Kunst

konkret – Bewegung im Auge

In den Wandel-Hallen ist die Ausstellung „Move! Scheinbar kinetisch“ mit Werken aus den Beständen des Kunstmuseums Reutlingen I konkret zu sehen

REUTLINGEN. Wirkliche Bewegung gibt es nicht – kein Mobilé, keine Installation mit Motor, keine Kinetik. Deshalb ist „Move!“ eher als Aufforderung zu verstehen für das, was diese konkrete Kunst aus den Beständen der gleichnamigen Abteilung des Reutlinger Kunstmuseums zeigt: gut 80 Werke von 46 Künstlern aus 16 Ländern. Oberbürgermeister Thomas Keck hat die Ausstellung am gestrigen Donnerstagabend – volles Haus – im Obergeschoss der Wandel-Hallen eröffnet. Er deutete das Motiv der Bewegung auch als Veränderung.

OB Thomas Keck eröffnet die Ausstellung „Move! Scheinbar kinetisch“ im Obergeschoss der Wandel-Hallen. Fotos: Martin Bernklau

Holger Kube Ventura, der das Kunstmuseum I konkret leitet, hat die Ausstellung aus den reichen Beständen des Hauses kuratiert. Er konnte nicht nur die vielen Klassiker der konzeptuellen und konkreten Kunst, aber auch der Op Art oder des Konstruktivismus gerade seit den Sechzigerjahren erläutern. Er durfte auch vier zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler begrüßen, die diese Stilrichtungen in einem weiteren Sinne fortführen. Steffen Schlichter zum Beispiel ziert mit seinen „New York Tapes“ den Katalog. Vielleicht hätten er und der OB auch erwähnen können, wem diese bedeutsame Sammlung zu verdanken ist: dem eigenwilligen Firmenerben, Sammler, Stifter und Schenker Manfred Wandel und seiner Gefährtin Gabriele Kübler (beide im Jahr 2021 gestorben). Auch Bruder Albrecht und Sohn Robert Wandel haben da ihre Verdienste.

Oft sind es Augentäuschungen, Illusionen, Trompe l’œils, wie beim ungarischen Op-art-Begründer Victor Vasarely, dessen geometrische Figurationen sogar eine gewisse Popularität erreichten. Auch scheinbare Würfel gehörten dazu, die als eigentlich dreigeteilte Sechsecke ihre mehrdeutige räumliche Wirkung entfalten wie in „MEH III Gris“, 1967 gemalt. Gleich dahinter hängt, kleiner im Format, ein exemplarisches Werk von Anton Stankowski, einem der wichtigsten Vertreter in der Reutlinger konkret-Sammlung: „Räumliche Progression“ von 1956 in Schwarz, Weiß und Rot. Schräg gegenüber liegt eine stählerne Bodenskulptur von Hartmut Böhm: „Gegenüberstellung“ von 1999. Seine „Visuelle(n) Ordnungen“ zeigen vielleicht am eindrücklichsten, wie die bloße Anordnung schlichter schwarzer Quadrate Bewegung und Räumlichkeit in ein Bild bringen können.

Zur Orientierung: Im Vordergrund Hartmut Böhm, im blauen Rahmen Victor Vasarély, dahinter Anton Stankowski. Foto: Kunstmuseum I konkret

Zwei Riesenformate nehmen eigene Wände ein: Da ist Gottfried Honeggers dunkel azurblaues „Tableau-relief Z 10201“, im Jahr 1989 entstanden und in seinen spiegelbildlichen Teilen 3 auf 9 Meter groß. Das Acrylbild „52 x 4 No 4“ (siehe Titelfoto, links) aus 21 schwarzen Dreiecken misst anderthalb auf knapp drei Meter. François Morellet, einer der konkreten Hausheiligen der Sammlung, hat ihm den Untertitel „Quand j’étais petit, je ne faisais pas grand“ beigefügt. Ein weiteres Beispiel seines geometrischen Minimalismus sind die „Lignes grises et noires“, die das Kleinformat zum Schwingen bringen; oder die gleichartigen senkrechten „Tirets de 4 cm…“, die Landschaften und raumtiefe Perspektiven schaffen. Dass nicht nur Günther Uecker mit Nägeln Kunst zu schaffen verstand, zeigt ein weiterer Hausheiliger des Museums und der Sammlung: Bernard Aubertin mit seinen knallroten „Clous fluorescents No 36“ (1970).

