Musik

BachChor – Seltene Oratorien

Mit dem BachChor und der Camerata viva widmete sich Ingo Bredenbach am Sonntagnachmittag in der Tübinger Stiftskirche dem Oster- und dem Himmelfahrts-Oratorium von Johann Sebastian Bach

TÜBINGEN. Der schöne Trend, das klassische Repertoire um selten musizierte Raritäten zu erweitern, betrifft auch die ganz großen Namen. Ingo Bredenbach, durchaus ein Pionier dabei, hat sich mit seinem BachChor des Oster- und des Himmelfahrts-Oratoriums von Johann Sebastian Bach angenommen und sie am Sonntagnachmittag mit der Camerata Viva und Vokalsolisten in der ganz ordentlich besetzten Tübinger Stiftskirche aufgeführt. Die Oratorien umrahmten die gleichfalls nicht so oft zu hörende Kantate „Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben“.

BachChor und Camerata viva. Foto: Martin Bernkklau

Zwei Ausfälle waren bei den Gesangssolisten zu ersetzen: Der Isländer Benedikt Kristjánsson, so etwas wie ein Stargast, lag in Reykjavik mit Grippe im Bett. Daniel Tepper sprang ein als Tenor. Auch Nora Steuerwald war verhindert. Ihren Alt-Part übernahm Amelie Bayer. Die historisch musizierende Camerata viva unter der Führung von Konzertmeisterin Magdalene Kautter hatte neben dem starken Naturtrompeten-Trio auch Holzbläsersolisten mitgebracht, unter denen Sophie Roth mit ihrer Traversflöte herausragte: So ein wunderbarer Ton bei völligem Verzicht auf Vibrato ist selten zu hören.

Die herausragende Traversflötistin Sophie Roth. Foto: Martin Bernklau

Gegenüber einer normalen Kantate bringt ein Oratorium Handlung oder theologische Kommentare in das musikalische Geschehen, die in Rezitativen ausgeführt sind. Bach hat sein Oster-Oratorium – wohl 1725 in Leipzig uraufgeführt, anno 1738 neu bearbeitet – aber auch schon dadurch aufgewertet, dass er ihm eine doppelte Einleitung voranstellt: Neben einer instrumentalen Sinfonia mit auftaktigem Gestus steht noch ein Adagio, dessen ausdrucksvolle, fragende Intensität die Traversflötistin so großartig fasste. Der Thomaskantor war immer auch darauf angewiesen, was für Musiker mit welchen Qualitäten ihm aktuell zu Verfügung standen. Vielleicht ging der ergreifende Part in der Schlussfassung deshalb von der Oboe an die Flöte über.

Die beiden Oratorien sind auch Beispieel für Bach sogenanntes Parodie-Verfahren (wobei das Wort nicht veräppeln, sondern recyclen bedeutet). Im Oster-Oratorium (BWV 249) griff er auf Sätze aus der weltlichen „Schäferkantate“ sowie vermutlich aus einem nicht erhaltenen Instrumentalkonzert zurück. Im Himmelfahrts-Oratorium (im BWV unter der Kantatennummer 11 gelistet) ist das „Agnus Dei“ aus der h-Moll-Messe zur Altarie „Ach, bleibe doch“ verarbeitet. Wobei zu bemerken ist: Bach nahm natürlich nur besonders gute Sätze zur Wiederverwendung heran; und nicht selten sind seine Neubearbeitungen noch besser als die Originale. Im Eingangschor zum Oster-Oratorium, dem kraftvollen „Kommet, eilet und laufet“, klingt übrigens verblüffend verwandt der Quartsprung der letzen Kantate des Weihnachtsoratoriums an.

Ingo Bredenbach und die Riege seiner Vokalsolisten Sibylla Rubens, Amelie Bayer, Daniel Tepper und Matthias Lutze (von links). Foto: Martin Bernklau

Der Chor, in durchmischter Aufstellung, begann so frisch wie selbstbewusst und behielt diese Ausstrahlung über alle drei Werke bei. In manchen Fugeneinsätzen, die ansonsten sehr zuverlässig und genau aufeinander folgten, war hin und wieder zu hören, dass die Männerstimmen doch etwas dünner besetzt sind. Die ausgeprägte Deklamation, also die musikalische Hervorhebung von Worten entlang der Textbedeutung, stand dem übersichtlichen vierstimigen Satz der Oratorien und der Kantate gut an, gerade auch in den figurierten beiden Strophen des Schlusschorals beim Himmelfahrtsoratorium. Impulse und Akzente – springlebendig, fast hüpfend hörte sich dieser freudige Gestus im Eingangschor der Kantate an, in der es um Bachs zentrales Glaubensthema geht.

Das Kammerorchester, bei dem die Positionen der Celli plus Kontrabass und der Bratschen gegenüber der üblichen Aufstellung vertauscht waren, schien ein wenig Anlauf zu brauchen, bis es sich zum gewohnten Schwung und seinen konzentrierten Klang freigespielt hatte. Immer mehr aber zeigte sich ein über Jahre gewachsenes Einvernehmen, auch seitens der Continuo-Gruppe (mit Cembalo) zu den Vokalsolisten. Der Sopran von Sibylla Rubens strahlte in gewohnter Kraft und linear erzählender Gestaltung. Den Einspringern Amelie Bayer mit ihrer klaren Mezzostimme und dem Tenor Daniel Tepper, Bezirkskantor in Böblingen, waren keinerlei Unsicherheiten oder Eingewöhnungsprobleme anzumerken. Auch Matthias Lutze mit seinen baritonalen Bass-Partien bevorzugte ein linear geschmeidige Phrasierung.

Die Naturtrompeter brachten strahlend sauberen Glanz in die festlichen Ecksätze. Foto: Martin Bernklau

Die schöne, in Besetzung, Klang und Diktion festliche und geschlossene Darbietung dieser selteneren Bach-Werke fand großen Anklang und langen Beifall beim Publikum.

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