Sascha Flocken inszeniert am Tübinger LTT Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“
TÜBINGEN. Die „mutige Mutter“ verteidigt ihre drei Kinder im Dreißigjährigen Krieg tapfer – und verliert sie doch alle. Auch Bert Brechts eigene, von ihm selbst geradezu kanonisierte Inszenierung mit Helene Weigel als „Mutter Courage“ (1949) legt einiges Gewicht auf diese Rolle. Die LTT-Version sieht die Marketenderin viel zwiespältiger: auch als zynisch-kühle Kriegsprofiteurin, abgebrühte Zockerin, kluge und clevere Realistin, die nichts umhaut – ohne jede Illusion. Am gestrigen Freitagabend hatte Sascha Flockens vieldeutige, von Paula Mierzowsky bildstark ausgestattete Inszenierung Premiere, mit einer starken Insa Jebens in der Titelrolle und mit großem Ensemble. Ganz ausverkauft war der Große Saal nicht.
Man darf Brecht ja durchaus ernst nehmen mit seiner Forderung nach Verfremdung, die das Publikum mit „epischem Theater“ aus allen Träumereien reißen will. Theater soll als Theater wahrgenommen werden. Schon der ikonische Planwagen, mit dem die Marketenderin den oft mehr marodierenden als kämpfenden Horden aus aller Herren Länder hinterherzieht, immer einen knitzen Deal im Auge, ist hier abgeschafft. Das ausgediente alte Sinnbild wird ersetzt durch eine doppelte Drehscheibe, die vielerlei Deutung erlaubt – zum Beispiel Zahnräder, die ineinandergreifen, um den Mechanismus des Krieges unerbittlich am Laufen zu halten. Heftig verfremdet hat Jan Anna Werge mit einem elektronischen Unterbau auch Paul Dessaus Musik. Aber die Songs, von vielen Stimmen aus dem Ensemble ganz ungekünstelt und robust dargeboten, verlieren dabei nichts von ihrer Wirkung.

Das Stück ist 1938/39 nach seiner Flucht zu Beginn von Brechts schwedischem Exil entstanden. Er hat es, am Vorabend des Krieges, zur Warnung an die skandinavischen Länder hochstilisiert, sich mit den Nazi-Aggressoren einzulassen. Die maßgebliche Mitarbeit seiner Geliebten Margarete Steffin – sie hat wohl auch die Quellen, neben Grimmelshausens barocker „Landstörzerin Courage“ auch die romantischen „Fähnrich Stål“-Erzählungen des Finnoschweden Johan Ludvig Runeberg aufgetan und bearbeitet – hat Brecht hingegen eher kleinzuhalten versucht. Das Intro von Sarah Liebert als Sprecherin (und später stummer Courage-Tochter Kattrin) weist aber zu Recht ausdrücklich auf diese Co-Autorin hin.
Ein simples Anti-Kriegs-Stück, auf was es allzu oft verkürzt wurde und wird, ist „Mutter Courage“ jedoch keineswegs. Wohl aber eine Warnung vor allem an die „kleinen Leute“, sich mit ihm und seinen kapitalistischen Profiteuren einzulassen. Mal verabscheut die Courage den Krieg („Der Krieg soll verflucht sein!“), mal sehnt sie als Geschäftsfrau, die „ihren Schnitt machen“ will, sein Wiederaufflammen geradezu herbei: „Ich lass mir von euch den Krieg nicht madig machen!“ Die – wie alle anderen auch – zwiespältige Figur des Feldgeistlichen (Rolf Kindermann) spricht es als eine der vielen Sentenzen aus: „Wer mitn Teufel frühstücken will, muß ein langen Löffel haben!“ Regisseur Sascha Flocken hält diese Ambiguität konsequent durch. Für ihn ist der Krieg schlicht eine „Never Ending Story“.
Es ist ja immer noch eine Parade-Rolle, diese „Mutter Courage“. Und Insa Jebens füllt sie hervorragend aus in ihrer ganzen zwiespältigen Vielfalt. Die raffinierte Geschäftstüchtigkeit, die derbe Durchsetzungskraft, die Muttersorge, die Anflüge von Trauer und Resignation. Das alles gelingt ihr ausgezeichnet. Vor allem aber dieser Intelligenz und überzeitlichen Weisheit samt den herrlichen Spitzen sarkastischen Humors gibt sie wunderbar Kontur.

