Im Reutlinger Spendhaus wurde am Freitagabend die spektakuläre Ausstellung „What You Get Is What You See“ des Künstlerduos „atelierJAK“ eröffnet
REUTLINGEN. Ein paar Dinge müssen geklärt werden, um zu erklären, dass es hier nichts zu erklären gibt. Ein paar Dinge müssen verstanden sein, um zu verstehen, dass es hier nichts zu verstehen gibt. Ein paar Dinge müssen verbunden werden, um zu verbinden, was keine Verbindung hat – oder durch diese Kunst erst bekommt.
Zur gut besuchten Ausstellungseröffnung von „What You Get Is What You See“ am Freitagabend im Oberstübchen des Reutlinger Kunstmuseums Spendhaus war vom Künstlerduo „atelierJAK“ nur Andreas Geisselhardt gekommen. Partner Jangyoung Jung hütete das Stuttgarter Heim, war aber zur Preview am Vortag zugegen gewesen. Und das gemeinsame Kind, die Kunstfigur JAK, ungefähr zwölf, 13 Jahre alt, war sowieso nur im Geiste da – aber sehr präsent in den beiden Ausstellungsgeschossen, der hellen ersten Etage und dem abgedunkelten Erdgeschoss.

Das Kürzel „WYSIWYG“ steht für die Anfänge der digitalen Welt in den westlichen Gesellschaften, dann diese Weltrevolution durch die IT. Es benennt den Wechsel der zunächst zahl-und textbasierten Computersteuerung auf die grafischen Zeichen, die Icons, heute die quadratischen Apps: „Was du siehst, ist, was du bekommst“ hatte Pionier Apple für den Macintosh als grafische Benutzeroberfläche des Betriebssystems MacOS auf den Markt gebracht. Mit Windows 95 zog Marktführer Microsoft nach. Tina Turner hatte das Wort im Jahr 1986 für ihren Song „What You Get Is What You See“ umgedreht. Und das deutsch-koreanische Künstlerpaar tat es dem Rock-Star für den Titel der Reutlinger Ausstellung gleich.
Die seltene Krankheit der „visuellen Agnosie“, englisch „Soul Blindness“, bedeutet, dass die betroffenen Menschen die sichtbare Welt der Dinge zwar ganz normal in Form und Farbe sehen können. Doch sie können diese Dinge nicht deuten, nicht einordnen, nicht zuordnen in ihrer Funktion. Im Alltag behelfen sich die Betroffenen mit Post-its. In der amerikanischen Umgangssprache bedeutet „You don’t know Jack?“ ungefähr „Du blickst wohl garnichts“. Danach mag sich das „atelierJAK“ – neben den Initialen – benannt haben, als das Duo mit dem Projekt begann, einem work in progress. Das K könnte allerdings auch für „Konzept“, vielleicht gar für „konkret“ stehen.
Kennengelernt haben sich Jangyoung Jung (*1973 in Korea) und Andreas Geisselhardt (*1974 in Deutschland) beim Studium an der Stuttgarter Akademie. Sie leben, arbeiten und zeigen ihre Kunst abwechselnd hierzulande oder in Seoul (homophon mit Soul) und in New York. Konzeptkunst ist das als Realisierung einer Idee, als eine Installation, die auf etwas ideell oder begrifflich Anderes verweist. Der Konkreten Kunst ist die Arbeit durchaus in der reinen, abstrakten Ordnung von Zahlen und Verhältnissen verwandt.
Die Idee hinter der handwerklich ungemein sorgsam und genau ausgearbeiteten Sache – ein Jahr haben die Vorarbeiten gedauert – ist ein Film mit dem Titel und dem Programm „Soul Blindness“. Die projektierte Produktion hat das Drehbuch auf 90 Minuten angelegt, wozu das Künstlerduo Videosequenzen, Storyboard, Szenenbilder und Requisiten von Ausstellung zu Ausstellung weiterentwickelt. Das Spendhaus inszeniert – und dekonstruiert – nun eine neue drei-Minuten-Sequenz, die bisher dritte.

