Das Tübinger „Vielklang“-Festival beginnt mit einem Konzert des Salzburger Amatis Trios in der Westspitze
TÜBINGEN. Diesen Sommer fällt das Tübinger „Vielklang“-Festival etwas kleiner aus als bisher. Die Gründe sind zum einen finanzieller, zum andern persönlicher Art; der künstlerische Leiter Felix Thiedemann orientiert sich neu in Brandenburg. Gekürzt wird an Kursen und Projekten. Die Konzerte sind teils mit Stammgästen wie dem Eliot Quartett besetzt, das viermal zur Kunst der Fuge bei „Bach’n Breakfast“ einlädt. Die zehn Veranstaltungen stellt der künstlerische Leiter Felix Thiedemann unter das Motto „Mut“ – Mut zu Neuem, zur Veränderung.
Dass das Eröffnungskonzert am Abend des 21. August nun bei bester Stimmung erfolgreich über die ebenerdige Bühne des fast voll besetzten Saals 1 in der Westspitze gehen kann, ist angesichts der organisatorischen Probleme im Vorfeld nicht selbstverständlich. Ursprünglich war ein anderes Klaviertrio vorgesehen; als Einspringer fungiert das in Salzburg ansässige Amatis Trio, wobei dessen Geigerin kurzfristig durch deren Vater Ib Hausmann ersetzt wird, einen erfahrenen und vielfach ausgezeichneten Klarinettisten, der schon länger mit dem Amatis Trio zusammenarbeitet.
Die Werkeinführung übernehmen angesichts des rudimentären Programmzettels (die richtigen Programme liegen noch bei DHL) die Musiker selbst; zunächst Samuel Shepherd, der junge Cellist des Trios, ein ebenfalls ausgezeichneter englischer Musiker, der unter anderem in Amsterdam bei Anner Bylsma studiert hat, in gut verständlichem Englisch.
Zum Einhören dient ein Stück, das Alt und Neu verbindet: ein „In Nomine“ von John Bull (1562/63–1628) in einer zeitgenössischen Bearbeitung von Márton Illés. Hier wird der zart verschmelzende Gambenklang ersetzt durch die eigenständigen Lineaturen von Klarinette, Klavier und Cello, fein ausgehört, auf langem Atem ausbalanciert und neu zusammengefügt zu romantisch getönter, verinnerlichter Kontrapunktik.

„Bitte nicht mitpfeifen!“ rät Ib Hausmann vor Beethovens Klaviertrio op. 11 , dem „Gassenhauer“-Trio. In den zwei Ecksätzen hat Beethoven einen Ohrwurm seiner Zeit verarbeitet und ein elegisches Adagio dazwischen gesetzt; das Trio um Ib Hausmann musiziert sie mit überspitzten Kontrasten und überzeichneter Artikulation als komödiantisch-kammermusikalische Unterhaltungs-Show. Schon im ersten Satz schmunzelt das Auditorium, erst recht im dritten, wo sich die Musiker so lustvoll wie virtuos die bunten Bälle der neun Variationen zuwerfen und am Ende mit Applaus und Gelächter bedacht werden. War Beethoven ein Scherzkeks?
Danach stellte Ib Hausmann den Komponisten Joseph Horovitz (1926 bis 2022) vor: ein Österreicher jüdischer Herkunft, ab 1938 in England, vielseitig studiert (unter anderem bei Nadia Boulanger), tätig als vielfach ausgezeichneter Komponist genre-überschreitender Musik vorwiegend fürs Fernsehen. Dessen Sonatina für Klarinette und Klavier stammt aus dem Jahr 1981 und bietet nicht nur flotte Figuren und synkopierte Tanzrhythmen, sondern auch – in der Solokadenz – Gelegenheit zur Clownerei, die Ib Hausmann gekonnt ausbaut, bejubelt vom lachenden Publikum.

Den Übergang zum ernsten Spätwerk von Johannes Brahms in Form von dessen Klarinettentrio a-Moll op. 114 erleichtert Hausmann durch eine launige Ansage, wobei er fast Schuberts „Ständchen“ („Leise flehen meine Lieder“ aus D597) vergessen hätte, das zuvor in einem Arrangement für Violoncello und Klavier die besetzungsmäßige Ausgewogenheit im Programm sicherstellte. Samuel Shepherd gestaltete es als romantisches Lied ohne Worte mit rundem, warmem Ton, ausdrucksvoller Kantilene und einem bewegenden morendo am Ende.
Als Dritter im Bunde stellt der niederländische Pianist Mengjie Han sein souveränes, sensibles Können weitgehend in den Dienst des Zusammenspiels. Gerade in dem Brahms-Trio war ein Bindeglied vonnöten, da Klarinette und Cello manchmal Gefahr liefen, sich allzu gefühlvoll in Einzelmomenten zu verlieren. Das Werk wurde hier nicht als distanziertes, abgeklärtes Alterswerk interpretiert, sondern wie ein leidenschaftlich aufbegehrender, bisweilen stürmischer Neubeginn des damals 58-jährigen Brahms. Dem jubelnden Publikum gewährte das Trio danach einen stimmungsvollen Abschluss als Dreingabe: „Après un rêve“ von Gabriel Fauré.


