Musik

KHG-Chor – Marianische Pracht

Jan Stoertzenbach dirigierte in der Tübinger Stiftskirche Claudio Monteverdis prunkvolle „Marienvesper“ mit dem KHG-Chor, sechs Vokalsolisten und dem Originalklang-Ensemble La Banda

TÜBINGEN. Manche meinen, Musik würde um so karger, strenger, schlichter, je älter sie sei – dunkles, frommes, mönchisches Mittelalter halt. Mindestens Claudio Monteverdis „Marienvesper“ ist ein Gegenbeispiel. Aber Monteverdi markierte in der Musik ja auch den Beginn des Barock, der Neuzeit. Der KHG-Chor führte das prachtvolle Meisterwerk am Sonntagabend unter der Leitung von Jan Stoertzenbach in einer gut besuchten Tübinger Stiftskirche auf. Das Ensemble La Banda zeigte das Ziel dieser Deutung: nah heran an einen möglichst originalen historischen Klang. Sechs Vokalsolisten waren engagiert.

Mit „L’Orfeo“, hatte der Mann aus Mantua im Jahr 1607 eine musikalische Revolution angestoßen. Der strengen vokalgeprägten Vielstimmigkeit, dem Fugenwesen der Kirchenmusik, wurde – zunächst in der Oper – die Seconda prattica beigesellt, die subjektive Ausdrucksform der von Harmonien begleiteten Melodie. Die Kirchentöne wichen Dur und Moll.

Vom Hof der prunksüchtigen Gonzaga zu Mantua wollte der soeben verwitwete, ausgelaugte und schlecht bezahlte Musicus Claudio Monteverdi weg. Einen Burnout würde man es heute nennen, so Jan Stoerzenbach in seiner lesenswerten Werkeinführung des schön gestalteten Programmhefts. Mit der „Marienvesper“ bewarb er sich beim Papst Paul V. in Rom. Und wollte damit zeigen, was er kann – nicht nur in seiner sehr eigenen und zunächst durchaus umstrittenen neuen Kunst, sondern auch in der alten Musik, dem stile antico kirchenmusikalischer Tradition: stilistische Vielkfalt. Ähnlich übrigens wie Bach, der mit seiner h-Moll-Messe ein Engagement beim katholischen Kurfürsten Sachsens anstrebte, letztlich ebenfalls vergeblich. Monteverdi wirkte später am Markusdom in Venedig.

Viel Aufwand für ein großes Werk: Vor dem bestimmt 80 Stimmen starken Chor der Katholischen Hochschulgemeinde sangen sechs ausgesuchte Vokalsolisten: die Soprane Sophie Harr und Saskia Haegeler neben Klemens Mölkner und Martin Höhler (Tenöre), dazu die Bassisten Josua Bernbeck und Micha Matthäus. Das Ensemble La Banda, seit 1996 dem historisch bewussten Originalklang vor allem Alter Musik verpflichtet, musizierte unter der Führung von Konzertmeisterin Katharina Pöche mit den Instrumenten der Zeit.

Jan Stoertzenbach (links die Zink-Virtuosin Anna Schall). Foto: Martin Bernklau

Neben Streichern, einfach besetzt, mit barocken Rundbögen, waren zwei Zinken zu sehen, die gebogenen Grifflochhörner aus Holz, die aber zu den Blechblasinstrumenten zählen, drei Zugposaunen alter Bauart, und ein Dulzian-Fagott. Die Continuo-Begleitgruppe prägte vor allem das vielsaitige Chitarrone, auch als Theorbe bekannt, dazu das Violone aus der Gambenfamilie, ein altes Cello sowie eine Truhenorgel. Tenor Martin Höhler, Andrea Baur mit ihrem langhalsigen Zupfinstrument sowie Bratschist Hannes Lindhüber mit der Violine verschwanden zwischenzeitlich für die reizvollen Echo-Effekte (besonders im „Audi coelum“) hinter den Chor und unter den Lettner. Auf räumliche Trennungen, um die doppelchörigen Elemente hervorzuheben – „Nisi Dominus“ ist für zwei fünfstimmige Chöre gesetzt – verzichtete der Dirigent aber.

Tenor Klemens Mölkner intonierte den einleitenden gregorianischen Ruf, einen danach vom Chor-Responsorium gedoppelten Hilferuf („in adiutorium meum intende“), mit seiner weit vorn sitzenden Stimme vielleicht etwas grell. Später führte er seinen obertonreichen hohen Tenor hingegen oft ganz weich, fast lyrisch. Kraftvolle, energiegeladene Koloraturen zeigten auch die anderen fünf ganz unterschiedlich timbrierten Vokalsolisten, virtuos und präzise in all ihrer Pracht.

