Im Tübinger Museum und im Reutlinger Kamino läuft François Ozons schwarz-weiße Verfilmung des existenzialistischen Romanklassikers „Der Fremde“ von Albert Camus an
TÜBINGEN/REUTLINGEN. François Ozon ist ein versierter Regisseur mit einem gewissen Faible fürs Erotische, für Frauen, für Fassbinder und für Schrilles („8 femmes“). Dass der Franzose schwul ist, tut kaum etwas zu Sache. Auch nicht, dass er familiäre Wurzeln ins Maghrebinische hat, in die früheren französischen Kolonien Nordafrikas. Eine Rolle, eine Nebenrolle spielt beides schon – wie die Sonne, das Meer, der Strand, die Hitze. Nach Lucchino Visconti („Lo straniero“ mit Marcello Mastroianni von 1967) hat Ozon sich des Romans „L’Étranger“/ „Der Fremde“ von Albert Camus angenommen und ihn in Schwarz-Weiß verfilmt.

In Algier spielt Camus‘ Geschichte vom eher beiläufigen, nicht recht motivierten Mord des lakonischen Ich-Erzählers Meursault an einem jungen Araber. Mit dem Satz „J’ai tué un Arabe“ zu den Mitgefangenen („Ich habe einen Araber getötet“) lässt Ozon seinen Film beginnen, der im marokkanischen Tanger gedreht wurde. Ähnlich knapp Camus‘ originaler Beginn: „Aujourd’hui, maman est morte“ („Heute ist Mama gestorben“). Der Regisseur hat ein wenig umgestellt, ein paar Szenen wie die halluzinierte Golgotha-Begegnung des Todeskandidaten mit der toten Mutter hinzugefügt. Er hält sich aber ziemlich genau an die 1942 im deutsch-besetzten Paris erschienene Vorlage, einen Schlüsseltext der Existenzialismus in seiner absurden, mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Spielart des Albert Camus.
Der Film hat, wie das Buch auch, über die Zweiteilung hinaus Brüche. Schauplatz ist das koloniale Algier der Dreißigerjahre, in dem die Franzosen völlig getrennt von den beherrschten Arabern leben. Benjamin Voisin zeichnet einen jungen Mann, dessen kühle Gefühllosigkeit nicht erschüttert werden kann durch diese Reihe von Begebenheiten, die normalen Menschen nahegehen würden: Der Tod der Mutter in einem Altenheim vor den Toren seiner Stadt rührt ihn zu keiner Träne, wie die Teilnehmer des Begräbnisses beobachten. Gerade das wird ihm später im Prozess zum Verhängnis.
Die ehemalige Kollegin Marie (Rebecca Marder) bandelt noch am selben Tag im Strandbad mit ihm an. Sie gehen ins Kino, wo die Fernandel-Komödie „Le Schpountz“ läuft, danach ins Bett. Sie fühlt sich angezogen von seiner coolen Attitüde. Als sie ihn fragt, ob er sie liebe, antwortet Meusault ungerührt, das spiele keine Rolle. Gegen eine Heirat hat er nichts einzuwenden.

Der alte Nachbar quält seinen Hund. Meursault lässt das ebenso kalt wie sein Kumpel Raymond, ein Zuhälter, der seine arabische Freundin nebenan so wüst in die Prostitution prügelt, dass die Polizei kommt. Als sie zusammen ins Strandhaus eines befreundeten Paares gehen, kommt es zu einer Prügelei mit dem Bruder der arabischen Zwangshure und dessen Clique. Für alle Fälle steckt Raymond, der verliert und eine Schnittwunde abbekommt, Meursault seine kleine Pistole zu.
Der trifft den namenlosen jungen Araber, einen schönen jungen Mann wie er selbst, am Strand liegend wieder, fühlt sich von dessen gezücktem Messer bedroht, von der Hitze umnebelt und – in der Klinge gespiegelt – von der Sonne geblendet. Er schießt – und gibt auf den Toten vier weitere Schüsse ab. Das macht die Notwehr für das Gericht, das im zweiten Teil gegen einen gleichgültigen Meursault verhandelt, der sich gegen den Vorwurf des Staatsanwalts kaum wehrt, zum Mord. Er wird zum Tode verurteilt und wartet im Gefängnis auf seine öffentliche Hinrichtung unter der Guillotine.
Beim größten Bruch folgt Regisseur Ozon dem Literaten und Philosophen – und verstärkt ihn noch: Mit dem ungebetenen Gefängnis-Geistlichen gerät der sonst so duldsam fatalistische Meursault in einen wilden Streit. Camus‘ Philosophie der stoischen Gleichmuts gegenüber der Absurdität und Sinnlosigkeit jeder Existenz schlägt um in antiklerikalen, atheistischen Furor, bevor zum Ende hin seine „zärtliche Gleichgültigkeit“ obsiegt, biblisch aufgeladen.
Kameramann Manuel Dacosse hat für François Ozon geradezu absurd schöne, sinnliche und ruhig geschnittene Bilder komponiert, die alle Kontrast-Potentiale des schwarz-weißen Lichts in suggestivem Minimalismus überhöhen. Schauspielerisch sind die Hauptfiguren vor allem im ersten, dem coolen Teil großartig dicht gestaltet, die Nebenrollen wie der Zuhälter Raymond (Pierre Lottin) oder der hässlich alte Hundequäler Salamano (Denis Lavant) vielleicht etwas überzeichnet.

Ein Beispiel für die sorgsame Ästhetik ist – neben der Sonne, dem Meer, der sengenden Hitze – die Verwendung des Spiegels als Leitmotiv. Am Ende ist er der metallene Napf im Gefängnis. In all der Schärfe der Bilder setzt Ozon die Focussierung als Stilmittel ein: Gleich zu Beginn laufen Wärter und Häftling langsam in den Brennpunkt der Kamera; oder das wortführende Gegenüber des Chefs ist unscharf, an Meursaults Hinterkopf im Vordergrund könnte man die Haare zählen.
Albert Camus war zwar links eingestellt und in aktiver Opposition gegen die französische Kolonialmacht im extrem brutalen und blutigen algerischen Befreiungskrieg, der folgte. Aber die Politik und die Kolonialgesellschaft sind ihm im „Étranger“ nur historische Folie für seine existenzialistische Philosophie des Absurden. Ozon folgt ihm dabei im Wesentlichen und gibt dem Stoff ebensowenig einen postkolonialen wie einen postpatriarchalen Anstrich.
Wo der Regisseur diese Linie werktreuer Adaption verlässt, entstehen eher misslungene Fremdkörper wie in der Schluss-Szene mit der Schwester am Grab des erschossenen Bruders, der nun einen Namen bekommt. Fremd nach dem subtilen Soundtrack von Fatima Al Kadiri wirkt auch das seinerzeit skandalöse Stück von „The Cure“ zum Abspann: „Killing an Arab“, das 1979 nichts anderes war als die Vertonung von Camus‘ Story.
(FSK ab 12)


