In der Marienkirche beginnen am heutigen Samstag um 20 Uhr die klanguntermalten und animierten Lichtinstallationen zum Gedenken an den Reutlinger Stadtbrand von 1726
REUTLINGEN. Die Steine der schwer beschädigten Marienkirche sollen noch nächtelang geglüht haben. Diese Glut und den Feuerschein der Katastrophe vor 300 Jahren – er soll bis Straßburg am Nachthimmel sichtbar gewesen sein – verwandelt dort jetzt das Tübinger Künstlerduo Casa magica (Friedrich Förster und Sabine Weißinger) in Zusammenarbeit mit dem Lichtgestalter Holger Herzog und Marienkirchen-Kantor Thorsten Wille in ein Event zum Gedenken an das dreitägige Inferno, das am 23. September 1726 beim Schuster Dürr nahe der Nikolaikirche ausgebrochen war und rund 80 Prozent der etwa tausend Gebäude innerhalb der Stadtmauer vernichtete (Tote und Verletzte gab es fast nicht).

Der Chor der Marienkirche ist mit einem weißen Tuch abgetrennt, das als Leinwand für die Projektionen und Animationen dient. Die Raumwirkung des gotischen Gotteshauses wird dadurch zwar merklich gemindert. Das ändert sich aber spektakulär mit den Lichtinstallationen, deren zentrale Motive durch wechselnde Illuminationen des ganzen, gut 20 Meter hohen Kreuzrippengewölbes umrahmt werden. Von der Orgelempore aus begleitet Kantor Torsten Wille das rund 20-minütige Spektakel mit eigens komponierten Klängen. Die Show wird bis zum 3. Oktober zu unterschiedlichen Abendstunden zehnmal zu sehen sein. (Tickets zum Preis von 6 Euro, Jüngere 5 Euro, gibt es hier.)

Die Tübinger Künstler haben schon die Grand Central Station in New York, den Horus Tempel in Ägypten und den Kölner Dom mit ihren Installationen bespielt. Holger Herzog hat unter anderem im Kloster Bebenhausen Konzerte des Semiseria-Chors kunstvoll illuminiert. Nachdem die Idee vor fast zwei Jahren im planenden Kreis um den früheren Kulturamtsleiter Werner Ströbele und die Feuerwehr aufgekommen war, arbeitete das Team seit Jahresbeginn an der Umsetzung, die den Titel „Feuereifer“ bekam. Das soll auch an die gemeinsame Leistung erinnern, mit der die Bürger – rund 1200 Familien der bis dahin rund 6000 Stadtbewohner waren obdachlos geworden – ihre Stadt wieder aufbauten. Es gab eine Spendenaktion, in der auch die Hilfe der Nachbarstädte und -dörfer zusammenfloss.

Die auf die Leinwand geworfenen teils symbolischen Bilder erinnern daran: Auch übers Wasser wurden, vor allem aus dem Schwarzwald, Stämme als Bauholz herangeschafft. Ein erhaltenes Glasfenster der Kirche ist zu sehen, aber auch ein brennender Stuhl. Das sich von oben herab durch den Kirchturm fressende Feuer ist als Animation dargestellt. Die tonnenschweren Glocken der Marienkirche sollen ein letztes Mal geläutet haben, dann zu Boden gestürzt sein, wo die Bronze zerschmolz.

Lichtkunst ist ein eigenes Genre unter den Künsten, vielleicht das jüngste und kleinste. Das Gedenken an den Reutlinger Stadtbrand von 1726 ist sicher ein guter Anlass, diese Sparte mal eigenständig und als Hauptsache kennenzulernen. Die Musik kommt hier in einer Nebenrolle hinzu. Rodi Gaumann und Annette Blunck steuern Schattenspiel mit Handgesten bei.
Die Vorführung vorab machte durchaus Eindruck.


