Kunst

Spendhaus – Der Kuss

Im Reutlinger Kunstmuseum wird am Donnerstag die Ausstellung „Love Will Tear Us Apart“ um den Kuss, die Liebe und die Trennung eröffnet

REUTLINGEN. „Der Schrei“ brachte ihm Weltruhm. Edvard Munchs „Kuss“ ist der bedeutendste und teuerste Holzschnitt, über den das Reutlinger Kunstmuseum Spendhaus verfügt. Rund um dieses Zentralwerk hat das Kuratorenteam unter dem Titel „Love Will Tear Us Apart“ (Die Liebe wird uns auseinanderreißen) eine Ausstellung mit Werken aus dem Sammlungsbestand zusammengestellt und multimedial auch mit aktuellen Künstlern ergänzt. Einer davon hat sich zur Vernissage am Donnerstag, 30. April um 19 Uhr angekündigt: der angesagte junge Franzose Jérémie Danon.

Nicht nur des großen Namens und seines Wertes wegen ist „Der Kuss“ (auf dem Titelfoto mit Stephan Rößler spiegelt sich auch der in Pink gehaltene Titel der Ausstellung) so wichtig. Norwegens Nationalkünstler Edvard Munch (1863 bis 1945) zeigte sich mit dem ineins zerfließenden Doppelporträt von Mann und Frau auch (wie Paul Gauguin) als stilbildender Revolutionär der Gattung: Er nutzte für seinen Holzschnitt einerseits zwei Druckstöcke; und er setzte die Maserung des Holzes als Stilmittel ein, vertikal. Der nicht versteckte Riss der Motivplatte, zumindest beim dritten Gang an die Presse 1906 (nach Abzügen von 1887 und 1902), lieferte dem Team gewissermaßen die Anregung für das Thema: Liebe und Trennung. Und auch Sex.

Die obere Etage dominiert eine multimediale Arbeit von Jérémie Danon um das zeitgeistig abgewandelte Märchenthema der Prinzessin: „Il ètait une fois enthéorie“, was soviel bedeutet wie: „Es war einmal, theoretisch“. Das ist ein Film von knapp 24 Minuten Länge, der in Dauerschleife auf einer großen Leinwand mit jugenstilhaft geschwungenem Schwarzrahmen läuft. Die Besucher werden aber zunächst von einem opulenten blauen Kostüm-Umhang mit Keramikbesatz empfangen, der zur Ausstattung gehört. Figuren, Szenen und Motive hat Danon auch in einer Serie von Ölbildern stillgestellt. Die Künstlerin Alice Billaud hat zudem einen Spiegel mit Jugendstil-Keramikrahmen sowie ein „Zerbrochenes Schwert“ leihweise zur Verfügung gestellt, das im Film eine Rolle spielt.

Hauptkuratorin Charlotte Baumann erklärte den opulenten blauen Umhang mit Keramikbesatz, der in Jérémeie Danons Märchenfilm „Es war einmal, theoretisch“ (im Hintergrund) eine wichtige Rolle spielt. Foto: Martin Bernklau

Den zentralen Munch-Holzschnitt an der Stirnseite des ersten Obergeschosses flankieren zwei Monitore, auf denen berühmte Kurzfilme laufen. Rechterhand ist ein Kuss der serbischen Kunst-Extremistin Marina Abramović *1) mit ihrem Lebens- und Schaffenspartner Ulay zu sehen („Breathing in – Breathing out“, Belgrad 1977), der aus Atemnot wegen verschlossener Nase in ihrer (nicht mehr festgehaltenen) Ohnmacht enden wird.

