Musik

Metzingen – Abschied am Muttertag

Das Metzinger Kammerorchester verabschiedete in der Stadthalle seinen langjährigen Dirigenten Oliver Bensch

METZINGEN. Dass klanglich exquisite Werke bevorstanden, konnte man schon an der Harfe links und an der Schiedmayer-Celesta rechts erkennen, deren Mechanik und Klang die Besucher auf einem Modell am Kassentisch ausprobieren durften. Unter dem Motto „Märchenerzählungen“ umfasste die Werkfolge Stücke von Andreas Tarkmann , Franz Lehár und Maurice Ravel.

Angesichts dieses Namens konnte man sich fragen, wie ein Liebhaberorchester mit dessen französischer Klangkunst zurechtkommen würde. Die setzt nämlich professionelle Präzision voraus, sowohl hinsichtlich Intonation und Artikulation wie auch im Zusammenspiel. Man darf nicht vergessen, dass hier keine Profis musizieren, sondern Streicher, die nach Feierabend üben, ergänzt durch Bläser und die Perkussionistenklasse der Musikschule Metzingen. Oliver Bensch betont in seiner Moderation die gute Zusammenarbeit mit der Musikschule und wünscht sich, dass sie weitergeht.

Abschied vom Metzinger Kammerorchester nach 20 Jahren: Dirigent Oliver Bensch. Foto: Susanne Eckstein

Als Auftakt dient „Das kalte Herz“, eine Konzertouvertüre von Andreas N. Tarkmann nach dem Märchen von Wilhelm Hauff, hier in einer durch den Komponisten eigens arrangierten „Metzinger Fassung“. Das rhythmischem Pochen der warmen Herzen im Hintergrund wird als Hörbeispiel vorgezogen und von Oliver Bensch für die Werkeinführung genutzt, es dient aber auch als Leitmotiv beim Hören.

Das Stück klingt wie Filmmusik, es ist differenziert, dabei gut an- und durchhörbar gestaltet. Harte Schläge kontrastieren mit weichem Pochen, die Tanzbodenszene walzt im Ländlertakt, das Glasmännle glänzt mit silbrigen Tönen, und nach der Gewaltszene bleibt am Ende der sanfte, lebendige Herzschlag der Trommel. Das Orchester erschafft unter Oliver Benschs lebhafter Gestik mit seinem hellwachen Spiel tatsächlich eine eigene Welt.

Weiteren Märchenstoff bringt „Ma mère l’Oye“, fünf Bilder, die Maurice Ravel während seiner Studienzeit komponierte. Man darf staunen, wie rein, sicher, leicht und klangbewusst das Orchester den weichen Fluss der Linien in vielfarbige, transparente Harmonie verwandelt. Kontrafagott, Celesta und Holzbläser runden mit makellosen Soli das Bild zum klingenden Zaubergarten.

Ein letztes Mal am Pult: Oliver Bensch dirigiert sein Metzinger Kammerorchester. Foto: Susanne Eckstein

Spätestens hier wird klar: Dieses Kammerorchester verfügt aktuell über ein hohes Niveau. Wer einmal in der Probe dabei war, weiß, wie zielbewusst Oliver Bensch seit nunmehr 20 Jahren mit ihm gearbeitet hat. Dass er immer wieder ältere „neue Musik“ sowie frisch komponierte Musik von Zeitgenossen auflegen ließ, liegt zum einen an der für Novitäten offenen Programmpolitik des Metzinger Kammerorchesters, aber auch an Benschs musikalischer Neugier. Schon öfter waren Komponisten auf Besuch, auch diesmal sitzt Andreas N. Tarkmann im Publikum.

Nach der Pause geht es direkt auf die Erde mit einer zehnteiligen Ballettmusik von Franz Lehár aus dessen weitgehend unbekannter Operette „Peter und Paul im Schlaraffenland“. Da tanzen Mohnblumen, Lebkuchen, Gemüse und Ferkel zu einer Musik, die Lehár vermutlich mit Blick auf die Militärkapellen geschrieben hat, welche damals (die Uraufführung war 1906) am Sonntag die Bürger im Park unterhielt und die Kinder zum Tanzen verlockte.

Muss man beim anfänglichen Tschingderassabum zunächst ein hemdsärmeliges Potpourri befürchten, lehrt einen das Orchester rasch eines Besseren: Auch hier wird tadellos, sensibel und klangbewusst musiziert. Das virtuose Xylophon-Geklöppel im „Hahnenrennen“ erinnert an „Zirkus Renz“, das edle Violinsolo im „Honignymphen-Walzer“ an Tschaikowsky. Präzision, Spielfreude und Spielwitz reichen sich die Hand.

Danach mit Ravels „Pavane pour une infante défunte“ zu dessen kunstvoll-träumerischem Feinsinn zurückzukehren, erscheint etwas gewagt, zumal die einleitende Horn-Kantilene sehr heikel ist. Doch es gelingt dem Orchester erneut, das Tor in eine andere Welt zu öffnen, getragen von weichem, reinem Ton, latenter Spannung und langem Atem.

Das Publikum erklatscht sich mit lang anhaltendem Applaus zwei Wiederholungen, das Orchester bedankt sich bei seinem scheidenden Dirigenten mit einhelligem, begeistertem Trampeln. Die Vorschau im Programmheft weist auf das Herbstkonzert am 15. November hin, Leitung: Daniel Sundy. Man darf gespannt sein.

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