Musik

Kaleidoskop – Edel und locker

In der kühlen Reutlinger Stadthalle spielte der Klaviersolist Baptiste Trotignon mit der WPR unter Chefdirigentin Ariane Matiakh

REUTLINGEN. Das 7. und letzte Kaleidoskop-Konzert der WPR dieser Saison am gestrigen Donnerstagabend im angenehm gekühlten großen Saal der Stadthalle brachte ein Wiedersehen mit einem Gast aus Frankreich: Baptiste Trotignon, Pianist und Komponist. Diesmal spielte er Werke von sich selbst, vom Broadway und von Mozart. Mit dem Orchester der Württembergischen Philharmonie Reutlingen begleitete ihn Chefdirigentin Ariane Matiakh.

Wenn man sich den eng getakteten Terminplan von Baptiste Trotignon vor Augen führt, darf man sich freuen, dass die WPR überhaupt einen Auftritt von ihm buchen konnte, knapp zwischen Amsterdam, Ambleny (einem Jazzfestival) und Brüssel. Vermutlich hat der gute Draht zu Chefdirigentin Ariane Matiakh geholfen; manche erinnern sich an seinen Besuch im April 2023, als er im „bretonischen“ Kaleidoskop-Konzert am Flügel die „Symphonie du Ponant“ mitgestaltete. Seine Verbindung zu Ariane Matiakh geht zurück auf eine gemeinsame Einspielung dieser Symphonie im Jahr 2022, ihr musikalischer Einklang trägt auch diesmal das ganze Programm.

Baptiste Trotignon. Fotos: Susanne Eckstein

Baptiste Trotignon zeichnet sich durch eine ungewöhnliche Vielseitigkeit aus. In seiner Jugend hat er nach der Violine in Paris – ganz „klassisch“ – Klavier studiert und später autodidaktisch den Jazz für sich entdeckt. Zahlreiche Auftritte, Einspielungen und Auszeichnungen folgten. Irgendwann ging er zum Komponieren über, blieb aber seiner grundsätzlichen Offenheit treu. Für ihn ist Musik offenbar ein freies, großes Ganzes, die Grenze zwischen Klassik und Jazz, zwischen Notat und Improvisation nicht existent.

Auch für das Orchester, zumindest in der Kaleidoskop-Reihe. Als Ouvertüre dient ein Medley mit dem Titel „Gershwin in Hollywood“ in brillantem Breitwandsound und locker swingenden Tanzrhythmen. Dem folgt das angeblich erste Mozart-Klavierkonzert in F-Dur (KV 37). Schon das alte Köchel-Verzeichnis vermerkt „Bearbeitung fremder Sonatensätze“, auch Vater Mozart hat dem Elfjährigen geholfen. Jedenfalls handelt es sich um heitere, etwas schematische Frühklassik, die von Baptiste Trotignon mit edlem Anschlag so virtuos wie locker vorgestellt wird.

Das Besondere daran sind die Solokadenzen, die der Pianist nutzt, um aus dem Schema von 1767 auszubrechen. Er greift das Thema auf, variiert es, versieht es mit schrägen Harmonien, lässt es aus dem Ruder laufen, landet im Jazz, gelangt fast unbemerkt wieder zurück in die Partitur und musiziert weiter mit dem aufmerksam begleitenden Orchester, als ob nichts wäre. Die Finalkadenz wird zum vielschichtigen Exkurs in fremde Welten und zum pianistischen Feuerwerk.

Nach der Pause zeigen die Orchestermusiker, was sie können: Schostakowitschs „Tahiti Trot“ (Tea for Two) ist nicht nur ein lockeres Tanzstück, sondern auch eine kleine Orchestrierungsstudie, die diverse rare Instrumente wie Harfe, Glockenspiel und Xylophon herausstellt. Die Klarinette entführt in tiefgründige Romantik, die gedämpfte Jazz-Trompete konterkariert.

Ganz konzentriert und in seine Musik versunken: Klaviersolist Baptiste Trotignon. Foto: Susanne Eckstein

In der Mitte des zweiten Teils steht eine Komposition von Trotignon selbst: Ein einsätziges Concertino für Klavier und Orchester mit dem Titel „L’air de rien“, den der Autor selbst mit „ein Hauch von Nichts“ übersetzt, den man aber auch in eine Reihe mit angeblichen Nichtigkeiten („Bagatellen“) anderer Komponisten stellen kann. Aber wirklich simpel ist auch dieses Stück nicht. Es beginnt zwar schlicht und sparsam instrumentiert, doch überwältigt es danach mit einer Fülle von Ideen, geschöpft aus klassischer Pianistik und zeitgenössischem Jazz. Vor allem die Rhythmen werden im Gegensatz zur „üblichen“ Neuen Musik besonders exponiert und münden am Ende in einen Tango.

Das Orchester schließt an mit Tanz-Variationen von Leonard Bernstein aus „Fancy Free“. Mit seinem motorischen Drive und dem kontrastreichen Sound erinnert es an die Tänze aus „West Side Story“, der sarkastische Tonfall an „Candide“. Es endet mit einem Knalleffekt: Die Musik stockt, zögert, schweigt, um unvermutet kurz zu explodieren – perfekt umgesetzt, versteht sich.

Eine kleine Besetzung begleitet danach Baptiste Trotignon in eigenen Song-Arrangements von George Gershwin und Cole Porter. Die Reihenfolge stimmt zwar nicht mit der gedruckten überein, doch man genießt erneut die schier unendliche Fülle der Stile, Techniken und Ausdruckswelten, die Trotignons Hände in erstaunlich logischer Folge aus den Tasten zaubern. Da leiten Akkordschläge à la Rachmaninoff über zu „So in Love“, die Einleitung zu „Someone to watch over me“ klingt nach Bernstein.

Großer Jubel am Ende für den Klaviersolisten Baptiste Trotignon, Chefdirigentin Ariane Matiakh (klatschend) sowie die WPR mit Konzertmeister Timo de Leo (rechts). Foto: Susanne Eckstein

Nach dem Jubel am Ende muss Trotignon weitere Male an den Flügel. Als erste Dreingabe leitet er auf seine unvergleichliche Art das C-Dur-Präludium aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ um zum Jazz, und in der zweiten zieht er alle Register der pianistischen Möglichkeiten. Das Orchester sitzt still bis zum Schlussakkord, in den es – Überraschung! – präzise einfällt. Lachen, Begeisterung, noch mehr Applaus.

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