Die Tonne zeigt mit „Inferno“ ihren Bühnen-Beitrag zum Reutlinger Stadtbrand-Gedenken
REUTLINGEN. Die beklemmende Atmosphäre der Feuerkatastrophe von 1726 greift Raum beim „Inferno“, mit dem die Reutlinger Tonne ihren Theater-Beitrag zum Stadtbrand-Gedenken leistet. Dabei wird der Text von Eckhard Wurm eher in bildstarke Abstraktion stilisiert. Unter der Regie von Intendant Enrico Urbanek haben sich zwei Gruppen zusammengefunden, die vor anderthalb Jahren schon einmal das Projekt „Tanzt!“ an der Tonne trugen: ein generationen-übergreifendes Bürgerensemble und die inklusive Gruppe. Am Freitagabend war Premiere, hier liegt die Aufführung vom gestrigen Sonntag dem Text zugrunde.

Sybille Schulze hat diesem Raum mit gestaffelten weißen Geometrien Kontur gegeben, die als Dächer, Giebel und Fassaden gelesen werden können und als Fläche für Lichteffekte und Bildprojektionen dienen. Sie hat auch die Kostüme ersonnen: weiße Hemden und Blusen, Hosen und Röcke – ganz minimalisiert. Nur Léa Pinault, das Mädchen im knallroten Kleid, sticht – eine motivische Anleihe bei „Schindlers Liste“ von Steven Speilberg – farblich heraus.
Das Kind gibt eine Erzählerin (aus dem Off) und den Rahmen ab, den Dramaturgin Nikita Nagel der szenischen Collage gesetzt hat. Als Schülerin soll sie sich in der Stadtbibliothek über die Katastrophe vom September 1726 aufschlauen. Es überwiegt freilich der Tanz. Gerade die vorrangigen Gruppenbilder, von Johannes Blattner choreografiert, werden mit viel Disziplin sorgsam ausgeführt.

Reutlingen steht nicht alleine da. Das gilt nicht nur für die Solidarität, die der zu vier Fünfteln zerstörten Stadt schon damals nach der Brandkatastrophe weithin zuteil wird. Das gilt auch für viele andere europäische Stadte, die solchen Flammeninfernos anheimfielen. Die Gruppe beginnt mit einer geradezu meditativen Litanei, die zig durch Feuer zerstörte Städte seit dem Frühen Mittelalter beim Namen nennt, teils auch mit näheren Infos zu Schäden und Toten (in Reutlingen musste nur ein Mensch sein Leben lassen). Dann wird der letzte Tag der Freien Reichsstadt vorm Brandausbruch geschildert, die damals auch eine geschäftige Marktstadt war, mit weniger Bewohnern noch als heutzutage etwa Kirchentellinsfurt – um die 5000. Die Schauspieler bieten auch im Publikum ihre fiktiven Waren feil.

Im Haus des Schuhmachers Friedrich Dürr nahe der Nikolaikirche soll die in einen Vorratsraum hinabgefallene Kerze das Inferno ausgelöst haben, was die Gruppen ebenso darstellen wie die vergeblichen Löschversuche, das Chaos des Brandes und die Vertreibung der Schuldigen aus der zerstörten Stadt. Der Bach-Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ leitet die historische Buß- und Brandpredigt des Spitalpfarrers Michael Fischer ein, den Florian Klebs darstellt.

Um die großzügigen Spenden, die sogar aus Skandinavien den um alles Hab und Gut gebrachten Reutlingern zuteil werden, gibt es aber bald Streit. Gilt die Wiederherstellung der Marienkirche, deren Turm noch drei Nächte lang geglüht haben soll, als ausgemachte Sache, rebellieren die Bürger auch mit Prügeleien gegen die Verteilpläne des Rats für die überlieferten 60.000 Spendengulden.

Der abschließenden Song (Leopold Wanner) um die Lehren aus der Katastrophe und der Geschichte driftet mit seinen gerapptem Reimen ein wenig predigthaft ins beliebig Gutmenschliche. Die gut dreißig Akteure sind da auch nicht ganz textsicher. Aber der Song rundet ein Tableau ab, eine szenisch-tänzerische Collage, in in ihrer Stilisierung doch viel Eindruck hinterlässt. Der Beifall fiel auch sehr lang und freundlich aus.



