Musik

Musica Antiqua – Bunte Collage

In der Sondelfinger Stephanuskirche widmen sich das Trio Château und Rezitator Klaus-Dieter Mayer zum Reutlinger Stadtbrand-Gedenken den Elementen

SONDELFINGEN. Um zu verstehen, warum die städtische Reihe „Musica Antiqua“ in Reutlingen die „alte Musik“ nur noch teilweise berücksichtigt, muss man in die Geschichte zurückgehen. Ursprünglich hat sie tatsächlich „alte Musik“ aufgeführt, nämlich als Alfred Gross – Experte für historische Tasteninstrumente – auf Wunsch der Stadt Reutlingen ab 1992 die Reihe „Musica Antiqua“ ins Leben rief und bis 2008 leitete. Sein Nachfolger Albrecht Holder setzte (und setzt) seit 2009 als Fagottist andere Schwerpunkte und muss sich zudem einem enger werdenden finanziellen Spielraum fügen. So fiel die Zahl der Konzerte dem Rotstift zum Opfer; von der früheren „Sommermusik“ der Musica Antiqua sind derzeit zwei Konzerte übrig geblieben, von denen sich eines der „alten Musik“ widmet.

Das andere kommt den Wünschen einer breiten Zuhörerschaft entgegen, wobei der künstlerische Leiter meist selbst mit seinem Bläsertrio aufs Podium tritt: Albrecht Holder ist neben seiner Professur in Würzburg unter anderem Fagottist im Trio Château, das so heißt, weil es die „künstlerische Symbiose zwischen Musik und Wein“ sucht. Die Besetzung mit Norbert Strobel (Solo-Oboist am MDR Sinfonieorchester), Peter Fellhauer (lange Zeit Soloklarinettist der Stuttgarter Philharmoniker) und Holder selbst entspricht zwar dem in den 1920er-Jahren entstandenen speziellen Trio d’anches (Rohrblatt-Trio), spielt aber Musik aller Epochen in variablen Arrangements. Recht beliebt scheinen die musikalisch-literarischen Programme des Trios nach Art der früheren städtischen „Ton-Lese-Kunst“ (2003–2009) wie „Mozart auf der Reise nach Prag“ oder „Hermann Hesse und die Musik“, jeweils in Kooperation mit einem Rezitator, im aktuellen Fall Klaus-Dieter Mayer.

Rezitator Klaus-Dieter Mayer. Fotos: Susanne Eckstein

Diesem Muster entspricht das am heutigen Sonntag (2. August 2026) ab 11 Uhr in der fast voll besetzten historischen Stephanus-Kirche in Sondelfingen abgehaltene erste Sommerkonzert der Musica-Antiqua-Reihe. Unter dem Motto „Feuer, Wasser, Erde, Luft“ würdigt es als „musikalisch-literarische Annäherung“ in vier Abschnitten die natürlichen Elemente und knüpft im ersten an das aktuell begangene 300-jährige Reutlinger Stadtbrand-Jubiläum an. In raschen Schritten wechselt es 39-mal zwischen Texten und Musikstücken unterschiedlichster Herkunft; aus Textfragmenten von Homer über Hölderlin bis heute wird eine bunte Collage mit verbindender Holzbläser-Musik.

Der Bezug von Wort und Musik erweist sich diesmal als schwierig. Wenn Klaus-Dieter Mayer ausdrucksvoll Lyrik und Textausschnitte (redigiert durch Bettina Prior-Kamer) rezitiert und den Zuhörenden geradezu plastisch Katastrophen wie den Reutlinger Stadtbrand von 1726, das Elbehochwasser 1784, das Erdbeben von Lissabon 1755 und den Tornado von Woldegk 1764 vergegenwärtigt, werden deren Schrecknisse etwas unpassend kombiniert mit Sätzen aus Händels berühmten Festmusiken (Feuerwerks- und Wassermusik) und bekannten Arien aus Mozart-Opern.

Fresken und Fenster der Stephanuskirche.Foto:Susanne Eckstein

Manches lässt sich aufgrund der Analogie von seelischer, elementarer und musikalischer Bewegung zurechthören, etwa die wahrhaft flammende Wut der Königin der Nacht. Aber ob es sinnvoll ist, den plastisch geschilderten Erdbebenopfern ein heiteres Divertimento und einem nachdenklichen Hölderlin-Gedicht Mozarts ironische Arie „Non più andrai“ zur Seite zu stellen, darüber kann man streiten.

Erschwerend kommt hinzu, dass Albrecht Holder offenbar keinen guten Tag hat und sein Fagottpart, der als Bass den meistens von vier auf drei Stimmen reduzierten Satz zu tragen hat, hier und da eigene Wege geht und die zwei routinierten Mitstreiter allein weiterblasen lässt. Wie originale Triomusik klingt, darf man im zweiten Teil bei Ausschnitten aus Mozarts Bläser-Divertimento KV 439 und Beethovens Trio C-Dur op. 87 erleben – da fehlt nichts, hier überzeugt das Trio Château mit akkurater Spielfreude.

Gegen Ende nimmt der Rezitator seine hohe Emphase zurück und liest zum Motto „Luft“ ganz natürlich und persönlich Rilke, Goethe und Eichendorff. Allerdings folgt den anspruchsvollen Texten erneut ein ausgesprochen naiver Zauberflöten-Mozart zu dritt – und ein zwar herzlicher, aber vergleichsweise kurzer Schlussapplaus.

Die bemalten Deckenbalken und Fresken der Stephanuskirche. Foto: Susanne Eckstein
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