Der Südwestdeutsche Kammerchor Tübingen sang am Samstag vor seiner Polen-Reise in der Lustnauer Kirche St. Petrus
LUSTNAU. Zu Pfingsten geht der Südwestdeutsche Kammerchor auf eine kleine Konzertreise ins polnische Danzig und nach Frombork. Mit seiner Dirigentin Judith Mohr hat er dafür ein Programm erarbeitet, das sich epochen-symmetrisch um die „Fest-und Gedenksprüche“ von Johannes Brahms sortiert: Neben Bach und Schütz stellt es vor allem alte und aktuelle A-cappella-Chormusik aus Polen vor, teils doppelchörig und bis zu achtstimmig. Am Samstagabend sang das vierzig Stimmen starke Ensemble in der Lustnauer St. Petrus-Kirche, die trotz Sommerwetter und Kulturnacht ganz ordentlich besetzt war.
Zunächst ging mit es mit Rahels Klagegesang „Vox in Rama“ von Mikolaj Zieleński ganz weit zurück an die Schwelle zum Barock. Was da um 1595 wohl im Weichsel-Bistum Płock entstand, erweitert die überkommene Polyphonie eines Palestrina oder Orlando di Lasso, die dort offenbar bestens bekannt waren (oder schon die Vokalpolyphonie der Niederländer) um expressive, stark dissonante Klangkontraste, um chromatische Wendungen und das Hervorheben einzelner Stimmen, die vorwegnehmen, was das Barock dann nach Monteverdi prägte: die Monodie, also die akkordisch unterlegte Einzelstimme.

In feiner Stimmkultur nahm der Chor dieses eindringliche Lamento schwingend und schwebend. Judith Mohr gab zwar einzelnen Figuren expressive Kontur, ließ aber die Linien der Renaissance-Polyphonie nie abbrechen, sondern zeichnete auch deren weite Bögen nach. Ganz dicht auch, trotz der mit federnden Impulsen deklamierenden Ausrufe die doppelchörige Motette „Ich lasse dich nicht“ für vierstimmigen Doppelchor, bei der Johann Sebastian Bachs Urheberschaft lang umstritten war – wobei die Forscher sie mittlerweile überwiegend als Frühwerk betrachten, in dem Bach seine Entdeckung venezianischer San-Marco-Doppelchörigkeit verarbeitet haben mag. Flott und forsch die Fuge über das Choralthema als Cantus firmus im Sopran, dabei aber stets geschmeidig und leicht.
Noch früher als das Eingangsstück datiert das vierstimmige „In te Domine speravi“ eines Wacław z Szamotuł (ca. 1520 bis 1560), dessen Bewegung klar und ruhig, fast liegend gedeutet wurde. Dieser Wenceslaus Samotulinus gilt als bedeutendster polnischer Komponist der Renaissance. Bei Heinrich Schütz (1585 bis 1672) und seiner fünfstimmigen Motette „Herr, auf dich traue ich“ hingegen klang mehr italienischer Stil an, auch umgesewtztt in einem gelegentlichen ganz dezenten Straffen des (inneren) Tempos entlang dem Text.

An den Worten und ihrer Deklamation richtete der Kammerchor auch seine Deutung der drei „Fest- und Gedenksprüche“ aus, die Johannes Brahms 1871 aus neu kombinierten Bibeltexten für zwei weltliche Anlässe – die Verleihung der Ehrenbürgerwürde seiner Vaterstadt Hamburg und die Gründung des Nationalstaats – doppelchörig gesetzt hatte. Kraftvoller wie subtiler Klang wechselten bei den extrem fordernden harmonischen Färbungen, die rhythmische Präzision bewährte sich gerade in den fugierten Teilen.
Bei den folgenden Beispielen geistlicher Gegenwartsmusik aus Polen fiel auf, dass diese Chormusik ganz postmodernen Charakter angenommen hat, nachdem nicht nur Krzysztof Penderecki so viele gewichtige Beiträge zur zwölftönig-seriellen Avantgarde der europäischen Musik beigesteuert hatte. Die Stücke machten nicht nur deutlich, wie tief das Land vom katholischen Glauben und der Marienverehrung geprägt ist, sondern – in Henryk Mikolaj Góreckis „Totus tuus“ – auch, welche Rolle der heiliggesprochene Johannes Paul II. nicht nur bei den Gläubigen des Landes spielt.
Dieses eher minimalistische, eher dem meditativen Klang eines Arvo Pärt verwandte Stück vertont (anlässlich seines Besuches in der Heimat anno 1987) den marianischen Wahlspruch des polnischen Papstes und erklang 2024 auch zur Wiedereröffnung der Pariser Kathedrale Notre-Dame nach dem Brand von 2015.

liegenden Klängen und erweitert tonalen Harmonien. Foto: Martin Bernklau
Zuvor war aber ein siebenstimmiger „Cantus gloriosus“ von Józef Świder (1930 bis 2014) zu hören, dessen tänzerisch leichte, zuweilen synkopische und erweitert tonale „Alleluja“-Rhythmen mit dichten Fugati und ruhenden Klangflächen ergänzt werden. Pawel Łukaszewski , 1968 geboren, wendet sich der deutschen Tradition zu und vertont die fünf Strophen des Chorals „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ in ganz unterschiedlichen Charakterstücken, unter denen der geradezu vergnügte dritte Satz für Frauenstimmen hervortritt. Auch er hat keinerlei Berührungsängste mit traditionellem Dur und Moll. Als Reprise erscheint das originale Choralthema in der fünften Strophe noch einmal.
Die junge Zuzanna Koziej, Jahrgang 1994, gestaltet ihre sechsstimmige Friedensbitte „Da pacem“ gleichfalls harmonisch frei mit tonaler Bindung in rhythmisch strukturierten ruhigen Flächen. Das klang sehr eindringlich, nicht weniger als Paweł Lukaszewski „Jubilate Deo“, das der Chor nach dem langen Beifall dem tief beeindruckten Publikum als Zugabe bot. Dieser Jubel hatte keineswegs übermütigen Charakter, sondern äußerte sich ganz verhalten, eher mystisch und nach innen gekehrt in ruhigen Bögen.