Ihre Mitspieler, denen die vielen wechselnden Rollen obliegen, was Chance und Last sein kann, haben es da nicht immer leicht, etwa Sarah Liebert als stumme Tochter. Emma Stratmann gibt Eilif, den ältesten Sohn, dazu den Obristen, einen Totengräber, einen Bauern und das geschnabelte Phantom. Sebastian Fink den Schweizerkas als mittleren Sohn, aber auch einen Diener, eine Bauersfrau und ein weiteres Phantom. Gisbert Mieroph spielt Feldwebel, Koch, Soldat in unterschiedlicher Intensität, am besten den Koch, der die nach dem Tod der Söhne doch etwas kriegsmüde Courage in seine ererbte Utrechter Schänke locken will. Rolf Kindermanns Aufgaben sind überschaubar: Dem Prediger gibt er gute Kontur. Ganz stark ist Friederike Pöschel als Werber, Feldhauptmann, Zeugmeister, Schreiber, Spitzel, Soldat oder Bäuerin. Und Susanne Weckerle ragt vor allem als abgerissene, geschlechtskranke und trunksüchtige, später blasierte Prostituierte Yvette Pottier heraus.

Die Inszenierung nimmt die Lizenz zum Verfremden wahr, ohne alles zum optischen Gag zu machen. Da schleppen Mitarbeiter Kisten mit der Aufschrift „LTT Requisite“ auf die Bühne, der schlachtreife Kapaun ist ein Daunenkissen, das aufgeschlitzt wird; da kommen ein Laubsauger und natürlich Mikros oder E-Gitarren zum Einsatz; da rollt der Hubwagen eine Batterie Raketen an das zentrale doppelte Zahnrad heran; Soldaten tragen MP’s und Stahlhelme, die Courage eine coole Lederjacke; da schnappt sich die stumme Kattrin rosarote Pumps von der Nutte. Großartig, gerade in ihrer teils rätselhaften Ambiguität, sind überhaupt die fantasievollen bis zuweilen surrealen Kostüme. Was abgetragen ist, auch wilde Perücken, hängt nach und nach an Fleischerhaken von einem runden Gestell herunter.

Die ganze Ausstattung hat nichts von billiger Aktualisierung, sondern hebt das Geschehen ins Überzeitliche. Eine gewisse historische Detail- und Datentreue des Dreißigjährigen Krieges (die Schlacht bei Lützen mit Gustav Adolfs Tod, Tillys Sieg von Magdeburg und sein Begräbnis in Ingolstadt) hat Margarete Steffin dem Stück beigegeben. Vielleicht auch die schonungslose Schilderung der kriegerischen Wirklichkeit durch Grimmelshausen: Vergewaltigungen etwa heißen „Fraternisieren“. Die Geschichte aus ganz alten Zeiten braucht keine überdeutlichen Winke mit aktuellem Rüstungsboom, Kriegskrediten oder rüden Rekrutierungen im Ukraine-Krieg. Ein dezentes „Investiere jetzt!“ reicht.
Die Zuschauer schienen nach dem offenen Ende des Stücks zunächst etwas irritiert über die durchgängige Vieldeutigkeit oder die verweigerte, allenfalls versteckte Message des „Lehrstücks ohne Lehre“. Vielleicht auch von der Fülle der zwölf Szenen und Bilder. Aber dann schwoll der Applaus mächtig und hielt doch ziemlich lange an. Vor allem Insa Jebens als „Mutter Courage“ wurde gefeiert.

Fotos: Tobias Metz /LTT


