Musik

Kammerzyklus – Flammen, Asche und Klage

Der Reutlinger Kammermusikzyklus wurde mit einem Vokalkonzert zum Gedenken an den Stadtbrand anno 1726 eröffnet

REUTLINGEN. In Reutlingen wird das Kulturleben derzeit dominiert durch das Gedenken an den Stadtbrand anno 1726. Auch die Konzerte stehen unter diesem Motto. Dabei gibt es eigentlich keine „Stadtbrand-Musik“, man ist gezwungen, das Thema mit inhaltlich verwandten Stücken zu umkreisen, wie etwa zuvor in der Musica-Antiqua-Reihe mit Händels „Feuerwerksmusik“.

Zum Saisonauftakt des Reutlinger Kammermusikzyklus‘ am gestrigen Mittwochabend hat die Pianistin und Klavierbegleiterin Doriana Tchakarova in bewährter Weise einen abwechslungsreichen Liederabend konzipiert. Als Besonderheit hat sie nicht nur eine einzelne Sängerpersönlichkeit eingeladen, sondern gleich sechs, und alle – wie sie selbst – aus Reutlingen und der Region.

Von den Sopranistinnen Sibylla Rubens, Ulrike Kristina Härter und Johanna Pommranz musste sich die letztere allerdings durch die Stuttgarter Musikhochschul-Professorin Yeree Suh vertreten lassen; neben ihnen traten der junge Tenor Robin Neck und die beiden Baritone Hannes und Frazan Adil Kotwal auf die Bühne im fast voll besetzten kleinen Saal der Stadthalle.

Wie Doriana Tchakarova zur Begrüßung erläuterte, sollte es nicht nur um die historische Katastrophe gehen, sondern um grundlegende menschliche Erfahrungen und darum, was Menschen in schweren Zeiten trägt. Damit öffnete sie einen weiten Rahmen für unterschiedlichste Kunstlieder von Carl Philipp Emanuel Bach über Franz Schubert, Hugo Wolf und Richard Strauss bis hin zum Zeitgenossen George Crumb (1929 bis 2022); der Schwerpunkt lag auf der Spätromantik. Als eher unbekannte Namen fielen Ferdinand Hummel (1855 bis1928, Musikdirektor und Professor in Berlin), Robert Kahn (1865 bis1951, gebürtig aus Mannheim) und Margarete Schweikert (1887 bis 1957, Musikerin und Liedkomponistin in Karlsruhe) auf.

Die zwei Teile des Programms waren überschrieben mit „Die Flammen – Brand und Gericht“ und „Die Asche – Klage, Gebet, Wiederaufbau“, den Auftakt bildete (gegen alle Usancen) Schuberts „Abschied“ aus dem sogenannten Schwanengesang (D 957), textbewusst vorgetragen von Robin Neck, später gefolgt von „Die Stadt“ aus derselben Sammlung, mit opernhafter Dramatik versehen von Frazan Kotwal, dessen starke Bühnenpräsenz den kleinen Saal beinahe sprengte.

Sibylla Rubens. Fotos: Susanne Eckstein

Sibylla Rubens hatte mit Richard Strauss‘ „Stiller Gang“ einen schwierigen Start und fand erst allmählich zu ihrer Stimme zurück. Ebenfalls von Strauss folgte später „Die Nacht“, von Ulrike Härter gekonnt und ausdrucksvoll vorgetragen. Das Thema „Abschied“ beschloss die Einspringerin Yeree Suh mit Georg Crumbs „The Night Is Silent“, einer zugleich beeindruckenden und beklemmenden Performance, bei der die Pianistin dem Steinway raue und gläserne Klänge aus dem Innern, direkt aus den Saiten entlockte.

Ulrike Härter. Foto: Susanne Eckstein

Eine melodramatische Note durchzog das ganze Programm. Nicht nur Inhalt und Ausdruck der Lieder konnte man als „melodramatisch“ im gängigen Sinne hören, sondern auch als solche komponierte echte Melodramen, also halb gesprochene, halb gesungene Gedicht-Rezitation mit Klavierbegleitung, eine Gattung, die lange vergessen schien und hier mit Ferdinand Hummels „Der Tanz“ und mit Schuberts „Abschied von der Erde“ wiederentdeckt werden durfte. Hannes Nedele und Robin Neck gestalteten sie sorgsam und stilbewusst. Ob die ausgewählten Gedichtvertonungen inhaltlich dem Thema entsprachen, sei dahingestellt. Kahns „Feuerbestattung“ meint Liebesglut, Hugo Wolfs Mörike-Vertonung „Der Feuerreiter“ Dämonisch-Übersinnliches.

Um Abwechslung in die Nummernfolge zu bringen, traten die sechs Solosängerinnen und -sänger im zweiten Teil chorisch auf, teils einstimmig mit Schuberts „Am Tage Aller Seelen“ (D 343), teils mehrstimmig, etwa mit dessen „Hymne an den Unendlichen“. Sechs Solisten, die kurzfristig zusammen singen, sind kein Kammerchor – hier waren naturgemäß kleine Ungenauigkeiten zu verzeichnen.

Die Solisten als Sextett, Doriana Tchakarova am Flügel. Foto:Susanne Eckstein

Den künstlerischen Höhepunkt des zweiten Teils bildete der Vortrag von George Crumbs „Come, Lovely and Soothing Death“ durch Yeree Suh, vorgeführt als geradezu zärtliche, hochkonzentrierte Manifestation der Todessehnsucht in zarten Farben, neutönerischen Klängen und mit langen Momenten der Stille. Derlei wäre in der musica nova-Reihe angebracht – hier jedoch war im Auditorium Husten zu vernehmen.

Der lange, tröstliche Abgesang danach war musikalisch traditionell gehalten, gekrönt durch Mendelssohns frommes „Hebe deine Augen auf“ für drei Frauenstimmen; Schuberts „Im Abendrot“ schien eher brüchig als sehnsüchtig. Den Abschluss bildete ein mehrstimmiges Abendlied von Brahms, durch das ad-hoc-Ensemble der Solisten bemerkenswert sicher vorgetragen, gefolgt von dankbarem Applaus und einer kurzen Zugabe in Form der Schlussstrophe von Schuberts „Hymne an den Unendlichen“.

Das Thema „Stadtbrand“ wird demnächst ein weiteres Mal aufgegriffen in der musica nova-Reihe am 30. November in den Wandel-Hallen.

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