Musik

Festsaal – So klingt Uni

Das Akademische Orchester unter UMD Philipp Amelung konzertierte im Tübinger Uni-Festsaal mit dem fantastischen vietnamesischen Klaviersolisten Việt Trung Nguyễn

TÜBINGEN. Franz Schuberts „Unvollendete“ stand im Zentrum. Aber was das Akademische Orchester am Samstagabend seinem Publikum in einem sehr gut besetzten Tübinger Uni-Festsaal darbot (und am heutigen Sonntag wiederholt), das war schon fast perfekt und vollendet schön in Klang und Kraft und Klarheit. Das lag natürlich vor allem an Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung, seiner Sorgfalt in Probenarbeit und Dirigat, seinem Charisma der musikalischen Momente. Es fand seinen großartigen Ausdruck aber auch im hinreißenden Spiel des Klaviersolisten Việt Trung Nguyễn, der schon die vorweihnachtliche Konzertreise des Orchesters in seine Heimat begleitet hatte, nach Hanoi, die Hauptstadt Vietnams. So klingt Uni.

Das war, nach Bizet und Ravel, zu Schuberts „Unvollendeter“ schon die etwas kleinere Besetzung des Akademischen Orchesters. Fotos: Martin Bernklau

Eigentlich ganz unstudentisch war gleich der Auftritt im einheitlich schwarzen Outfit. Nichts Legeres, eher schon so etwas wie akademische Noblesse und Würde. Und bereits die ersten Takte einer Auswahl aus Georges Bizets beiden „Carmen-Suites“ zeigten das: Da musiziert ein riesiger Klangkörper mit allein um die sechzig Streichern, stark besetzt auch in Holz- und Blechbläsern, plus Percussion bis hin zur Harfe – und zwar mit höchster Aufmerksamkeit und Disziplin. Bis ins hinterste Pult gab es das volle Programm hindurch nicht einen einzigen abweichenden Bogenstrich.

Nicht nur in den ersten Violinen: Disziplin bis in die hintersten Pulte. Foto: Martin Bernklau

Natürlich fehlte auch das Temperament nicht bei den vom Freund destillierten Orchesterstücken aus Georges Bizets feurig-tragischer Liebesoper um Carmen und ihren andalusischen Torero, die mit der „Aragonaise“ begannen und mit der „Danse Bohème“ (fürs Erste) endeten – voll und farbig im Klang, fein in der Abstimmung aller Instrumentengruppen und der profilierten solistischen Passagen, die mit dezenter Flexibilität im tänzerischen Zug den Stab weitergaben.

Das 1931 vollendete Klavierkonzert von Maurice Ravel steht in G-Dur und hat durchaus etwas Testamentarisches. Es steht auch für einen weiterentwickelten Impressionismus, der bei aller intellektuellen Struktur des Satzes die tonalen Bindungen gegen die atonale Moderne beibehielt und sinnliche Klangfarben kultivierte, einen mittelmeerisch-romanischen Geist, der bis in romantische Atmosphären reichen darf wie im Mittelstück, dem Adagio assai, das mit seinen unendlich sanft perlenden Läufen in der rechten Hand in gewisser Weise eine Hommage an Chopin ist.

Auch wegen des ebenso virtuosen wie kristallinen und ausdrucksstarken Klavierparts ist das Konzert zu einem Paradestück in den Konzertsälen der Welt geworden. Der 1996 geborene Vietnamese Việt Trung Nguyễn – im Polen Chopins, später in den USA ausgebildet – beherrschte ihn auf phänomenale Weise, technisch wie musikalisch.

