Philipp Amelungs Akademisches Orchester musizierte im Tübinger Unifestsaal Schostakowitschs „Zehnte“ – und Sibelius‘ Violinkonzert mit Julia Galić
TÜBINGEN. Der Festsaal der Uni Tübingen war restlos ausverkauft am gestrigen Samstagabend, als das Akademische Orchester unter der Leitung von UMD Philipp Amelung und Julia Galić vor ihr Publikum traten – ein Heimspiel auch für die international gefragte Konzertsolistin, Kammermusikerin und Münchener Violin-Professorin. Das Konzert des finnischen Nationalkomponisten Jean Sibelius, im Jahr 1904 in erster Fassung uraufgeführt, gehört nicht nur zu dessen Hauptwerken. Es zählt auch zu den meistgespielten Violinkonzerten des vergangenen Jahrhunderts. Die Sinfonie Nr. 10 ist auch für Dmitri Schostakowitsch (1906 bis 1975) ganz zentral – veröffentlicht im Jahr 1953, kurz nach Stalins Tod. Manche sehen in ihr ein Porträt, ja eine künstlerische Abrechnung Schostakowitschs mit dem russischen Diktator, seinem Unterdrücker und Peiniger.

Jean Sibelius (1865 bis 1957) wäre selber gerne ein berühmter Konzertgeiger geworden. Aber viel zu spät für eine solche Karriere hatte er mit dem Violinunterricht begonnen. Dass er in dieses hochexpressive Virtuosen-Glanzstück auch alle seine Leidenschaft für das Instrument selber legte, ist unüberhörbar. Trotz der intensiven und konfliktreichen Zusammenarebeit mit dem (ersten) Widmungsträger Willy Burmester zeigt jeder Takt des Soloparts: Der Mann weiß selber, was er da an musikalischer Leidenschaft mit allen vorstellbaren technischen Finessen niederschreibt. Selbst Geiger, die nichts mit seinem patriotischen Stil, seinem nordischen Tonfall und seiner manchmal unbeholfenen Satztechnik anfangen können, zuviel Pathos und Kitsch aus dieser Musik heraushören, lieben das Sibelius-Konzert dafür. Zum Kern des Repertoires gehört es auch für Julia Galić.

Julia Galic zeigt Haltung beim Geigen: ganz offen, aufrecht, selbstbewusst und zum Horizont hin, vielleicht sogar zuweilen gen Himmel gewandt – und zum Publikum natürlich. Nur selten in sich gekehrt, versunken, verschlossen. Klarer, gerader und oft energischer Bogen, der die Pferdehaare auf voller Länge nutzt und nicht schwächelt im Ton, wenn der Klang auch an der Spitze mit weniger natürlichem Gewicht weiterblühen soll. Da ist aber keine Pose, nichts Demonstratives, keine Show. Sie kehrt die Musik nach außen, die sie leidenschaftlich empfindet (und versteht): in diesem Fall die Klänge von Jean Sibelius. Die schwersten Stellen, ob rasenden Läufe, Arpeggien, Flageoletts, Doppel- und Mehrfachgriffe, wilde Staccati, spielt sie nicht mit einer Coolness, für die Technik keinerlei Problem darstellen soll, aber auch nicht mit einer Wichtigtuerei, mit der kunstvolle Fingerfertigkeit zu genialer zirzensischer Akrobatik überhöht würde.
Es war in allen drei Sätzen, auch dem Kehraus des „Dance macabre“, ein bewegendes Sibelius-Konzert. Das Orchester gab seiner Solistin allen nötigen Raum. Die leidenschaftliche Dichte führte hin und wieder dazu, dass ein Ton mal minimal nachgeschärft und abgestimmt werden musste. Auch wenn die Begleitung nicht gar so viel Möglichkeiten für ein eigenes orchestrales Profil bot, fielen schon hier – bei Schostakowitsch erst recht – viele klangstarke und schön phrasierte Stellen etwa in den Holzbläsern auf. Nach dem rauschenden Beifall erklang eine sehr passende Zugabe von Solistin und Orchester: Edward Elgars „Saltut d’amour“, ein reizendes Frühwerk.
Man darf getrost annehmen, dass Dmitri Schostakowitsch eben als Künstler eine innere Distanz und Freiheit gegenüber allen außermusikalischen Bezügen hatte, auch gegenüber den Schikanen, Bevormundungen, Ungerechtigkeiten und Quälereien, die ihm durch Stalin und sein sowjetisches Regime widerfahren sind (was übrigens mit dessen Tod keineswegs aufhörte). Die „Leningrader“, sein sinfonischer Klagegesang über die von den Nazis-Kriegsverbrechern belagerte und ausgehungerte Stadt, ist Beleg genug, dass dieses hochsensible Genie sich keineswegs in einem Elfenbeimturm abschottete. Dass allerdings die „Zehnte“, in e-Moll opus 93, seine „Abrechnung“ mit dem Diktator oder gar ein düsteres Porträt Stalins sein sollte, braucht niemand gar zu wichtig zu nehmen. Das ist allenfalls Hintergrund, mehr nicht.
Das Akademische Orchester und sein Dirigent hatten sich hörbar viel vorgenommen. Die Konzentration und Energie waren trotz des emotional ausschweifenden Konzerts und einer langen Pause vom ersten Takt an eminent hoch. Und das braucht es. Denn es gibt kaum einen anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der die Formen und Satztechniken, aber auch die Möglichkeiten der Instrumentation für ein subtiles und kontraststarkes Klangbild so gleichermaßen beherrscht wie er. Unvergleichlich ist Schostakowitschs Reichtum an rhythmischen und melodischen Einfällen. Er konnte die Forderungen des stalinistischen Musikgeschmacks ebenso berücksichtigen (und zuweilen ironisieren) wie er die Zwölftontechnik beherrschte. Aber er unterwarf sich solchen Dogmen nie, sondern spielte mit ihnen und brachte sie in die Vielfalt seiner Tonsprache ein.
Das alles machte das Orchester mit bewundernswerter Detailtreue, auch mit herrlichen Solofiguren (die Holzbläser!) deutlich und bewältigte dieses anspruchsvolle Riesenwerk ohne größere Unsicherheiten oder Abweichungen von Amelungs durchaus variabler, in Klang und Duktus konturreicher Konzeption. Der jubelnde Beifall war völlig verdient.

Info: Das Konzert des Akademischen Orchesters Tübingen mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius (Solistin Julia Galic) und der Sinfonie Nr. 10 von Dmitri Schostakowitsch wird am heutigen Sonntag, 19. Juli um 19 Uhr (s.t.!), in der Martinskirche in Albstadt-Ebingen unter der Leitung von UMD Philipp Amelung noch einmal erklingen.


