Zum Saisonabschluss gastierte beim Reutlinger Kammermusikzyklus am Dienstagabend das Klavierduo Stenzl
REUTLINGEN. Im kleinen Saal der Stadthalle präsentierten die Brüder Hans-Peter und Volker Stenzl Werke für Klavier zu vier Händen von Brahms, Killmayer und Moszkowski. Ursprünglich waren im Programm zwei Stücke von Dmitri Schostakowitsch vorgesehen, doch diese mussten (zunächst) Killmayer weichen. Die Werkfolge hielt durchweg Unbekanntes bereit: drei Sätze aus „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, von diesem selbst für vierhändiges Klavier bearbeitet, elf Walzer von Wilhelm Killmayer, über die nicht einmal Google Näheres weiß, sowie die sechs Stücke „Aus aller Herren Länder“ op. 23 von Moritz Moszkowski.
Das Klavierduo Stenzl ist eine Institution: Die internationale Karriere der Brüder begann vor 40 Jahren, begleitet von zahlreichen Auftritten und Auszeichnungen und gefolgt von der weltweit ersten Professur für Klavierduo, die sie (in Rostock) nach wie vor innehaben. Ihren Auftritt nehmen sie ernst, ihre persönlichen Werkeinführungen sind so wohlgesetzt wie informativ.
„Die Hölle ist absolviert“, wird Brahms anlässlich der Fertigstellung der vierhändigen Requiem-Bearbeitung zitiert und darauf hingewiesen, dass der zweite Satz („Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“), der den Auftakt bildet, zunächst als Klavierstück entstand.
Dicht nebeneinander sitzen sie dann am Steinway und spielen. Sie präsentieren nicht, sie performen nicht – sie lassen einfach die komponierte Musik für sich sprechen. Ruhig loten sie die Tiefen aus, mit subtilem Anschlag und in makellosem, sanglichem Zusammenspiel machen sie die Eigenständigkeit der Stimmverläufe hörbar. Nicht das mindeste Klappergeräusch verrät, dass hier zwei Spieler zugange sind.

Den Sätzen 4 und 6 des Requiems merkt man an, dass Brahms sie nachträglich bearbeitet hat, so verantwortungsbewusst die beiden Pianisten sie auch gestalten. Da fehlt einfach die menschliche Stimme, und manche Choristen im Publikum haben wohl innerlich mitgesungen. Doch die Ausdruckskraft überzeugt, besonders im Abschnitt „Wir werden aber alle verwandelt werden“, der geradezu sprechend herausgehoben wird.
Mit dem bayerischen Komponisten Wilhelm Killmayer (1927 bis 2017) scheinen die Brüder Stenzl geistesverwandt, zumindest insofern, als auch sie ihre Schüler und Studenten zu eigenständigen künstlerischen Persönlichkeiten heranzubilden versuchen; sie haben ihn noch persönlich kennengelernt. „Sich bloß nicht nach andern richten“ war Killmayers undogmatisches Dogma.
Seine elf Walzer aus dem Jahr 1980 lassen typischerweise alles weg, was „Neue Musik“ üblicherweise ausmacht: Atonalität, Serialismus, Klangexperimente. Sie beginnen unter den Händen des Duos geradezu romantisch à la Brahms, führen dann aber den Hörer aufs Glatteis, indem die Stimmverläufe beinah unmerklich und überraschend in fremde Regionen wechseln. Leider sind die Titel nirgends verfügbar; angeblich lautet einer „Schon schlechtere Tage gesehen“; zarte Melancholie trifft leisen Humor.
Russland gehört zu Europa, kulturell auf jeden Fall, und der Pole Moritz Moszkowski lässt seine sechsteilige Reise „Aus aller Herren Länder“ op. 23 aus der Zeit um 1879 mit russischen Klängen beginnen. Es folgen Salonstücke, die den Ländern Deutschland, Spanien, Polen, Italien und Ungarn Reverenz erweisen. Man könnte die konventionellen Klischees brillant aufhübschen, doch das Duo Stenzl interpretiert sie ruhig und seriös, mit sensiblem Anschlag, edlem Ton und ausgeprägter Kantabilität, so dass man in der „deutschen“ Nummer den volksliedhaften Grundton deutlich heraushört.

Virtuose Brillanz kommt bei der mehrteiligen Mazurka auf, in der Moszkowski der polnischen Musik seine Liebe erklärt, sowie bei der zugleich wirbelnden und fein ziselierten Tarantella, auf die das Publikum mit Spontanapplaus reagiert. Das ungarische Stück, eine launige Caprice im Csardas-Stil, bildet eigentlich den Schlusspunkt – doch das jubelnde Publikum will mehr und erhält zwei Zugaben, nämlich den Walzer und die Polka von Schostakowitsch, die zunächst ausgelassen wurden und nun zur Freude der Zuhörer nachgeholt werden.


