Luca Zahn inszeniert am Melchinger Lindenhof ein grandioses Solo für seinen Vater Stefan Hallmayer: „Der alte Mann und das Meer“ nach Ernest Hemingway
MELCHINGEN. Es waren Zeiten, als die Natur noch Feind war, oft gefährlich und gnadenlos, ein übermächtiger Gegner, gegen dessen entfesselte Elemente es sich zu behaupten galt. Zeiten, als ein riesiger Fisch noch kein kranker Wal war, von Rettern oder Sterbehelfern umsorgt, sondern der wütend ringende Kontrahent in einem Kampf auf Leben und Tod, auf offener See, unter sengender Sonne oder im Sturm. Der Merlin am Haken war eher ein Moby Dick als Typ Timmy. Und ein Mann, ein „echter Mann“, das war damals noch ein Macho, ein Kerl wie Ernest Hemingway.
Der alte Mann hat viel von ihm, dem amerikanischen Jahrhundert-Schriftsteller, auch das karibische Meer. Am gestrigen Freitagabend hatte „Der alte Mann und das Meer“ in Melchingen Premiere, in einer ganz gut besetzten Lindenhof-Scheune. Luca Zahn hat die Novelle zu einem Bühnensolo für seinen Vater Stefan Hallmayer bearbeitet und – auf der rauhen Alb – als archaisch einsamen Kampf auf die Bühne gebracht. Kampf gegen wen? Gegen Wind und Wellen. Gegen einen Fisch von anderthalb Tausend Pfund, der an der Leine verbissen um sein Leben kämpft. Gegen Hunger, Hitze, Durst. Dann gegen die Haie. Und schließlich gegen sich selbst und gegen das Versiegen der Kräfte.
„Toxisch“ wäre gar kein Ausdruck gewesen für diese Art Männlichkeit: Ernest Hemingway (1899 bis 1961) war ein Mannsbild (so nannte man das damals) par excellence und inszenierte sich auch so: Soldat und Kriegsreporter in beiden Weltkriegen, dazu Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Internationalen Brigaden im Kampf gegen Francos Faschisten, vielfach verwundet. Boxer, Großwildjäger, Hochseefischer und Segler, ewiger Abenteurer, Pariser Bohémien und Haudegen. Zwei Abstürze. Vier Ehen. Ein schwerer Trinker.

In Havanna, seiner kubanischen Wahlheimat, wankte er jede Nacht sturztrunken von Whiskey, Mojito oder Daiquiri aus seiner Stammkneipe „La Floridita“ oder der Bar „La Bodeguita“, stand aber zu Sonnenaufgang wieder auf der Matte oder saß am Schreibtisch: Fünfhundert Worte Tag für Tag, das Mindestpensum in seinem trocken nüchternem Nominalstil, der ihm in den Fünfzigern Nobel- und Pulitzerpreis einbrachte. Leergeschrieben, von Depressionen geplagt und vom Alkohol zerrüttet, schoss er sich 1961 mit seiner Jagdflinte aus einem Leben, dessen er überdrüssig geworden war. Wurde zum Leitbild der Lost Generation. Sein Mythos überlebte, wenngleich im Wandel der Zeiten vielfach zerzaust.
Luca Zahn widersteht jeder Versuchung, diesen Typus bloß noch als Karikatur zu inszenieren. Sein Ansatz ist eher dokumentarisch, kulturhistorisch, aber auch zeitlos im Sinne eines existenziellen Dramas. Natürlich lauert, wie bei allen Literatur-Adaptionen, die Gefahr einer bloßen szenischen Lesung. Aber da ist Stefan Hallmayer vor, der Vater und Lindenhof-Veteran. Ihm kommt die Doppelrolle als Figur und als Erzähler zu. Und trotz der szenischen Kargheit packt er beides beim Schopf, mit phänomenaler Präsenz und mit einer Spannung, wie sie schon manchen Lesern bei der Lektüre dieser gut 60 Prosaseiten verblüffend erschien.
Die Szene (Maria Martinez Peña) ist auch minimalistisch: Das Boot, auf ein weißes Gerippe aus Spanten reduziert, schwimmt auf einem Meer (und unter einem Himmel) aus schwarzer Plastikfolie, die ein Ventilator zeitweise in stürmische Bewegung versetzt. Es dreht sich, schwankt ab und an auf tiefer, schmuckloser Bühne. Den Rest besorgt das Licht (Technik: Philipp Knöpfler). Auch den riesigen Merlin, endlich erschöpft, erlegt und an Steuerbord vertäut, formt Stefan Hallmayer als alter Mann in grober, nur noch vager symbolischer Form aus diesem Material – mitsamt seinem Schrumpfen zum Skelett nach dem erbarmungslosen Verbiss der Haie.

Schon das Beherrschen dieser ununterbrochenen Textberge ist eine Meisterleistung von Stefan Hallmayer, die kunstvolle Gestaltung der Worte und ihre mimische Ummalung, Einrahmung, Erweiterung noch weit mehr: hochvirtuos bei allem konzentrierten Minimalismus. Da bewährt sich, in der Reife des Alters, eine schauspielerische Erfahrung über Jahrzehnte. Nur in wenigen Passagen wirkten die atemberaubenden Selbstgespräche des Alten und die Geschichten des Erzählers in der Wortwahl, im Ton, in der Diktion nicht ganz plausibel, nicht ganz authentisch, etwas steif vielleicht. Es mag am Urtext, der Übersetzung, an Unschärfen der ansonsten gut ausbalancierten Bearbeitung (Dramaturgie: Gregor Schuster) *1) oder vielleicht auch ein wenig am Schauspieler selbst und dem Premierenfieber gelegen haben.
Das tat aber dem Theater-Ereignis keinen wesentlichen Abbruch. Ein gebanntes Premierenpublikum feierte Hallmayers großartiges Solo und Luca Zahns puristisch klare Inszenierung mit langem, zu Beifallsstürmen anschwellendem Applaus.
Info: Die nächsten Spieltermine von Luca Zahns Hemingway-Adaption „Der alte Mann und das Meer“ mit Stafan Hallmayer am Melchinger Lindenhof sind am heutigen Samstag, 15. Mai, 19.30 Uhr, sowie an den drei Abenden des kommenden Wochenendes. Das Stück ist übrigens eine Koproduktion mit dem Altonaer Theater in Hamburg.
*1) ein markanter kleiner Fehler kann schnell korrigiert werden: Nicht „bete für unsere Sünden“, sondern „bitte für uns Sünder“ muss es im „Ave Maria“ heißen. Da stolpern gelernte Katholiken und unsereins Ex-Ministranten ganz heftig (Smiley).


