Musik

Westspitze – 21 Celli für den Saal

Ein Benefiz-Konzert der Tübinger Initiative für einen neuen Konzuertsaal war am Sonntag zweimal ausverkauft

TÜBINGEN. Wie berechtigt der Wunsch vieler Tübinger nach einem zusätzlichen Konzertsaal ist, konnte man bei diesem Anlass gleich mehrfach feststellen. Zwar steht mit dem „Saal 1“ an der Westspitze eine moderne Location zur Verfügung, doch sie reicht bei weitem nicht für publikumsträchtige Attraktionen wie die am gestrigen Sonntag: Der Verein „Ein Saal für Tübingen e.V.“ hatte unter dem Motto „Accelerare II“ (beschleunigen) zu einem zweiten Spendenkonzert eingeladen und dafür 21 Cellistinnen und Cellisten engagiert.

In unterschiedlichen Besetzungen: 21 Celli für einen neuen Konzertsaal in Tübingen. Fotos: Susanne Eckstein

Der Cellolehrer Gregor Pfisterer gewann auf Anhieb 20 Mitspieler aus Tübingen und der Region. So groß war die Anziehungskraft der „21 Celli“, dass außer dem Konzert um 19 Uhr auch noch die öffentliche Generalprobe um 16 Uhr weit im Voraus ausverkauft war. Nicht nur die üblichen Konzertgänger füllten die Reihen im „Saal 1“, sondern auch Familien mit Kindern, die als Gradmesser für die Qualität des Gebotenen dienen konnten: Für die Soli im ersten Teil waren sie ganz Auge und Ohr, im zweiten Teil ließ die Aufmerksamkeit etwas nach. Die Moderation übernahmen Andreas Grau und Andreas Haas vom Vorstand des Vereins „Ein Saal für Tübingen“.

Auf dem Weg zum Cello-Event an der Westspitze. Foto: Susanne Eckstein

Das Podium im Saal 1 eignet sich bestens für anspruchsvolle Solo-Kammermusik, wie sie zu Beginn aufgeführt wurde. Die trockene Akustik des vollen Saals rückt den Klang ganz warm und hautnah ans Ohr, Ausdruckskraft und Aussage der Originalkompositionen werden direkt erlebbar.

Als Vorspiel dient das Präludium aus der Cellosuite Nr. 2 d-Moll von Johann Sebastian Bach , vorgetragen von Thomas Haas. Er lässt die Saiten sprechen und singen, jede Schwingung ist wahrnehmbar. Ihm folgt Hanna Daub mit Zoltán Kodálys Sonate für Solo-Cello op. 8 aus dem Jahr 1915, die sie – auswendig – als expressives Spiel mit dem Klang gestaltet. Einen Schritt weiter geht Benedikt Dan mit der „Lamentatio“ für Cello solo des Zeitgenossen Giovanni Sollima : Er erweitert die quasi menschlich sprechende Stimme des Cellos um seine eigene zum mehrstimmigen Gesang und beeindruckt mit starker motorischer Kraft.

Volole Konzentration. Foto: Susanne Eckstein

Eher avantgardistisch-neutönerisch klingt das „Capriccio für Siegfried Palm“, das Krzysztof Penderecki 1968 komponierte. Mit ihm erkundet Lionel Martin die Klangmöglichkeiten „ums ganze Cello herum“, wie er sagt; von der (kurz gehaltenen) klassischen Kantilene über wildes Tremolieren, Pizzicato-Spiel und Flageolett bis zum Klopfen aufs Gehäuse. Den Trick, zusätzlich mit den Fingern auf den Bogen zu schlagen, hat Lionel Martin selbst erfunden, doch am meisten überzeugt seine schlüssige Gestaltung.

In eine andere Richtung geht das Duo Friedemann Dähn/Joel Siepmann: Dähn erweitert als Komponist das Klangspektrum des Cellos um die elektronische Komponente. Als Duo entwickeln sie mit „Hat2“ einen Drive wie im Gypsy Jazz, erinnern in „Al Afro“ an das gezupfte Sanza-Spiel und wandern mit „Cuento“ von Latin zum Rock und wieder zurück.

Vergleichsweise harmlos wirkt nach den zu Recht bejubelten solistischen Glanznummern der zweite Teil mit Besetzungen vom Duo über Quartett, Sextett und Oktett bis zum zwölfköpfigen Cello-Chor, wenngleich sämtliche Stücke gekonnt und sicher durch die ad-hoc-Ensembles vorgetragen werden. Zunächst eine Sonate für zwei Barytone (gambenähnliche Instrumente) von Joseph Haydn, die sich als Variationenfolge entpuppt. Wie eine Strauß-Anleihe wirkt der Konzertwalzer für 4 Celli von Wilhelm Fitzenhagen, wie eine Trauermusik das „Requiem“ op. 66 für 6 Celli von David Popper; beide haben als bekannte Cellisten des 19. Jahrhunderts dankbare Kompositionen für ihr Instrument hinterlassen.

Pause. Foto: Susanne Eckstein

Für Werke wie die „Aria“ aus den „Bachianas Brasileiras“ von Heitor Villa-Lobos braucht es aber tatsächlich einen großen Konzertsaal: Der ansonsten edel strahlende Sopran von „special guest“ Ulrike Kristina Härter kann sich hier nicht angemessen entfalten. Auch die romantisch-schwelgerische Klangfülle von Julius Klengels „Hymnus“ op. 57 für 12 Celli als großes Finale stößt in diesem Raum an seine Grenzen.

Zur Dreingabe versammeln sich alle 21 Cellistinnen und Cellisten unter dem Jubel des Publikums auf und um das (zu kleine) Podium und weisen mit Brahms‘ Ungarischem Tanz Nr. 5 ein weiteres Mal auf das Potenzial hin, das in einem neuen, vollwertigen Konzertsaal gehoben werden könnte.

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