Eröffnungskonzert des 30. Tübinger Orgelsommers in der Stiftskirche mit Jens Wollenschläger und dem Ludwigsburger Motettenchor
TÜBINGEN. Traditionell beginnt der Tübinger Orgelsommer an Bachs Todestag, dem 28. Juli. Obwohl das Datum diesmal auf einen profanen Dienstag fiel, war die Stiftskirche St. Georg gestern Abend zum festlichen Eröffnungskonzert recht gut besucht. Neben Werken des jungen Bach und internationaler Komponisten für die „Königin der Instrumente“ erklang die Tübinger Erstaufführung einer Psalm-Motette von Orgelsommer-Intendant Jens Wollenschläger mit dem Titel „Alles, was Odem hat…“. Das kleine Festival mit rund 60 Auftritten (nicht nur) an der großen Weigle-Orgel steht zum kleinen Jubiläum unter dem Leitwort „Gegen den Strom“.
Zu Gast war der Ludwigsburger Motettenchor unter der Leitung von Martin Kaleschke. Das Auftragswerk für Chor, Schlagwerk und Orgel war im vergangenen Jahr zum Jubiläum der Klais-Orgel in der Stadtkirche Ludwigsburg uraufgeführt worden. Für den erkrankten Albrecht Volz hatte Daniel Kartmann den Solopart übernommen. Gewidmet war das Eröffnungskonzert dem 2025 verstorbenen langjährigen Zweiten Stiftskirchen-Organisten (seit 2003 ehrenhalber „Titularorganist“), Messiaen-Spezialisten, Musikförderer und hauptberuflichen Notar Horst Allgaier.

Selten gespielte Orgelwerke des jungen Johann Sebastian Bach hatte Jens Wollenschläger für den ersten Teil vorgesehen. Als ein Querschnitt durch Epochen und Nationen sollten drei wenig bekannte Stücke ebenfalls auf die bunte Vielfalt des Orgelsommer-Programms hinweisen.
Die „Obra de 8º tono alto: Ensalada“ *1) gilt als bekanntestes Stück des spanischen Orgelvirtuosen an der Schwelle zum Barock namens Sebastian Aguilera de Heredia (1561 bis 1627), wobei der Name „Ensalada“ gerade auf diese bunte Mixtur verweist. Prächtig, mit kontrastierend leisen Zwischenspielen, registrierte Jens Wollenschläger das. Obwohl nur nebenbei Organist, vertrat Théodore Dubois (1837 bis 1924) mit einem aufblühenden „Fiat lux“ (Es werde Licht) die ganze Größe der Französischen Orgelschule seit der Romantik. Mit dem blind geborenen Engländer Alfred Hollins (1864 bis 1924) und seinem „Song of Sunshine“ kam ein fast neckischer modernerer Ton hinein, der in seiner Frische von Rhythmus und Harmonik scheinbar bis nah ans Jazzige reichte.
Sein unverwechselbarer Ton war in den gewählten Jugendwerken Bachs erst im Werden zu hören; sein Anspruch, sein Ehrgeiz, sein Geist aber schon ganz. Er wollte seine kollegiale Musikwelt, seine denkbaren Dienstherren, am Schluss nur noch seinen Lieben, seinen Gnädigen Gott beeindrucken mit seinem Können und selbstbewusst zeigen, was er kann. Das sperrige Thema der „Fuga in B“ (BWV 955a) ist ein Beispiel dafür, wie er sich (hier konventionell kontrapunktische) Aufgaben stellt und ihre „gelehrte“ Lösung vorführt, mit einigen Freiheiten. Mit dem „Capriccio in honorem Johann Christoph Bachi Ohrdrufiensis“ (BWV 993) wollte er wohl seinen ältesten Bruder, der den Frühwaisen aus Eisenach aufzog und auf höchstem Level unterrichtete, in tiefer Dankbarkeit beeindrucken, mit ausdrücklichem Verweis auf seinen kreativen Freiheitsdrang schon im Titel.