Paul Uwe Dreyers „Denn was innen, das ist außen“ (1999) links. Im Glaskasten die minimalistische „Raumplastik“ (1975) aus Draht von Norbert Kricke. Foto: Martin Bernklau

Zu den großen Namen des konkreten Stils darf man auch Paul Uwe Dreyer (1939 bis 2008) zählen. Vor seinen farbstark dynamischen Figurationen steht im Glaskasten die minimalistische „Raumplastik“ von Norbert Kricke. Ebenfalls unter Glas ausgestellt sind Thomas Lenks „Schichtungen (Um-klapp-bar)“ von 1968/70 aus Aluminium und Papier. Bei der Eröffnung zugegen war Vera Leutloff, die für ihre ebenso farbstarke, dynamische und genau konstruierte Malerei bekannt ist und an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrt – mit „Circular Oszillation: Dion“ und „Stangen: Verlauf: Limonaia“.

Dadamainos sieben Reliefs „Cromorilievi“ (links). Das kleine gelbe Quadrat rechts ist Steffen Schlichters Zahlenwerk „NY Tapes 2005 No 12“, das dem Ausstellungskatalog den Umschlag abgab. Foto: Martin Bernklau

Terry Haggertys Stauchung von 18 blauen Linien zur räumlich vieldeutigen Figuration „Alternative Current I“ (2009) ziert die Einladungskarten. Prominent vertreten ist auch Dadamaino (1935 bis 2004), eine italienische Künstlerin der Mailänder Avantgarde, mit ihren sieben Reliefs „Cromorilievi“ (1975), ihren getuschten Folien „Passo dopo passo“ (1988) oder den hundert farbsystematisch gestreiften Quadraten „La Ricerca del colore“ (1966/68). Über der unbetitelten Bodenplastik aus zwölf Bronzequadern von Erich Reusch hängt im hinteren Nebenraum eine zehnteilige, von Kafka inspirierte Serigrafie „Das Naturtheater von Oklahoma“ von KHR Sonderborg, die man der Stilrichtung Informel zuordnen könnte.

Die Bodenplastik von Erich Reusch und die Kafka-Serigrafie von KHR Sonderborg. Foto: Martin Bernklau

Zu den bekanntesten Vertretern der Konkreten Kunst zählt inzwischen auch der Dresdner DDR-Künstler Hermann Glöckner (1889 bei 1987), der gern mit Papier arbeitete und nicht nur mit der Schwarzweißarbeit „Faltung“ (um 1980) vertreten ist. Textiles Material nutzt Heidrun Schimmel, 1941 in Bamberg geboren, deren drei großformatige Stickereien auf Seidenstoff den Hintergrund für die Eröffnungsreden von OB und Kurator abgaben. Das rechtwinklig dazu gehängte „Elektrostatische(s) Objekt“ (1974) stammt wie die Bodenplastik im hinteren Raum von Erich Reusch und arbeitet, durchaus veränderbar, mit Acrylglas, Gasruß und Reibungselektrizität. Stef Stagel, Jahrgang 1968 und dem Museum ebenso eng verbunden wie Steffen Schlichter, hat zwei Tuschzeichnungen und drei Fotoprints, darunter ihr „Tortenstück“ (2015) zur Ausstellung beigetragen.

Die Ausstellung „Move!“ gibt nicht nur einen aufschlussreichen Überblick zur Konkreten Kunst und eng verwandten Stilrichtungen. Sie ist auch eine Schule des Sehens. Denn die im Titel geforderte Bewegung findet nur im Auge des Betrachters und in dessen Kopf statt, zuweilen als absichtliche Täuschung. Zur lehrreichen Beschäftigung davor oder danach ist wie selten sonst der Ausstellungskatalog mit den alphabetisch geordneten Künstlerinnen und Künstlern und ihren ausgestellten Arbeiten empfohlen.

Gerade hat sich der kunstsinnige OB (ungefähr Vierter von links“) unters Reutlinger Kunstvolk gemischt: Viel Auflauf und großes Publikumsinteresse bei der Ausstellungseröffnung von „Move!“ in den Wandel-Hallen. Foto: Martin Bernklau

Info: Die Ausstellung „Move! Scheinbar kinetisch“, von Holger Kube Ventura kuratiert, ist bis zum 28. Februar 2027 in den Reutlinger Wandel-Hallen, Eberhardstraße 14, zu sehen. Geöffnet ist Di bis So von 11 bis 17 Uhr, donnerstags bei freiem Eintritt bis 20 Uhr (montags, an Heiligabend und Silvester geschlossen). Jolanda Bozzetti hat ein vielfältiges Beiprogramm organisiert.

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