaupt ohne zuviel barocken Prunk. Auch der weitgehende Verzicht auf Vibrato sollte der Transparenz und einer gewissen Nüchternheit dienen. Aber das deutliche Herausheben der Bläser deutete sich schon an: mit drei Posaunen, zwei Trompeten, zwei Hörnern, zwei Flöten und vor allem zwei Klarinetten (die Mozart liebte, aber Händel noch nicht kennen konnte), war das Orchester in Wien besetzt.

Ein Blick auf Teile der von Mozart verstärkten Bläsergruppe. Fotos: Martin Bernklau

Ganz weich begann Tenor Marcus Elsässer dann sein Rezitativ „Tröstet Zion“ und setzte es in der Arie „Alle Tale“ ebenfalls sehr textbetont fort. Dass er ornamentales Vibrato vermied oder reduzierte, stand in einem gewissen Widerspruch zur reichlichen Verwendung barocker Verzierungen, die in Mozarts Notentext aber womöglich ausgeschrieben sind. Mit Pausen, in Abschnitten je nach Wortsinn phrasierte er. Gegenüber der Camerata, die auch ganz trocken vibratofrei gestaltete, wurde die Intonation stellenweise etwas matt.

Den ersten Chor („Denn die Herrlichkeit“) wollte der Dirigent etwas getragen langsam haben, was dann ein wenig den Eindruck des behäbig Zähen aufrufen mochte, aber als durchaus solide überzeugen konnte. Der Mangel an Männerstimmen veranlasste auch die Frauen zu einer gewissen klanglichen Anpassung. Georg Benz mit fast hellem Bariton nahm sein Rezitativ und die Arie mit der vom Text gebotenen kontrastreichen Dramatik, im Ton aber ebenfalls schlank. Die Flötenbegleitung als markantes Mozart-Element bekam demonstrativ viel Klangraum.

Mit dem Chorsatz „Und er wird reinigen“ mit solistisch hervortretendem Sopran plus Rezitativ (Alt) traten dann die Frauensolisten Christine Reber und Pauline Stöhr hinzu, beide schlank, schön und schlicht in der Stimmführung, Phrasierung und dem Ausdruck. Die Hörner und die Posaunen waren manchmal vielleicht etwas wuchtig. Die Fagottisten genossen es, dass Mozart sie vom Basso Continuo zu ausgeschriebenen, beweglichen Stimmen geadelt hatte. Ingo Bredenbach bediente übrigens, wo vorgesehen, das Continuo-Cembalo selber.

Ein engagierter, zuverlässiger und sicherer Chor von gut 70 Stimmen, aber mit merkbarem Männermangel: Die Kantorei der Stiftskirche. Foto: Martin Bernklau

Den Chor „Uns ist zum Heil ein Kind geboren“ eröffneten alle vier Vokalsolisten, die merkbar einheitlich gestalten wollten. Doch Christine Rebers Sopran durfte auch mal kraftvoll strahlen, wie später im Rezitativ „Und der Engel“. Kraft und Glanz setzte mit seinem „Wunderbar!“-Einsatz auch die Stiftskirchen-Kantorei frei. In der Pifa, der instrumentalen Hirtenmusik, zeigte sich gerade mit den Querflöten auch wieder der bläser-geneigte Mozart-Sound. Da war viel Agogik drin, was aber vielleicht auf Kosten des gleichmäßigen Wiegens ging.

Die versierten Vokalsolisten Christine Reber, Pauline Stöhr, Marcus Elsässer und Georg Benz (von links). Foto: Martin Bernklau

Die Vokalsolisten mochten in ihrer – beim Tenor am deutlichsten – segmentierten, mehr auf den Text denn auf Ton und die Fülle des Wohllauts ausgerichteten Deutung vielleicht manchmal etwas eckig wirken, wie die Camerata viva auch. Die eher sachliche, nicht auf strahlenden Glanz gebürstete Interpretation gefiel dem Publikum bis zu Schlussquartett und dem finalen Chor „Sein Joch ist sanft“ aber doch so gut, dass es nach einer wunderbar langen Stille in begeisterten, ausdauernden Jubel ausbrach.

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