Bach fehlen – nach dem verfügbaren historischen Wissen – gewisse genialische Wunderkind-Attribute. Was er kann und zu was er noch fähig werden sollte, dürfte diesem (im universellen Menschheits-Maßstab) großen Geist vielleicht mit dem „Actus tragicus“ in Weimar offenbar geworden sein, wo er von 1708 an nicht nur alle Grundsteine für sein Orgelwerk legte, sondern beipielsweise auch für die späteren „Brandenburgischen Konzerte“, seinem nachmaligen weltlichen Köthener Herrn und schließlich Friedrich, dem musikalischen Großen Preußens zugeeignet. Die Chaconne als Form (Violin-Solosatz d-Moll), auch die Passacaglia (c-Moll für Orgel) als eng verwandtes Muster einer Variation, scheinen ihn beeindruckt und beschäftigt zu haben in ihrer marschhaft schreitenden, unerschütterlichen Grundlage. Jens Wollenschläger hatte die „Ciacona ex d“ und die „Ciacona ex g“ (BWV 1178 und 1179) ausgewählt.
Mehr als auf bunte, gar grelle und knallige Klangfarben oder die Wucht des „vollen Werks“ in der französisch nuancierten, aber eher weichen Disposition der Orgel legte Jens Wollenschläger Wert auf eine gewisse Transparenz. Sehr fein und zart waren die Echo-Effekte in den Ciaconas eingesetzt.Vermutlich auch wegen den recht hohen Anforderungen an die Geläufigkeit – Bach, jung, aufmüpfig, temperamentvoll und als Virtuose wie als Orgel-Handwerker höchstbegabt, wollte wohl auch „zeigen“ – geriet das Widmungs-Werk an den großen Bruder stellenweile etwas hektisch und zerfaserte in ein paar Passagen.
Die gegenwärtige „ernste Musik“, die E-Musik, auch ihre geistlichen Kompositionen, fügen sich längst keinem herrschenden Stil mehr. Letztes Dogma mögen die strenge „Zwölftontechnik“ und ihre „serielle“ Weiterentwicklung gewesen sein. Lang her das. Erweiterung des „Materials“ – bis hin zum Geräusch oder John Cages völliger Stille – galt lang als Ausweis und Maßstab künstlerischen Anspruchs. Insofern kann ein aktuelles gesitliches Werk wie Jens Wollenschlägers „Alles, was Odem hat…“ nur „ekletizistisch“ sein, also mit den Formen, Stilmitteln und klanglichen Möglichkeiten der Musikgeschichte kombinatorisch spielen – aber eben den Ausdruck, die Aussage eines „Werks“ mit seiner besonderen Botschaft schaffen.

Die Botschaft in Jens Wollenschlägers Motette „Alles, was Odem hat…“ ist ganz ohne Zweifel (mit der Lukas-Doxologie „Ehre sei Gott“) christlich und – schon der vorwiegend vertonten Psalmen wegen – auch jüdisch. Die musikalischen Mittel sind, bei relativ geringem instrumentalen Aufwand mit Orgel und kleinem Schlagwerk, doch anspruchsvoll. Der Chor hat, ob flächig-klanghaft oder in maßvoll polyphoner Stimmführung – sich in vier bis zu acht Stimmen zu sortieren und mit zwei Solisten abzustimmen, die mehr als nur dienend begleiten: einem Schlagzeuger, der nicht nur Rhythmusgeber, sondern Klangschöpfer ist, und einem Organisten, der mit den eigenen Dimensionen in den Dialog tritt.
Ganz unüberhörbar war, dass Jens Wollenschläger klanglichen Ausdruck sucht für starke, charismatische Worte: Gnade und Treue, die „Gefangenen Zions“ und ihr Leid, für Kraft und Traum und Tränen, für Jauchzen und Loben, fürs Hallelujah der Erlösten. Ja, auch von Trompeten, Zimbeln und Posaunen, Saiten und Harfen, klanglich klar darstellbar im Prinzip. Es ging aber weiter zu sehr schlüssig vertonten Figurationen der Worte und ihrer Emotionen. Für den gut eingesungenen Chor gab es Cluster-Klangflächen hart am Rande der Atonalität oder aufgelöst in Dur oder Moll oder erhabenen leeren Quinten; es gab verschlungene Melismen und sogar Fugati – das alles immer gespiegelt in Figuren und Passagen der Orgel auch in jenen scharfen, spitzen Einwürfen in höchsten Registern und in – über den Rhythmus hinaus – auch ornamentaler Percussion.
Es war ein ehrgeiziges, ein anspruchsvolles, ein hochrangiges Eröffnungskonzert für den Tübinger Orgelsommer an Bachs Todestag. Jens Wollenschläger, nebenher Professor an der Tübinger Kirchenmusikhochschule wie Martin Kaleschke auch – er kann komponieren. Er beherrscht die musikalischen Mittel der Zeit bewundernswert. Der begeisterte Beifall wurde dem gerecht.

*1) Hier der „achte Ton“ gehört zu den sogenannten Kirchentonarten oder Modi gregorianischen Ursprungs, heute zwölf an der Zahl. Sie beruhen auf mönchischen „Cantus“ (Melodien) und den Tonleitern, die ihre Halbtonschritte – aus heutiger Sicht auf Grundlage der weißen Klaviertasten –- mit dem unterschiedlichen Anfangston (Tonika/Repercussa/Finalis) an unterschiedlichen Stellen ihrer jeweiligen Skala (Tonleiter) haben. Diese Kirchentöne wichen allmählich dem seit Monteverdi (nicht mehr nur in der Volksmusik) vorherrschenden Harmonie-System von Dur und Moll, mit dem man die Instrumente dann noch „wohltemperiert“ stimmte – eine kleine Schummelei gegen die Physik, die dann auch „enharmonische Verwechslungen“ und besonders kühne Modulationen erlaubte. Die Klang-Charaktere dieser Skalen leben in der Färbung unterschiedlicher Tonarten (das „heldische“ Es-Dur, das „tragische“ c-Moll, das „festliche“ D-Dur, das „melancholische“ g-Moll etc.) indirekt weiter.


