Musik

Orgelsoirée – Neuer Klangraum

In der Neuapostolischen Kirche an der Dürrstraße stellte Andreas Ostheimer mit einem neuen Instrument vielleicht auch einen neuen Klangraum für Reutlingen vor

REUTLINGEN. Wenn man von Reutlingen auf der Heppstraße nach Betzingen fährt, sieht man sie nicht, dabei ist sie ganz nah: die Neuapostolische Kirche (West) oben in der Dürrstraße; ein imposanter und mit seiner hohen Rundung auffälliger, moderner Bau. Nun ist er rundum renoviert und modernisiert und erfüllt die aktuellen Anforderungen an Technik und Barrierefreiheit. Hier hat jetzt die bis 2017 geteilte neuapostolische Gemeinde Reutlingen ihren gemeinsamen Sitz; das weitere Kirchengebäude in der Alexanderstraße wurde entwidmet. Wiederbezug und Weihe fanden im Oktober 2025 statt; nun lud die Kirche am Sonntag zu einer Orgelsoirée ein.

Wer als Außenstehender den Bau betritt, staunt. Das Innere ist hell und geräumig und umfasst Garderoben und ein Foyer. Und vor allem: der Kirchenraum erweist sich als Konzertsaal vom Feinsten. Er verfügt über reichlich Sitzgelegenheiten und eine große Zuschauerempore; nur der Altar erinnert an die kirchliche Funktion. Es gibt weder Kruzifix noch Kerzen, Bilder oder sonstige Objekte, die Wände sind weiß. Die eher trockene Akustik ist ausgerichtet aufs gesprochene Wort, man vernimmt jeden Laut.

Dominiert wird der Raum durch die Orgel: Sie steht nicht wie sonst hinten auf der Empore, sondern frei und frontal an der Stirnwand, der Prospekt ist ein Kunstwerk aus klingenden Pfeifen unterschiedlicher Farben und Materialien, Holz, Kupfer, Zinn. Der Spieltisch mit zwei Manualen und Pedal befindet sich halb verdeckt rechts an der Wand.

Andreas Ostheimer als Orgelsachverständiger der Neuapostolischen Kirche Süddeutschlands stellt das Instrument in einem mehrteiligen inhaltsreichen Referat im Wechsel mit Orgelmusik vor. Um die Historie kurz zusammenzufassen: Die im Jahr 1953 durch die Firma Steirer zugleich mit der Kirche erbaute Orgel wurde in der Folge mehrfach – nicht zu ihrem Besten – verändert und ab 2023 durch die Firma Mühleisen komplett saniert. Teils wurde sie jetzt in ihren ursprünglichen Zustand zurückgeführt, teils klanglich erweitert.

Ihre Geschichte ist verbunden mit der Orgelbewegung des 20. Jahrhunderts, dem Kirchenmusiker Helmut Bornefeld und dem Komponisten Hugo Distler, die den musikalischen Teil der Soirée eröffnen. Ihre zugleich freien und strengen Choralbearbeitungen von „Christ, der du bist der helle Tag“ und „Dank sei Gott in der Höhe“ bringen die neobarocken und „modernen“ Klänge der Orgel plastisch zur Geltung.

In der Folge beweist Andreas Ostheimer mit sicherer Fuß- und Finger-Technik die Vielseitigkeit der Steirer-Mühleisen-Orgel: Freie, fantasievolle Orgelmusik von Buxtehude klingt genauso farbig, prägnant und klar wie Choralvorspiele von Bach. Fast zu intensiv gerät allerdings das Beispiel aus Couperins Messe des Paroisses, doch umso beeindruckender der Stereo-Effekt der beiden Pedaltürme (bei Buxtehude) und die weich atmende Solostimme in Bachs „Liebster Jesu, wir sind hier“.

Für das 19. Jahrhundert wählt Ostheimer gegensätzliche Stücke: Das „Rondo“ mit Glöckchenklang von Morandi erweist sich als fröhlicher Mix aus Oper und Blaskapelle, die „Pastorale“ von Reger als verinnerlicht schlicht, doch mit crescendo-Effekten versehen, und Karg-Elerts Bearbeitung von „Jesus, meine Zuversicht“ aus op. 78 entstand zwar im 20. Jahrhundert, bringt aber mit ihrem romantischen Tonfall das neu eingebaute Register „Gambe“ zur Geltung.

Den Abschluss bildet weltliche Orgelmusik aus aller Welt: kraftvolle Spirituals, eine geradezu pianistisch feine, schwebende Scherzo-Toccatina des US-Amerikaners Nevin, ein gefühlvolles „Auld Lang Syne“ und – als Krönung des Ganzen – eine „Sortie“ des Franzosen Lefébure-Wély, die zum Auszug aus der Kirche alles auffährt, was die Orgel an Klangpracht und Kontrasten zu bieten hat. Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen, der Organist mit einer kleinen Dreingabe von Bossi.

Dieses Phänomen einer gelungenen Renovierung und Wiederbelebung steht im Kontrast zu den Sparzwängen und dem Niedergang im Kirchen- und Kulturbereich. Auch die kleineren Religionsgemeinschaften müssen aufs Geld schauen, sie sind darauf angewiesen, sich weitgehend selbst zu finanzieren – doch wenn sowohl die Mittel als auch der Wille da sind, können sie sich, wie hier, tatsächlich eine quasi neue Kirche mit einer großartigen Orgel leisten. Die könnte eigentlich auch ins Kulturleben der Stadt einbezogen werden – wir dürfen gespannt sein, ob das gelingt.

Titelfoto: Susanne Eckstein

(später mehr)

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