Musik

WPR – Die Katastrophen von Kyoto

Die Württembergischen Philharmoniker eröffneten ihre Saison in der Reutlinger Stadthalle mit einem japanischen Drama, Kodály und Mozart

REUTLINGEN. Der Bezug zum Reutlinger Stadtbrand erschloss sich schon. Ins Zentrum des ersten Sinfoniekonzerts der Württembergischen Philharmoniker am Montagabend hatte Chefdirigentin Ariane Matiakh eine dramatische Kantate des Briten Jonathan Dove gestellt, die auf einem 800 Jahre alten Poem eines japanischen Mönches beruht und sich mit vier Katastrophen in dessen Heimatstadt Kyoto befasst. Solist war der amerikanische Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen. Das Konzert in der nicht ganz ausverkauften Stadthalle begann mit der Suite „Tänze aus Galánta“ von Zoltán Kodály und endete mit Mozart drittletzter Sinfonie in Es-Dur.

Bartóks Gefährte Zoltán Kodály (1882 bis 1967) hat nicht nur die Volksmusik, die Tänze und die Dialekte seiner ungarischen Heimat erforscht und in seine Kompositionen einfließen lassen, er hat auch in Dankbarkeit seiner Herkunft und Kindheit gedacht. Die „Tänze aus Galánta“ sind eine ungemein vitale, rondohafte Suite und sollen nicht nur an sein Heimatdorf erinnern, sondern auch an die frühe musikalische Prägung, die er – neben seinem Eisenbahner-Vater und begabten Geiger – einer „berühmten, seither verschollenen Zigeunerkapelle“ verdankte. So nennt er das ganz unbefangen.

Das Orchester kam frisch und gut aufgelegt aus der Sommerpause zurück, als hätte es die Qualitäten noch reifen lassen, die Ariane Matiakhs Dirigat auszeichnen: Präzision, kontraststarker Klang und Transparenz, verbunden mit Sensibilität und schwungvoller Energie. Das ließ sich gut vorführen an Koldálys temperamentreichem Stück, das die Rhythmik und das Thema eines Verbunkos-Tanzes in eine Rondoform fasst, die – mit fein und genau abgestimmter Agogik im Kleinen und Tempowechseln in der großen Form – die Refrains mit den Zwischenspielen (Couplets) verbindet. Das erste Solo, noch vor der Voirstellung des Themas, durfte der Klarinettist wunderbar zelebrieren. Die ständige Steigerung mündet nach einer jähen Generalpause in die rasant verdichtete Coda. Den rauschenden Beifall hatten vor allem die Holzbläser vollauf verdient.

Bei der hochdramatischen Solokantate für Countertenor und großes Orchester mit dem Titel „Hojoki (Bericht aus meiner Hütte)“ von Jonathan Dove ragten nicht zuletzt die Schlagwerker der Philharmoniker heraus. Wie ein ausgedehntes, aber ungemein abwechslungsreiches Rezitativ hat der 1959 geborene Brite ein Versepos vertont, in dem der japanische Mönch Kamo no Chōmei vier Katastrophen beschreibt, die über seine Heimatstadt Kyoto hereinbrechen und die ihn zum völligen Rückzug in eine einsame Hütte bewegen: Feuer, ein tornadoartiger Wirbelsturm, eine Hungersnot und ein verheerendes Erdbeben.

Der Countertenor Aryeh Nussbaum Cohen, Ariane Matiakh und das Orchester durften sich für die ergreifende Ausdeutung von Jonathan Doves japanischer Katastrophen-Kantate lang feiern lassen. Fotos: Martin Bernklau

Mit seiner klaren, kraftvollen und auch warmen Countertenor-Stimme – „erstaunlich schön und golden klingend“ rühmte sie der „Guardian“ – gestaltete der im jüdisch geprägten New Yorker Viertel Brooklyn aufgewachsene und weltweit erfolgreiche Sänger seinen Part mit ungemein suggestiver und variationsreicher Ausdruckskraft, trotz aller freien Kontur genau abgestimmt mit Ariane Matiakh und einem hochaufmerksamen Orchester. Der langanhaltende Jubel eines begeisterten Publikums war der Dank.

Die Sinfonie Es-Dur (KV 583) von Wolfgang Amadé Mozart (1756 bis 1792) hat keinen Beinamen. Als vielleicht sperrigste, vielleicht auch innovativeste von Mozart letzten Sinfonien bezieht sie ihren Ruhm als erster Teil der Trias mit dem Schwesterwerk in g-Moll und der krönenden „Jupitersinfonie“. Nicht nur die ungemein kurze Entstehungszeit von gut sechs Wochen gibt Rätsel auf. Auch der unverkennbare Bezug auf Haydns sechs“Pariser Sinfonien“ könnte darauf hindeuten, dass Mozart nicht drei übliche Auftragswerke (es gibt nämlich keine Hinweise darauf) schuf, sondern womöglich etwas musikgeschichtlich Gültiges hinterlassen wollte – nicht testamentarisch, denn von seinem Tod konnte das im Wiener Sommer vor 1788 trotz einer depressiven Krise und Geldsorgen pumperlg’sunde junge Genie gewiss noch nichts ahnen. Wohl aber von seinem Rang.

Genaue Gesten, präzise Schlagtechnik: Ariane Matiakh und ihr Solist Aryeh Nussbaum Cohen bei der Kantate. Foto: Martin Bernklau

(später mehr)

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