In der Werkstatt des Tübinger Landestheaters ist eine Stückentwicklung von Niko Eleftheriadis und seinem Ensemble nach Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“ zu sehen.
TÜBINGEN. Ja. Eine Figur macht sich frei. Sie lässt die Hosen runter. Ein sauber frisierter Penis durchschnittlicher Form und Größe, die Hoden drunter, sollte sie als Mann, als Cis-Mann, als biologischen Mann ausweisen. Doch so einfach ist das nicht im „Bildnis des Dorian Gray“, einer Stückentwicklung von Niko Eleftheriadis mit seinem vierköpfigen Ensemble. Am Samstagabend hatte die sehr freie Oscar-Wilde-Adaption in der Werkstatt des Tübinger LTT ihre ziemlich ausverkaufte und gefeierte Premiere.

Eigentlich dient der Roman nur als Rahmen und Folie für eine stark sexualisierte Selbstbespiegelung, die alle Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Mimen und Rollen, Theater und Publikum und natürlich auch zwischen den Geschlechtern in mengenweise Text und Bühnennebel auflöst. Jonas Breitstadt und Sebastian Fink sind die männlichen, Robi Tissi Graf und Susanne Weckerle die weiblichen Akteure. Figuren, gar mit Namen, die gibt es nicht. Das Quartett tritt unisex, mit einheitlichen rosa Perücken und Krawatten in Anzügen auf die Bühne. Später tragen alle Viere auch hin und wieder Hitler-Bärtchen dazu. Oder sie entkleiden sich bis auf hautfarbene Bodysuits, über denen weiße Feinripp-Unterhosen, Männermodelle Marke Schießer, das Genitalareal zusätzlich abdecken.
Natürlich liegt es nahe, den schwulen Dandy aus Irland in eine „queere“ Ahnengalerie zu hängen. Nach ein paar der unvergleichlichen Sottisen, Bonmots und Aphorismen Oscar Wildes, nach einer Skizze der Handlung des „Dorian Gray“ – es geht um Kunst und Leben, um Schönheit, ewige Jugend und Verfall – führt das Stück aber sofort ganz weit weg von diesem Text und diesen Themen, zunächst in die Wissenschaft, in die Chemie. Susanne Weckerle referiert über den Kunstststoff Polypropylen, dessen Formbarkeit und Beständigkeit wie bei den weißen Stapelstühlen aus Plastik sie auch ihrem Körper wünschen würde, oder dem ihrer Kunstfigur.

Schnell reichert sich die Sprache mit dem Gegenteil von Oscar Wildes Esprit und Eleganz an: mit viel deutschem Englisch, umgangssprachlichen Schmähungen wie „Hohlfritte“ und mit einer zunehmend sexualisierten Vulgarität, die im Publikum zuverlässig befreite Lacher auslöst, obwohl das Spektakel keineswegs als Komödie gedacht ist. Die Nase und die Fresse in die „Arschritze“ stecken, den Schwanz ins Maul, das wird dann zwischen wahrhaftigen Wogen von referiertem oder rezitiertem Text auch szenisch zum Standbild. War das im Tattoo-Studio? Was sollte die Menschenpyramide darstellen, von der aus über lange Minuten chorischen Sprechens (eine großartige Leistung übrigens) irgendwelche Telefon-Dates verhackstückt werden? Mit allen nötigen Oszönitäten und lustvollem „Scheiße“ Gebrüll, versteht sich.

Dass die Mimen immer mehr ihre eigenen Geschichten erzählen, und zwar in Mimesis an ihren realen Status als LTT-Schauspieler, kann man als mutige Selbstbefragung, als den Versuch einer Reflexion werten, mit der die Grenzen zwischen Bühne und Alltag aufgelöst werden. Dass auch da die – vom (männlichen!) Regisseur – geforderte Nacktheit auf der Bühne zum Hauptthema wird, ist dieser schon fast manischen Fixierung aufs Sexuelle geschuldet („in der Loge bumsen“). Es geht beim Körperlichen (neben allen Anforderungen der Selbstoptimierung) letzlich um „Fuckability“. Erotik, Lust, Leidenschaft, gar Liebe? Kaum. Dieses Erzählen, eigentlich in endlosen Monologen und natürlich fast ausschließlich in „queeren“ Kodierungen und Konnotationen, ist mangels Szenischem nicht eigentliches Theater, jedenfalls nicht sein Kern.
Dafür baut Heike Mondschein als Ausstatterin ersatzweise äußerliche Effekte ein: neben besagtem Bühnennebel gibt es bei der Story der Demi Moore und ihrer Rolle im Horrorfilm „The Substance“ – da geht‘ ums gestoppte Altern wie im „Dorian Gray“ – heftige Strobo-Blitze. Hier schwillt auch Siri Thiermanns Soundtrack ins Ohrenbetäubende an. Ganz gegen Ende wird dann mit einer reinen Rezitation noch einmal die Verbindung zu Oscar Wilde hergestellt, die zwischendurch völlig gekappt schien. Robi Tissi Graf verband sich stattdessen auch räumlich mal ganz mit dem Publikum, um da – klar – über Geschlechtliches zu räsonieren, etwas schnell in der Diktion, aber mit bewundernswerter Textbeherrschung wie bei den Anderen auch.

Wirklich überzeugend war das nicht, allenfalls interessant – und selbstentblößend. Man mag sich fragen, ob der nackte Mann auch als nackte Frau denkbar gewesen wäre, oder ob das nicht als Sexismus unter ein Tabu fallen musste. Und man mag sich fragen, ob die Umdeutung des Gift-Selbstmordes in der „Dorian Gray“-Story zu einem Selbstmordattentat mit hunderten Toten im Theater nicht (ohne Not) ein wenig weit hinausgeht über gewisse Grenzen – auch des Geschmacks. Und Manches mehr…
Aber die Zuschauer umjubelten das Experiment einer queeren Vereinnahmung des „Dorian Gray“-Stoffes und seiner Verfremdung ins Hier und Jetzt begeistert und ausdauernd.