Mit vollem Engagement: Der der Katholischen Hochschulgemeinde Tübingen . Foto: Martin Bernklau

Was der Chor dann so lang, bis zur Kadenz einem Akkord repetierend sang, das war in Monteverdis seconda prattica auch ein neues Audrucksmittel feierlicher Prachtentfaltung. Jan Stoetzenbach verlieh diesem monochorden Gleichmaß eine subtile Flexibilität bis zu ausgeprägter Agogik, was das ganze Werk hindurch vom Chor, den Solisten und den Instrumentalisten quasi blind aufgenommen, zuweilen aber auch selbst – ohne Dirigat – gestaltet wurde.

Mit einstimmigen gregorianischen Antiphonen leiteten die Chor-Männer viele der folgenden Sätze ein, mittelallterliches mönchisches Erbe vor dem neuen, barocken Glanz in unterschiedlichen Besetzungen. Nach dem „Dixit Dominus“, zunächst als Chorakkord enggeführt, dann mit den beiden Sopranen, zu dem noch eine Tenorstimme kam, folgte, besonders schön, das zarte, bescheidene „Nigra sum“ (Ich bin schwarz), in dem vor allem Christina Hahn mit ihrem Dulzian das Tenorsolo begleitete. Alle vier Männersolisten kamen im „Laudate pueri Dominum“, das auch von einer sogenannten Doxologie („Gloria Patri… Sicut erat… Amen.“, der festlichen Lobpreis-Formel, abgerundet wurde, deren koloraturreiche Klangentfaltung oft in einem einheitlichen Grundton endete.

Die Sopranistinnen Sophie Harr (l.) und Saskia Saegeler. Foto: Martin Bernklau

Die Continuogruppe mit dem majestätischen Zupfinstrument Chitarrone (Theorbe) im Zentrum begleitete das zärtliche Frauen-Duo „Pulchra es“. Erst zwei, dann drei Männerstimmen prägten das gloriose wie engelhafte „Duo Seraphim“, reich an Koloraturen wie zuvor „Laetatus sum“, wo der Chorsopran den Cantus firmus übernahm, also das gregorianische Grundthema gewissermaßen. Das zehnstimmig doppelchörige „Nisi Dominus“ teilten sich Chor und Männersoli mit markanter Kraft und deklamatorischen Akzenten. Bei den Rhythmuswechseln fiel Jan Stoertzenbach dann sogar in eine ganztaktige, schwingende Dirigierweise.

Die Männersolisten Klemens Mölkner, Martin Höhler, Josua Bernbeck und Micha
Matthaus (v.l.) Foto: Martin Bernklau

Ein Glanzstück für alle Instrumentalisten, nicht nur für das Violin-Duo, war die „Sonata sopra ‚Sancta Maria ora pro nobis'“, bei dem sechs Frauenstimmen aus dem Chor ihren Cantus firmus unterlegten. Instrumentale Intermezzi gliederten auch das „Ave maris stella“ nach dem aus dem 11. Jahrhundert stammenden gregorianischen Hymnus über Maria, den Meerstern.

Schluss und Höhepunkt von Monteverdis „Vespro della Beata Vergine“ ist das „Magnificat“, der Lobpreis Mariens aus dem Lukasevangelium, für das noch einmal alles an Stilen, Satztechniken, Effekten (wie Echos) und Besetzungen aufgeboten wird. „Insurientes“, die Hungernden, lässt Monteverdi ganz bildhaft von den Chorfrauen a cappella singen. Große Pracht, großer Klang im finalen Gloria-Lobpreis und seinem „Amen“.

Da hätte noch ein bisschen in Stille nachwirken dürfen. Aber ganz schnell brach sich die Begeisterung beim Publikum Bahn und mündete bald in Jubelstürme, die ganz lange anhielten.

Etwas vorschnell vielleicht, aber natürlich völlig verdient brach Beifall aus, der sich zum Jubel steigerte für den KHG-Chor, das Ensemble La Banda, die Vokalsolisten und den Dirigenten Jan Stoertzenbach (rechts an der Säule) für eine großartige Deutung der „Marienvesper“ von Claudio Monteverdi. Fotos: Martin Bernklau
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