Andy Warhols „Kiss“ von 1963 war ein Aufstand gegen die prüden Hollywood-Regeln für Küsse, aber noch viel mehr ein Meilenstein der Schwulen-Befreiung, weil unter den Paaren auch einander küssende Männer zu sehen waren. Ein weiterer Film, ein 11-minütiges Farb-Video mit dem Titel „Woods (Awakening)“ (Erwachen) wird in einem abgedunkelten Séparée im Loop gezeigt und wurde von der Mercedes Benz Art Collection entliehen. Amit Berlowitz zeigt ein Paar im Grünen, dessen romantischem Liebesakt der Sex mit einem zufällig vorbeikommenden Wildfremden folgt. Ein vierter Film ist ein Konzertmitschnitt von Ikkimel, in dem ein männlicher Zuschauer mit einer Hundemaske zum Tier erniedrigt und im Käfig eingesperrt wird.

Co-Kuratorin Stefanie Kogler-Heimburger vor Nino Bullings bemalter Seidenfahne. Das dunkle Querformat daneben ist Matthias Mansens Holzschnitt „Essen…“ Links im Hintergrund Holger Bunks „Juxfoto…“. Foto: Martin Bernklau

Unter vielen großen Namen ist selbstverständlich am Rande auch der hausheilige HAP Grieshaber mit drei Farbholzschnitten vertreten, mit dem frühen „Paar“ (1937), den „Janusköpfen“ von 1956 und dem 1953 geschnittenen größeren Format „Elysium“. Das allerkleinste Gegenstück ist auch bedeutsam: Paul Nashs „Road, perhaps over a moor“ von 1923. Aus dem gleichen Jahr Max Beckmanns „Kleines tanzendes Paar“, etwas älter „Der Kuss“ von Otto Dix oder „Mann und Weib“ von Wilhelm Laage. Noch reinster Jugendstil vom Ende des !9. Jahrhunderts der Farbholzschnitt von Peter Behrens, gleichfalls als „Der Kuss“ betitelt. Und ganz alt ein Juwel der Sammlung: das „Liebespaar“ von Sebald Beham, im Jahr 1522 geschnitten.

Der Reutlinger Matthias Mansen hat im Jahr 1985 in Berlin aus einer Schranktür den Druckstock für „Essen. Ein Paar am Tisch“ geschnitzt. Bethan Huws nutzt weiße Buchstaben auf schwarzen Rillenschienen für eine Assoziationsreihe um das Wort „Épouse“ (Gemahlin), dann „épouser“ (heiraten). Gonzalo Orquin zeigt zwei Fotos lesbischer und schwuler Paare vor Altären „Si, quiero“ (Ja, ich liebe) – schon anno 2013 eher angekitschte Demo als Kunst. Nino Bulling hat sein genderfluides Fahnentextil „Sometimes when we kiss…“ mit Tinte auf weiße Seide gemalt. Er wird in Laufe der Ausstellung auch als Gast erwartet.

Co-Kurator Krause-Schenk Johannes Schenk durchmisst den oberen Raum der Spendhaus-Ausstellung, die den Untertitel „Ambiguität eines starken Gefühl“ trägt. Rechts Holger Bunks „Juxfoto mit G.F. Götz“. Foto: Martin Bernklau

*1) Wer sich von Liebe erschüttern lassen und weinen will, der schaue an, was sich bei der Abramovic-Performance 2010 im New Yorker Museum of Modern Art ereignet hat, als sie 17 Stunden lang schweigend Besuchern gegenübersaß und sich gegen Ende überraschend auch Ulay eingefunden hatte. Sie hatten sich seit ihrer Trennung auf der Chinesischen Mauer im Jahr 1988 nicht mehr gesehen.

Oder man besuche ihre aktuelle Ausstellung „Balkan Erotic Epic“ im Berliner Gropius-Bau.

Info: Die Ausstellung „Love Will Tear Us Apart -Ambiguität eines starken Gefühls“ wird am Donnerstag, 30. April 2026, um 19 Uhr im Reutlinger Spendhaus (Spendhausstraße 4) eröffnet und ist vom 1. Mai bis zum 1. November 2026 zu sehen. Geöffnet ist Di bis So, 11 bis 17 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Am langen Donnerstag ist der Eintritt frei.

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