Musik

„Immenklang“ – Ausgefeilte Kammermusik

Das kleine Härten-Festival „Immenklang“ gibt in der Mähringer Stephanskirche ein umjubeltes Kammerkonzert

MÄHRINGEN. In dem kleinen Ort Immenhausen (Gemeinde Kusterdingen) hat sich in den letzten Jahren als eigenständiges ländliches Musikfestival „Immenklang“ etabliert. Wohl steht Kammermusik im Mittelpunkt, aber es werden auch Tanz, Kunst und überhaupt neue Formate einbezogen, wobei die Veranstalter zum Mitmachen einladen. Auch ein Projektchor gehört dazu; die handverlesenen jungen Künstler kommen von weit her, das Publikum aus der Region.

Das „Immenklang“-Team. Foto: Jannes Kimmig/Immenklang.de; Titelfoto: Susanne Eckstein

Initiiert wurde es 2020 durch die Geschwister Eva und Jakob Schall: Eva ist Geigerin (derzeit im Philharmonischen Orchester Freiburg), Jakob freiberuflicher Cellist. Beide wurden vor Jahren als Stipendiaten der ersten Stunde durch die Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung gefördert; die Stiftung unterstützt nun neben anderen Institutionen den „Immenklang“. Auf Eintrittskarten wird verzichtet, das Festival finanziert sich durch Spenden.

Die 2026-er Ausgabe unter dem Motto „Träum weiter“ findet aktuell vom 3. bis zum 8. August statt, auf dem Programm stehen täglich Klangwerkstatt („Farbenklang“), Tanzworkshop und „musikalische Kostproben“, von Mittwoch bis Samstag abendliche Konzerte, das letzte – mit Ausstellung – in der landwirtschaftlichen Maschinenhalle Hespeler.

Die Stephanskirche in Mähringen. Foto: Susanne Eckstein

Gestern abend, am Donnerstag, 6. August, ging das zweite Konzert über die „Bühne“ der voll besetzten Stephanskirche im benachbarten Mähringen. Als schlichte Dorfkirche verfügt sie über eine hervorragende Akustik für Streicherkammermusik, und in der räumlichen Enge wird das Publikum hautnah mit der Musik konfrontiert.

Familiäre Atmosphäre vor dem Konzert. Foto: Susanne Eckstein

Ergänzt wurde es durch eine persönliche Werkeinführung im evangelischen Gemeindehaus: Der junge Komponist Jasper Seibert , der das Festival mit-organisiert, erläuterte dem Publikum seine hier uraufgeführte Komposition „weichen (übergehen)“ für Kontrabass und Elektronik. Darin verbinden sich der Live-Klang des Basses und gespeicherte Hintergrundklänge zu einem interaktiven Geschehen, gelenkt durch einen selbst erstellten Algorithmus.

Das Konzert selbst erweist sich als außergewöhnlich in mehrerlei Hinsicht: Auch wenn das Programm mit „Zwischen Traum und Wirklichkeit“ überschrieben ist, umgeht es weiträumig jegliche Romantik und verbindet in nahtlosem Wechselspiel Henry Purcells altertümliche Kontrapunktik in Form von vier seiner „Fantazias“ von 1680 direkt mit „neueren“ bzw. zeitgenössischen Werken: Maurice Ravels Streichquartett von 1902/03 im ersten Teil des Abends einerseits und Auszüge aus György Kurtágs „Officium breve in memoriam Andreae Szervánszky“ für Streichquartett (op. 28) andererseits, einem knapp gefassten 15-teiligen Requiem für den 1977 verstorbenen ungarischen Komponisten Endre Szervánsky.

Die als „absolute Musik“ zwischen strenger Konstruktion und experimenteller Freiheit konzipierten Werke werden durchweg sehr engagiert und klangbewusst umgesetzt, Purcells „alte“ dissonante Querstände offenbaren sich als verwandt mit den „neutönerischen“ Klängen bei Ravel und Kurtág, dessen knappe Klangsprache hier expressive Zuspitzung erfährt.

Zwischendurch erlebt man die Uraufführung von Jasper Seiberts „weichen (übergehen)“ für Kontrabass und Elektronik. So ausgefeilt sich die Interaktion zwischen dem virtuos von Anna Stelzner gespielten Bass und der komponierten elektronischen Klangwelt auch gestaltet, so schwierig wird es für die Zuhörer, zwischen realem und komponiertem Welt-Geräusch zu unterscheiden, und man fragt sich: Kommt das aus der Box oder knarzt die Bank?

Die Kontrabassistin Anna Stelzner bei der Uraufführung von Jasper Seiberts „weichen (übergehen)“

Foto: Susanne Eckstein

Ausgeführt wird das ohne Pause durchgehende Programm durch zwei komplette Streichquartette um Eva und Jakob Schall, deren Mitspieler nicht eigens benannt werden. Eines musiziert vor dem Altar, das andere im Quergang der Kirche mitten zwischen den Bänken, so dass sich der Raumklang mehrfach verändert und die Zuhörer von allen Seiten eingehüllt werden in nuancenreichen Saitenklang. Dass Purcells „Fantasias“ eigentlich für Gamben („Viols“) gedacht waren, vergisst man ganz: Die Streicher gestalten als unterschiedlich besetzte „Consorts“ den Klang so ausgefeilt und sensibel im dunklen Violen-Ton, dass die Stücke auch auf den konventionellen Instrumenten in Charakter und Ausdruck unmittelbar überzeugen.

Teil der Streichquartette: Eva Schall und Nevena Tochev. Foto: Susanne Eckstein

Am Ende wird doch noch auf die Romantik und das Wort zurückgegriffen: Mendelssohns „Verleih uns Frieden gnädiglich“ beschließt – mit dem Projektchor auf der Empore – ein bemerkenswertes Konzert, das Publikum dankt mit frenetischem Applaus.

Danach geht es weiter mit „Immenklang“ bis zum Abschlusskonzert am 8. August in der Maschinenhalle.

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