In der Reutlinger Stadthalle führten die Capella vocalis und die Württembergischen Philharmoniker am zweiten Feiertag vier der sechs weihnachtlichen Bach-Kantaten auf
REUTLINGEN. In der stärker protestantisch und stärker theologisch geprägten Nachbarstadt Tübingen verfestigt sich vielleicht die Tradition, Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium im liturgischen Rahmen der Feiertags-Gottesdienste in der Stiftskirche als einzelne Kantaten erklingen zu lassen, mit verschiedenen Chören. Reutlingen, die mehr bürgerlich ausgerichtete Freie Reichsstadt, bevorzugt die konzertante Variante. Die Capella vocalis und die Württembergische Philharmonie musizieren zum zweiten Feiertag in der Stadthalle traditionell eine wechselnde Auswahl von drei oder vier der Einzelwerke aus dem sechsteiligen Zyklus, wobei die erste natürlich nie fehlen darf: „Jauchzet, frohlocket!“.

Die Ränge waren fast vollständig besetzt, als Johannes Kaupp, der neue künstlerische Leiter des Reutlinger Knabenchors, in den Teilen I, II, IV und VI seine ganz besonderen Akzente setzte. Die Capella vocalis scheint sich inzwischen doch ganz gut von der Corona-Krise erholt zu haben. Die rund vierzig Stimmen des Konzertchors waren angehalten, vibratofrei zu singen. Ob das bei den Uraufführungen des Jahreswechsels 1734/35 in den Leipziger Hauptkirchen – vormittags Thomaskirche, nachmittags Nikolai – auch so war, sei mal dahingestellt.
Die Orchesterbesetzung zeigte besondere Schwerpunkte: Sechs erste, vier zweite Geigen, drei Bratschen, dazu je ein Cello und ein Kontrabass bildeten die ebenfalls vibratolos spielende Streichergruppe. Die Bläser waren pro Stimme einfach besetzt. Hinzu kam das Trompetentrio für die ganze Pracht von Anfang, Mitte und Ende des Zyklus. Die vier versierten Vokalsolisten – Sopranistin Isabel Weller, der famose Capella-Spross Jan Jerlitschka als Altus, Fabian Kelly mit den Parts des Evangelisten und Arien-Tenors sowie der baritonal hell timbrierte Bass Hans Porten – wurden ergänzt von drei Knabenstimmen in besonderen Rollen wie dem Echosopran aus der sechsten Kantate von der Galerie aus.
Nicht nur für den berühmten Eingangschor „Jauchzet, frohlocket!“ hatte Johannes Kaupp straffe, oft im Dreiertakt vorwärts schwingende Tempi gewählt. Manchmal dirigierte er ganztaktig, was trotz präzisen Metrums zusätzlich im „inneren Tempo“ beschleunigend wirkte. Die Choräle hingegen nahm er in meditativ besinnlichem Gleichmaß, kontemplativ, ohne zu viel Variabilität entlang von Text und Sprachmelos, wie es bisweilen auch zu hören ist. Besonders innig, aber frei von jedem Kitsch: „Ich steh‘ an deiner Krippen hier“.

Die Vokalsolisten sind allenthalben so eine Art Refugium geblieben für freiere Gestaltung und – bis auf den konsequenten Jan Jerlitschka – auch hörbare, geschmackvolle und keineswegs störende Reste von Vibrato-Einsatz. Auch als Countertenor hat Jan Jerlitschkas Altus-Stimme längst ein weithin strahlendes Renommee gewonnen. Intensität, Ausdruckskraft und tiefes musikalisches Verständnis kommen hinzu. In den Rezitativen und den berühmten Alt-Arien („Bereite dich, Zion“) zeigte er das eindrücklich. Die Sopranistin Isabel Weller glänzte nicht nur in der grandiosen Echo-Arie „Flößt, mein Heiland“ aus Teil VI mit ebenso schlanker wie kraftvoller Stimmführung.

Eine ganz großartige Gestaltung bot Fabian Kelly als erzählender Evangelist: Ganz dicht im melodischen Fluss, sprachbetont, aber nicht überpointiert oder mit knallenden Konsonanten, in den Höhen immer leicht, nie auch nur eine Spur angestrengt oder gar gepresst. Auch in den virtuosen Arien, darunter dem energischen „Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken“ aus Teil VI, bewährte sich das. Gleichfalls weich und leicht, stets sehr sanglich phrasiert, nahm Bariton Hans Porten seine Bass-Partie. Auffallend war dabei auch, wie sensibel er sich von Duett bis Quartett an seine Partner anzuschmiegen verstand, auch die Knabensolisten.

Hohe Anpassung und stabile Stütze zeigte auch die Continuo-Gruppe aus Orgelpositiv, Fagott, Cello und Kontrabass bei der Begleitung der Rezitative. Schöne Solostellen in den Arien waren von der Oboe oder dem begleitenden Duett aus den Stimmführern der Geigen in der Tenor-Arie „Ich will nur dir“ aus der vierten Kantate zu hören, bei der die Knabenstimmen aus dem Chor einen besonderen Höhepunkt bieten. Glanzvoll, virtruos geläufig und dabei doch geschmeidig im Klang das Trompetentrio.
Es war eine in allen Teilen – etwa auch der anspruchsvollen Chorfuge „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“ – sehr genau, klangstark und klangschön erarbeitete Auswahl aus Bachs Weihnachtsoratorium mit einem stimmstarken Chor, dem engagierten kleineren Ensemble der Württembergioschen Philharmoniker und tollen Solisten. Der rauschende Applaus, sehr verdient, hielt ganz lange an.



