Im Reutlinger Tonnekeller hatte Kristina Moiseieva Premiere mit ihrem Solo nach Anna Halas‘ Stück über die Wirkungen des Ukrainekriegs auf eine Frauenseele
REUTLINGEN. Theaterfrauen sind sie beide. Und Ukrainerinnen. Anna Halas, vergangenes Jahr im Alter von 40 Jahren gestorben, hat sich als Übersetzerin und Dramatikerin große Verdienste um das Theater des Landes erworben. Kristina Moiseieva setzte ihre in Kiew begonnene Schauspielausbildung nach Beginn des Krieges in Deutschland fort und gehört seit diesem Jahr zum Ensemble des Tonne-Theaters. Am gestrigen Samstagabend hatte das Solostück mit dem Titel „Zerrissen“ unter der Regie von Intendant Enrico Urbanek im nicht ganz ausverkauften Tonnekeller als Uraufführung seine umjubelte Premiere.
Vielleicht ist dieser Unterschied nicht ganz unwichtig: Anna Halos lebte, lehrte und schrieb im west-ukrainischen Lviv (zu Habsburgerzeiten: Lemberg). Kristina Moiseieva stammt aus dem heftig umkämpften strategischen Knotenpunkt Kramatorsk, der zur Provinz (Oblast) Luhansk gehört, die sich schon Jahre vor der russischen Invasion (wie Donezk) vom ukrainischen Staat für unabhängig erklärt hatte, also abtrünnig war. Ethnisch und sprachlich russisch dominiert, wurden die Separatisten-Provinzen militärisch von Moskau unterstützt, von der Kiewer Zentralregierung hingegen beschossen. (Es gab laut UN seit 2014 bis zur russischen Invasion etwa 14.000 Tote in diesem Bürgerkrieg, aber das ist politisch-historischer Hintergrund, nichts Theaterrelevantes.)

Im vollständigen Titel hatte Anna Halas ihrem Stück den Zusatz „Chroniken des evakuierten Körpers und der verlorenen Seele“. Die Figur, Mutter dreier Kinder, erlebt einen letzten „ganz normalen Tag“ vor dem russischen Einmarsch. Dann aber zerbricht ihre Seele, obwohl sie von Raketen und Granaten, Blut und Tod eigentlich nur indirekt, allenfalls durch ständige Luftalarme betroffen ist, wohl aber mit den zahllosen Flüchtlingen und Vertriebenen aus den Haupt-Kampfgebieten und einer beständigen Angst zu tun hat. Sie wird sich im Laufe des Stücks in unüberwindlichen Hass verwandeln.
Kristina Moiseieva hat den völlig subjektiven Text behutsam durch eigene Erfahrungen vor allem nach ihrer Flucht ergänzt. Überraschend übrigens und völlig ungewohnt, dass ausgerechnet bei den Betroffenen nur vom Krieg die Rede ist – ganz ohne die hierzulande gebetsmühlenhaft unvermeidlichen Zusätze „völkerrechtswidrig“ und „russischer Angriffskrieg“ oder „Krieg gegen die Ukraine“.

Es ist ein erzählender, beobachtender Text, der eine traumatische Selbstentfremdung dokumentiert, die in ihrer Spaltung, medizinisch gesprochen, fast schon schizoiden Charakter hat. Schwierig, so etwas szenisch auf die Bühne zu bringen. Viel Raum nehmen Texte und auch Lieder in ukrainischer Sprache ein; das vermittelt zwar Authentizität, muss aber die Zuschauer erst mal erreichen und berühren. Die Inszenierung beginnt freilich mit einem Folksong in englischer Sprache, in dem es um jene „Wonderful World“ geht, die mit dem Krieg zerbricht: Hier ist eine Seele, ein Ich, ein Subjekt. Dort ein Körper, der wie mechanisch funktioniert, zu funktionieren hat. Ebenso schwierig, auch dies solistisch darzustellen. Kristina Moiseieva zeichnet diesen Alltag anfangs als – etwas stummfilmhaft hektische – Pantomime.
Das deutet schon an, dass der einstündige Monolog eher zu einer Performance als zu einem Drama auf klassischer Theaterbühne wird. Die von Regisseur und Ausstatter Enrico Urbanek dabei aufgebotenen Mittel sind schlicht und sparsam: zwei zum Sofa kombinierbare Sitzmöbel, ein Koffer, ein paar Dartpfeile, mit denen auf ukrainische Städte in einem aufgemalten Kreidekreis des kriegsversehrten Landes geschossen wird, drei gelbe Quietsche-Entchen als Stellvertreter der Kinder. Dazu ein großer Videoschirm, auf dem das Alter Ego, aber auch eine andere Kriegsgeschädigte filmisch eingefügte Auftritte haben. Die Lichtregie spielt Blitze und Explosionen ein, der Sound gibt das Geheul an- oder vorüberfliegender Raketen und Geschosse wieder. Das allegorische Motiv weißer Kleider und Stiefel wird als Einspieler bebildert.

Dass Kristina Moseieva eine hochbegabte Schauspielerin zeigte sie in vielen Passagen, wo sich ihre gespaltene Figur verdichtete.Vielleicht aber war es ihre existenzielle Nähe zum Sujet, weshalb sich das Solo doch mehr als bekenntnishafte Manifestation denn als theatralisches Spiel erwies. Womöglich hätte mehr von dem gut getan, was nicht nur Brecht als nötige innere Distanz von den Schauspielern forderte.
Trotzdem machte der facettierte Monolog großen Eindruck beim Premierenpublikum. Der Beifall mag auch deshalb so enthusiastisch ausgefallen sein, weil viele Freunde, Mitstreiter und Kollegen die Reihen im Tonnekeller füllten. Und auch eine unverbrüchliche Solidarität mit der Ukraine mag ihre durchaus nachvollziehbare Rolle gespielt haben.

Fotos: Beate Armbruster/Tonne


