Musik

Camerata – meets Jazz

Der Vibraphonist und Komponist Wolfgang Lackerschmid gibt mit Philipp Amelungs Camerata vocalis ein Konzert im Tübinger Uni-Festsaal

TÜBINGEN. Man nennt das „Fusion“. Und ganz im Jargon des Jazz stand über dem Konzert vom Samstagabend: „Camerata feat. Lackerschmid“. Der Festsaal der Tübinger Universität war recht gut besetzt. Und vor das gut gelaunte Publikum traten neben UMD Philipp Amelungs Camerata vocalis der in einer feinen kleinen Szene ziemlich renommierte Jazzer und Komponist Wolfgang Lackerschmid an seinem Vibraphon und der Pianist Michael David Dan am Steinway.

Begleiter Michael David Dan am Flügel, Dirigent Philipp Amelung am Pult und der Solist Wolfgang Lackerschmid am Vibraphon vor einer hochmotivierten Camerata vocalis. Fotos: Martin Bernklau

Es war ein – im besten Sinne – sehr eigenartiges, völlig ungewöhnliches Programm für einen Kammerchor. Ursprüngliche Instrumentalstücke des studierten Komponisten Wolfgang Lackerschmid fürs Vibraphon waren mit verschiedensten Texten versehen und mit einem Chorsatz ergänzt worden. Arrangements von Klassikern aus Pop, Rock und Chanson sowie Jazz-Standards ergänzten diese Mischung, meist eingeleitet oder gekrönt von einem virtuosen Vibraphon-Solo.

Das Vibraphon, meist mit vier Mallets (Schlägeln) gespielt, hat Louis Amstrong als Steel Marimba in den Jazz gebracht. Auch unter den Komponisten der modernen Klassik fand es Fans. Der 1956 am Tegernsee geborene, in Ehingen an der Donau aufgewachsene und in Stuttgart studierte Wolfgang Lackerschmid gehört in der deutschen Jazz-Szene zu den bedeutendsten Virtuosen für dieses klanggewaltige Metallophon, das über seinen Resonanzröhren mit Vibrationselelektrik und einem Hallpedal ergänzt wurde.

Philipp Amelungs Uni-Chor und der Vibraphon-Jazzer Wolfgang Lackerschmid. im Festsaal. Foto: Martin Bernklau

Mit einer Ballade begann dieses Meeting von Jazz und Kammerchor. Lackerschmid hat über ein sehr romantisches Stück Lyrik in deutschen und französischen Worten, den „Clochard Marcel“ von Florian Fontane, eine Musik gesetzt, die sich neben dem Vibraphon-Einsatz durch eine syllabische Vertonung – auf jede Silbe ein Ton, wie bei Abba – und die extreme harmonische Weite auszeichnet. Sie reicht von anrührenden Dur-Klängen bis zu schärfsten Dissonanzen, die zumindest von Zwölftönigkeit inspiriert scheinen. Ganz schwer zu singen, zumal der Chor über weite Strecken „a cappella“ alleine in der (Klang-) Luft hängt. Aber die Camerata vocalis war exzellent vorbereitet, und Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung hatte das mit seiner ebenso präzisen wie suggestiven Dirigierweise vollkommen im Griff.

Nach „Der alte Mond zur halben Nacht“, einem ahnlich idyllischen, leicht anironisierten Gedicht von Peter Dempf als Grundlage einer Eigenkomposition folgte mit der „Kleinen Rose“ von Bert Brecht literarisch Gewichtigeres mit Übertragung ins Englische, musikalisch durch die Solokantilene einer Chorsopranistin erweitert. Das Klavier kam hinzu bei der Vertonung dreier ganz besonderer Brecht-Texte. Hier werden, in der Originalausgabe mit Fotos versehen, kurze lyrisch-satirische Selbstporträts des Berliner „Bluthundes“ Gustav Noske, von Hermann Göring als „Schlächterclown“ und des Hitler-Propagandisten Joseph Goebbels als „der Doktor>“ in Töne gesetzt, überwiegend akkordisch tonal mit Cantus firmus, und jazzig bis raphaft rhythmisiert.

Bei den sakralen Nummern „Sanctus“, wiederum mit englischen Abschnitten zwischen dem Latein, und „Laudate“ nach Psalm 148 verwendete Wolfgang Lackerschmid auch den Bogen, um die Metallplatten seines Vibraphon mit Strichen in Schwingung zu versetzen. Neben seinen Solo-Einlagen hatte auch Michael David Dan ein gefällig virtuoses Klavier-Intermezzo in erweitereter Tonalität zwischen dem Chorgesang und dessen vokalen Solo-Einschüben. Mit Lackerschmids Eigenkomposition „One More Life“ zum Text von Tricia Tunstall kam bis zur Pause wieder die ganze stilistische Bandbreite zwischen Jazz und reinem chorischen Dur-Klang a cappella zum Zuge.

Mit „All my Love“ von Coldplay – ohne Vibraphon, nur mit temperamentvoller Klavier-Korrepetition – gab Philipp Amelung seinem Chor stimmlich etwas längere Leine. Das galt auch für „All of Me“ von Gerald Marks mit seinem virtuosen Vibraphon-Intro. Ausgerechnet in dem sehr freien Arrangement von Edith Piafs Chanson „La vie en rose“ gab Lackerschmid seinem Instrument vollen klanglichen Zunder samt heftigem Hall: Es wurde richtig laut. Das Vibraphon füllte den Saal soundmäßig total – was im Festsaal kein gar so leichtes Unterfangen ist.

Da ist zwischen den vier Mellets ein Streicherbogen zu erkennen. Foto: Martin Bernklau

In Jerome Kerns „All the Things You Are“ zeigte der Solist auch Spiel mit dem Holz der Stäbe (al legno), mit den „Blue Skies“ von Irving Berlin verbanden sich Harmonien und Rhythmen eines Jazz-Standards im (nach Improvisation klingenden, aber genau durchkalkulierten) Dialag zwischen Vibraphon und Klavier samt dem Gesang und dem Fingerschnippen eines Chores. Eine Romanze noch einmal zum Schluss mit der Collage von Joseph Kosmas & Barry Manilows „When October Goes & Autumn Leaves“.

Viel Begeisterung im Festsaal für ein ungewöhnliuche Konzert der Camerata vocalis. Foto: Martin Bernklau

Nach dem Riesenbeifall gab es noch ein Originalstück von Lackerschmid als Zugabe: „After Hours“. Ein hochinteressanter, ganz ungewöhnlicher musikalischer Abend.

Titelfoto: Lackerschmid Homepage

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