Das Melchinger Lindenhof-Theater hat seine Handwerker-Saga „Vom Glück der Tätigen“ in der Mössinger Pausa wiederaufgenommen
MÖSSINGEN. Einerseits kehren die Lindenhöfler zurück zu ihrem Wurzeln mit dem Stück „Vom Glück der Tätigen„: in die regionale schwäbische Lebenswelt, mit einem gewissen linken Anspruch. Andererseits sprengen sie die Grenzen traditionellen Theaters noch weiter auf als mit den legendären Theaterspaziergängen: Das von Franz Xaver Ott geschriebene Handwerker-Stück hat gar keinen durchgehend festen Text mehr, sondern ist in weiten Teilen geplauderte Unterhaltung aus dokumentierten Interviews – mit Personen, die keine Schauspieler mehr sind, sondern reale Menschen, wie sie von ihrem wirklichen Leben und seinen Geschichten erzählen. Die phänomenale Tiefe der Bühne in der Bogenhalle der alten Mössinger Pausa hat Regisseur Johannes Schleker für großartige Bilder benutzt. Ganze Scharen von Laienspielern bevölkern und beleben sie neben den paar Profis. Am gestrigen Samstag begann die nachsommerliche Fortsetzung des bemerkenswerten Events.

Da hat man noch einmal die Gründergeneration ans Werk gelassen. Die zeitgeistigen woken Themen von Gender und Transgender bis zum Klima und den Identitäten sind bei den jüngeren Theatermachern vom Melchinger Lindenhof in guten Händen. Für Franz Xaver Otts „Glück der Tätigen“ spielen sie keine Rolle. Was die erweiterten theatralischen Mittel angeht, so beginnt das mit den Lindenhof-Profis Hannah im Hof, Berthold Biesinger, Linda Schlepps und Luca Zahn, die als die allegorischen Figuren Kultur, Handwerk, Soziologie und Philosophie fungieren und auch allerhand kluge Beobachtungen und Betrachtungen von sich geben dürfen. Da wird zwar auch der raunende Seinsphilosoph Heidegger und manch anderer tiefgründiger Theoretiker gestreift. Aber das geistreiche Gedankengut bleibt immer verständlich und nahbar, diesseits der steilen akademischen Blähungen.

Dafür sind auch hier zahllose Alltagsweisheiten und Redensarten aus der Handwerkerwelt zu hören, auch weniger geläufige als „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ oder „Handwerk hat goldenen Boden“. Berthold Biesinger ist dabei das Scharnier. Denn er zählt auch zu den sieben realen Handwerkern, die teils sich selber spielen, teils von Laiendarstellern verkörpert werden. Biesinger ist gelernter Maschinenmechaniker und Schuhmacher, der dann dem Theater verfällt, auf der rauhen Alb, schier gar zufällig. Die Schreinermeisterin Christiane Gersdorf spielt sich selbst als studierte Sozialpädagogin, die in einer Landkommune auf die Idee kommt, eine Tischlerlehre könnte der sozialen Arbeit zuträglich sein. Gottlob Munz als Bäcker gibt sich selbst, ebenso die knitze Friseurmeisterin Elke Krohn.

Schuhmacher Berthold Biesinger in seiner mobilen Werkstatt und als Allegorie des Handwerks. Fotos: Martin Bernklau

Den funkenschlagenden Schlosser und Schmiedsohn Thomas Schelling ersetzte an diesem Abend Autor Franz Xaver Ott. Und auch der verhinderte Zimmermann Julian Letsche, den es zwischenzeitlich auf die Walz, nach Korsika und Neuseeland verschlagen hatte, wurde an diesem Abend von Produktionsleiter Alexander Frey aus dem Lindenhof-Team vertreten. Eine ganz besondere Figur verkörperte Beate Timm: Sie spielt die reale Textilmustergestalterin Anneliese Kopp, die eine Brücke zur Örtlichkeit schlug. Sie hatte sich in der alten Pausa zur hochqualifizierten gestalterischen Fachkraft emporgearbeitet – und sich zwecks angemessener Entlohnung dann auch mutig mit dem arroganten Management angelegt.

Die Pausa-Textilgestalterin Anneliese Kopp (Beate Timm) steht auch gegenüber dem arroganten Manager mutig ihren Mann. Fotos: Martin Bernklau

Zu den ganz eigenen theatralischen Mitteln der Inszenierung zählt auch der aus der griechischen Antike übernommene Chor, hier wie dort in kommentierender Funktion. Als Schlosserchor, Schreinerinnenchor, als Tübinger Kumpels und Zimmermannschor trugen die Sängerinnen und Sänger nicht nur Sentenzen und Parolenhaftes vor, sondern gaben auch als eigenes Ensemble die zahllosen Handwerkersprüche zum Besten, die wie manche teils ruppigen Floskeln auf Baustellen und in Werkstätten sehr authentisch der wirklichen Welt abgelauscht waren. Fürs musikalische Arrangement und die Einstudierung zeichnete Klaus Rother verantwortlich. Die vielen optischen Einfälle der Inszenierung – von den mobilen Roll-Palletten der einzelnen Handwerker über Schattenspiele und die dekorativen Tücher oder Fahnen – sowie das Sound-Design teilten sich Ingo Bracke und Finn Bühr. Auch die Kostüme von Katharina Müller verdienen eine Erwähnung.


Allein schon die virtuos genutzte gigantische Raumtiefe von rund 80 Metern hätte die Inszenierung zu etwas Außergewöhnlichem werden lassen. Die Mischung aus Fiktion und Realität, aus den zahllosen Laienspielern und den Profis, die sorgfältig choreografierten Massenszenen und der originelle und kreative Einsatz ungewöhnlicher theatralischer Mittel machten dieses Gesamtkunstwerk zu etwas ganz Besonderem, einem sehenswerten Highlight.
Die Botschaft mag fast ein wenig zu begeistert und sehr geistvoll-philosopisch das Hohelied des Handwerks gesungen haben („Ich schaffe, also bin ich!“). Aber sie war auch eine schöne Besinnung auf die ältesten und besten Lindenhof-Tradtionen: Im lokalen Licht und im Lob der Handwerks schien eine fast klassenkämpferisch linke Utopie auf, der auch Digitalisierung und KI nichts anhaben können.