Việt Trung Nguyễn. Foto: Chopin-Institut nifc/ Homepage

Das trotz seiner Größe ungemein sensible Akademische Orchester ließ seinem Solisten den notwendigen Raum, um die ganz unterschiedlichen Rhythmen (etwa die Jazz-Einflüsse im Kopfsatz) und die Klänge, Formen und Strukturen auszugestalten, glänzte aber in allen Farben und Facetten dieser so fein differenzierten Instrumentation mit eminent hoher Präzision. Das Zusammenspielt wirkte über weite Passagen wie ein dialogisches Wetteifern in der Ausdruckkraft dieser weiten melodischen Linien, aber auch der markanten Akzente. Präzise eingesetzte Kraft und zarteste Geläufigkeit zeichneten das Spiel von Việt Trung Nguyễn aus. Auch Klangsinn.

Jubel für den großartigen Auftritt von Việt Trung Nguyễn, auch von den Freunden im Orchester. Foto: Martin Bernklau

Seine Zugabe, die Nocturne Des-Dur von Frédéric Chopin, ganz sicher ein Idol dieses jungen Pianisten, war eine kurze, kleine Feierstunde. Dieser ungeheuren Delikatesse fügte Việt Trung Nguyễn hin und wider einen Hauch der drängenden Energie eines Ravel oder eines Liszt bei. Atemlos andächtige Stille zunächst, dann Jubel, samt dem ganz studentischen Trampeln im Orchester.

Schuberts „Unvollendete“, seine 8. Sinfonie, h-Moll, eröffnete den zweiten Teil. Flüssig, in schwingender Melodik, aber ohne jede Süßlichkeit hob der erste Satz an, der schon in einem Spannungsfeld zwischen Energie, Geheimnis und Melancholie steht. Bewundernswert wieder die Genauigkeit, mit der Philipp Amelungs suggestiv dirigierte Vorgaben gerade bei diesen Gegensätzen vom Orchester umgesetzt. Wirklich toll die solistischen Instrumentaleinlagen vor allem der (Holz-) Bläser. Klarinettist Anton Betz sei hervorgehoben, auch Teresa Nanns Oboe hatte wunderbar phrasierte Melodien.

Konzertmeisterin Cosima Hermann führte (vibratofrei) die Streicher an. Foto: Martin Bernklau

Im Andante, auch das ganz ohne habsburgische Behäbigkeit genommen, verdichtete und überhöhte sich das noch in dieser Verbindung von Sanglichkeit, Trauer und Einbrüchen düsterer Dramatik. Dass Schubert damit „alles gesagt“ habe, gehört zu den verschiedenen Mutmaßungen darüber, weshalb er die Arbeit an der Sinfonie liegen ließ.

Dem leisen, milden und versöhnlichen Dur-Schluss folgte ohne große Pause, vielleicht absichtsvoll unter Verzicht auf Applaus (?) der Einstieg in den ausgedehnten 4/4-Prolog zum „Kaiserwalzer“ von Johann Strauss, dem Jüngeren, dem Wiener Walzerkönig und Sohn des garstig strengen Vaters. Fast klang es, als könnte dieses Konzertstück – eher nicht so für den Tanzsaal geschaffen – Schuberts Sinfonik mit einem weiteren wienerischen Charakter halbwegs homogen ergänzen oder fortführen: anspruchsvoll in Satz und Instrumentation und nicht gar zu ballhaft festselig im Ton; uraufgeführt übrigens für einen neuen Konzertsaal im wilhelminischen Berlin, der dann außer Mode kam und bald vergessen wurde.

Suggestiv und präzise leitet Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung sein Akademisches Orchester.
Foto: Martin Bernklau

Ganz ausgezeichnet kam auch da die rhythmische und melodische Vielfalt zur Geltung, der Reichtum an instrumentalen Figuren und Farben. Dem überschwänglichen Beifall war dann doch eine Zugabe geschuldet: noch ein mitreißender Satz aus Bizets „Carmen“-Suiten.

Zugaben sind selten bei Orchestern. Aber nach dem frenetischen Applaus im Festsaal für Schuberts „Unvollendete“ und den „Kaiserwalzer“ von Johann Strauss (Sohn) musste das sein: Noch einmal Bizet und „Carmen“. Foto: Martin Bernklau

Click to comment

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

To Top