Musik

Kreuzkirche – Jubel zum Stabwechsel

REUTLINGEN. Die Liebhaberorchester der Region sind in Bewegung, auch das sinfonisch besetzte Reutlinger Kammerorchester, das am gestrigen Samstagabend, dem 18. Juli in seinem Sommerkonzert mit einem ungewöhnlichen Programm überraschte und das Publikum in der voll besetzten, schwülheißen Kreuzkirche zum Jubeln brachte.

Derzeit rücken an mehreren Stellen junge Dirigenten nach. Die Chefdirigentin der WPR bekommt einen Assistenten, das Kammerorchester Metzingen einen neuen Leiter, ebenso nun – erneut – das Reutlinger Kammerorchester (RKO), wobei dessen vor-voriger Dirigent Thomas J. Mandl seit einem Jahr die Freie Sinfonie Tübingen leitet. Ihm folgte beim RKO Ella Rosenberg, die zu Jahresbeginn eine Stelle in Hamburg angetreten hat und deshalb das RKO schon wieder abgeben muss. Ihr Nachfolger ist ihr ehemaliger Mitbewerber und Kommilitone an der Stuttgarter Musikhochschule Florian Herkenrath. Er stand bei der Bewerbung an zweiter Stelle und rückt jetzt nach.

Florian Herkenrath übernimmt das Reutlinger Kammerorchester. Foto: Susanne Eckstein

Der Übergang geht nicht nur problemlos, sondern wird gemeinsam vollzogen: Den ersten Teil des Konzerts dirigiert Ella Rosenberg, den zweiten Florian Herkenrath – dies auch deshalb, weil die Dirigentin dann zur Solistin wird und das schwierige Stück eine koordinierende Hand braucht.

Das Programm ist im Vergleich zu dem über lange Zeit klassisch-romantisch geprägten Repertoire des Kammerorchesters – nicht nur in der Abfolge – geradezu exotisch. Zwei Solokonzerte von Richard Strauss und Francis Poulenc rahmen Argentinisches von Ginastera und Piazzolla, die Stücke selbst sind eher unbekannt.

Als Entrée dient das Violinkonzert von Richard Strauss, ein genialisches Frühwerk, mit der Solistin Marie Patzelt. Fotos: Susanne Ecvkstein

Als Ouvertüre fungiert das Violinkonzert d-Moll op. 8 von Richard Strauss, ein jugendlicher Geniestreich von 1881, gespickt mit Schwierigkeiten aller Art – Chromatik, Läufen, Sprüngen, Doppelgriffen (der Schüler Strauss wurde auch als Geiger ausgebildet). Maßgeblich gestaltet wird dieses Stück nun von der Geigerin Marie Patzelt, ebenfalls Absolventin der Stuttgarter Musikhochschule. Nicht als Showstück, sondern zutiefst musikalisch, technisch sicher, beseelt und natürlich. Was sie macht, könnte man als unprätentiöse Teufelsgeigerei umschreiben. Im rasenden Finalsatz lässt sie das Orchester beinahe hinter sich, dessen Bläser sich naturgemäß schwertun mit dem Strauss‘schen Wettrennen um Sekundenbruchteile. Als Dank für den Jubel des Publikums spielt Marie Patzelt einen Satz aus der Partita für Violine solo von Vytautas Barkauskas.

Was danach kommt, fordert das Orchester mit einer völlig ungewohnten Faktur. Es geht weder um romantische Phrasen noch um sanglichen Ton, sondern um Tanzrhythmen, kompositorisch bearbeitet im 20. Jahrhundert. Zunächst in Alberto Ginasteras „Estancia“, einer 1943 uraufgeführten Orchestersuite nach einem Ballett, geprägt durch starke Motorik. Daraus wurde nun der zweite Teil („Tanz des Weizens“) vorgezogen als ruhig wogende Klangfläche, gefolgt vom ersten, dem „Tanz der Landarbeiter“. Mit seiner rudimentären Melodik und den ekstatisch stampfenden Rhythmen erinnert dieser an Strawinskys „Sacre“; das Orchester, vor allem die Bläser, müssen sich noch daran gewöhnen. Aber eine erste Annäherung ist vollzogen.

Corinna Liebler als Gast am Flügel. Foto. Susanne Eckstein

Ein Schüler von Ginastera war Astor Piazzolla, der populäre Schöpfer des „Tango nuevo“. Sein „Tangazo“ (1969) trägt den Untertitel „Variations on Buenos Aires“. Er beginnt mit herber Kontrapunktik in den Streichern, mündet in angedeutete tänzerische Bewegung und melancholische Bläser-Soli, wobei am Ende die Violinen als Percussion fungieren. Das Ganze hätte vielleicht mehr Härte vertragen, doch Herkenraths weiche Gestik und die sauber gespielten Bläsersoli geben ihm eine – ebenfalls überzeugende – romantische Kontur.

Die scheidende Kurzzeit-Dirigentin Ella Rosenberg (rechts) und ihre Klavier-Partnerin Corinna Liebler . Foto: Susanne Eckstein

Beim Schlussstück des Abends tritt das Orchester in den Hintergrund. Vor ihm stehen zwei Flügel, ein Bechstein, ein Steinway, für das Konzert für zwei Klaviere d-Moll von Francis Poulenc (1932). An die Flügel setzen sich die bisherige RKO-Dirigentin Ella Rosenberg und ihre Klavierduo-Partnerin Corinna Liebler und zünden Poulencs Feuerwerk der Stile in virtuosem Miteinander und temperamentvoller Spielfreude. Dabei scheinen alle bestens aufeinander eingespielt, auch das Orchester beteiligt sich unter Herkenraths präziser Leitung wach und engagiert an diesem fulminanten musikalischen Spaß. Das Publikum quittiert die gelungene Darbietung zu Recht mit viel Jubel, das Klavierduo Liebler & Rosenberg dankt mit Piazzollas „Libertango“.

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