Genau drei Minuten lang dreht sich beispielsweise das Rondell aus 100 einzeln per Laser geschnittenen Plexiglasplatten im Format eines Objektträgers oder der Kino-Breitwand im abgedunkelten Erdgeschoss – solche Bezüge von Zahl und Form sind „konkreter Kunst“ eigen. Wie Textfragmente oder Sequenzen aus dem Drehbuch projiziert sich ihr Abbild dabei auf den Boden, die hölzernen Säulen des mittelalterlichen Spendhaus-Fachwerks und auf eine semipermeable sechs Meter lange Glaswand. Dahinter hängt über einem Podest, auf dem auch Schriftprojektionen laufen ein glänzend metallenes, spindelförmiges Objekt und reflektiert.
Der obere Raum ist hell erleuchtet und beherbergt ein Podest (in nämlichem Rechteck-Format), auf dem unter einem Glasminiaturen-Mobilé ein farbiges Textilbild, eine aus seitlicher Perspektive phallushafte weiße Figur, funktionsfreie Holzmodelle und ein Baldachin stehen oder andere Objekte auch darüberhängen. Dazu teils flachgelegte gerahmte Textbilder, Gegenstände, Gefäße, Maschinen, Lochkarten und Alu-Reliefs, filigrane Gerüste, einb Kofferradio und manches mehr. Sie zu deuten und zuzuordnen ist nicht Sinn der Collage. Die Betrachter sollen schauen, ohne zu verstehen – wie ein an visueller Agnosie leidender Mensch das wahrnimmt. „Der Raum lädt sich auf mit diesen Dingen“, formuliert Andreas Geisselhardt.

Natürlich hat solche bewusst bedeutungsfreie, dabei aber durchaus als schön empfindbare Kunst, die so präzise wie für eine geheime Funktion produziert und so makellos gefertigt ist, etwas verstörend Provokatives. Natürlich hat solche Kunst, die das Sehen sucht, aber kein Erkennen, keinerlei Erkenntnis mehr will, auch für die Kritik Folgen: Deren Aufgabe, zu erklären und zu vermitteln, fällt weg. Es bleibt die bloße Beschreibung. Sehen an sich.
Natürlich ist das ganz neu und ganz anders, zumal die Installation nur als Puzzleteil eines multimedialen filmischen Gesamtkunstwerks gelten soll, dessen Fertigstellung in weiter Ferne liegt. Fragment also. Auch das noch. „What You Get Is What You See“ will verunsichern. Weil es ein Film wird, wurde zu Eröffnung aus einer eigens angeschafften Maschine Popcorn gereicht, in Branding-Pappschalen.

Kulturamtsleiterin Anke Bächtiger, Hausherr Stephan Rößler und sein Co-Kurator Johannes Krause-Schenk waren mächtig stolz auf die Ausstellung des – auch multikulturellen – Künstlerduos vom „atelierJAK“. Vor allem dass mit „What You Get Is What You See“ das Portfolio der städtischen Museen um aktuelle Gegenwartskunst erweitert wird, die sogar vor Ort entsteht und wächst, war allen Dreien wichtig: Perspektivwechsel innerhalb der Installation, aber auch im Angebot des Reutlinger Kunstmuseums (und das in Zeiten der kommunalen Kassen-Katastrophe).
Info: Die Ausstellung „What You Get Is What You See“ des Künstlerduos „atelierJAK“ (Andreas Geisselhardt und Jangyoung Jung) ist bis zum 12. April 2026 im Reutliner Kunstmuseum Spendhaus, Spendhausstraße 4, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag / Feiertag: 11–17 Uhr, Donnerstag (freier Eintritt): 11–20 Uhr Montag, Heiligabend, Silvester und Karfreitag geschlossen


