Musik

Ärzteorchester – Größe mit Bravour

Elgars Cellokonzert und Schuberts Große Sinfonie: In der Tübinger Stfitskirche musizierte das Ärzteorchester mit dem großartigen jungen Solisten Lionel Martin

TÜBINGEN. Die Stiftskirche hätte man als wohltemperiert bezeichnen können. Und sie war trotz drückender Schwüle draußen durchaus gut besetzt gestern am frühen Sonntagabend, als das Tübinger Ärzteorchester unter der Leitung von Martin Künstner dort sein sommerliches Sinfoniekonzert gab. Als besonderen Glanzpunkt spielte Lionel Martin, Tübingens Nachwuchs-Cellist von inzwischen schon bald weltweiter Geltung, Edward Elgars fast testamentarisches Konzert in e-Moll. Das große Orchester – allein zehn erste Geigen, ausschließlich Frauen – wagte sich danach an Franz Schuberts Große Sinfonie C-Dur, seine letzte. Und bestand mit Bravour. Da war gut gearbeitet worden.

Edward Elgar (1857 bis 1934) lebte nach der etwas unglücklichen Londoner Uraufführung am 27. Oktober 1919 zwar noch einige Jahre. Aber sein Cello-Konzert e-Moll opus 85, viel sperriger und weit weniger sanft als seine berühmten Enigma-Variationen sollte sein letztes vollendetes Werk von Rang und Belang bleiben. Die Partitur hatte der große Engländer mit dem düsteren Signum „Finis. R.I.P.“ versehen. Zwar entstand das Konzert noch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs, aber privat sind kaum Umstände bekannt, die solchen Fatalismus begründen könnten. Er selber war zwar eben erst von einer Operation genesen, aber den Tod seiner Frau Alice im Jahr darauf konnte er kaum vorausgeahnt haben. Es scheint also eine Melancholie sui generis, die alle vier Sätze von Elgars Cellokonzert umweht.

Cello-Solist Lionel Martin und Martin Künstner, Dirigent des Tübinger Ärzteorchesters. Fotos: Martin Bernklau

Lionel Martin, Jahrgang 2003, spielt zwar noch recht häufig in seiner Heimat, wo er als Fünfjähriger an der Tübinger Musikschule bei Joseph Hasten seinen ersten Violoncellunterricht bekam. Aber als Stipendiat der Stiftung von Anne-Sophie Mutter hat er längst viele begehrte Preise eingeheimst und konzertiert mit den bedeutendsten Orchestern, aber auch gern mit seinem Bruder Demian Martin am Klavier, auf den Podien aller europäischen Konzerthäuser von Rang und bis hin zur New Yorker Carnegie Hall. Erst vor ein paar Tagen war er in Brüssel als Finalist bei der Queen Elisabeth Competition, die diesmal unter den weltweit besten jungen Cellisten ausgefochten wurde.

Elegisch und verträumt begann Lionel Martin den Kopfsatz des Konzerts, steigerte sein Singen aber immer intensiver in eine hochromantische Expressivität, mit immer mehr klassischem Vibrato übrigens. Nicht einmal ein paar absichtsvoll schleifende Tonübergänge aber überschritten je die Grenze zum Kitsch. Mit dem Orchester setzte Martin Künstner offenbar auf einen gewissen Gegensatz, auf das Einbetten der Solostimme in einen eher zurückhaltenden Rahmen mit sparsamerer Klangfärbung, übrigens auch, was das Vibrato angeht. Während der Cellist eine sehr dehnbare Agogik zelebrieren konnte, die immer wieder auch die Dramatik eines nervöseren Anspannens einbezog, legte das Ärzteorchester seinen Schwerpunkt auf eine präzise Zuverlässigkeit, die ihr fast durchgehend gut gelang. Besonders an den Pizzicato-Passagen und bei gegenläufigen Rhythmen war das zu hören. Kleine intonatorische Unausgewogenheiten waren gewiss den klimatischen Umständen geschuldet.

Nach dem fein abgestimmten Schluss brach schnell jubelnder Beifall los, für den sich Lionel Martin mit einem gleichfalls bis zur Grenze der Ausdrucksmöglichkeiten gesteigerten Satz aus Bachs Solosuiten bedankte.

Rauschender Applaus für Lionel Martin, der sich mit einem hochromantisch gefärbten Solosatz von Bach bedankte. Foto: Martin Bernklau

Die Enstehungsgeschichte von Franz Schuberts Sinfonie C-Dur, heute als Nr. 8 gezählt und auch der damals ungewöhnlichen Länge wegen und zur Abgrenzung der früheren C-Dur-Sinfonie „die Große“ genannt, ist reich an Rätseln. Jedenfalls ist sie seine letzte, wohl um 1825, also rund drei Jahre vor Schuberts Tod entstanden. Robert Schumann, dem gemeinsam mit Felix Mendelssohn ihre Wiederentdeckung und die Leipziger Uraufführung anno 1839 zu verdanken ist, bescheinigte ihr „himmlische Längen“. Schubert stellte ihrem Kopfsatz nicht nur eine langsame Einleitung voran und fügte auch eine Coda an, sondern bewegte sich auch sonst fast experimentell weit weg von den tradierten Formen.

Dass es schon auch darum ging, diesen sinfonischen Brocken überhaupt mit Anstand zu bewältigen, war dem Ergebnis kaum noch anzuhören. Klar, dass da zuweilen noch mehr Delikatesse im Klang denkbar gewesen wäre. Aber der sachlichen Klarheit von Martin Künstners Dirigat entsprach dieses eindrucksvoll solide Ergebnis über alle vier Sätze hinweg. Kaum mal ein Wackler, sehr genaue Abstimmung zwischen den Orchestergruppen, eindrucksreiche Steigerungen bis zu triumphalen Wiederkehr der oft „männlichen“ Themen; schöne leisere Passagen, sauber gehaltene Generalpausen und vieles mehr zeugten nicht nur von einem großen Gestaltungswillen, sondern auch von viel genauer Probenarbeit. Dass der komplexe, in Melodik und Rhythmen so vielfältige Satz auch mal ein wenig zerfasterte, das blieb die Ausnahme.

Das Ärzteorchester, sein Cello-Solist Lionel Martin und sein Dirigent Martion Künstner. Foto: Martin Bernklau

Der jubelnde Beifall wollte danach gar nicht mehr enden und ließ sich nur durch stehende Ovationen noch steigern. Das war – keinesfalls nur in den Augen der vielen Freunde dieses besonderen Orchesters – vollkommen verdient für diese bewundernswerte Kraftanstrengung und ihr bemerkenswertes Resultat.

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