In den Reutlinger Wandel-Hallen präsentierte das Klavierduo Hayashizaki/Hagemann am gestrigen Mittwochabend das „Grand Duo“ von Veit Erdmann-Abele als Uraufführung
REUTLINGEN. Das Gedenken an den Reutlinger Stadtbrand von 1726 ist in den Kulturveranstaltungen vor Ort allgegenwärtig. Die Stadt hat nicht nur das TheaterPädagogischeZentrum mit einem Theaterstück dazu beauftragt (wir berichteten), das kürzlich in der Marienkirche zur Aufführung kam, sondern auch den hiesigen Komponisten und früheren musica-nova-Leiter Veit Erdmann-Abele (geb. 1944). Dessen „Grand Duo“ für Klavier zu vier Händen hat am Mittwoch, 30. September 2026 in den Wandel-Hallen auf der gut besuchten Etage des Kunstvereins der derzeitige Leiter der Konzertreihe Michael Hagemann gemeinsam mit seiner Partnerin Shoko Hayashizaki uraufgeführt und mittels Lesung (Hagemann) und Kalligraphie (Hayashizaki) zum Gesamtkunstwerk erweitert. Als Titel des Abends wurde „Feuerspeiender Regen“ gewählt.
Wie Hagemann in seiner Einführung bekannte, war ursprünglich nur eine etwa viertelstündige Neukomposition mit offener Besetzung angedacht. Dass letztlich ein einstündiges „Grand Duo“ dabei herauskommen würde (dessen Name nicht auf Schubert, sondern eher auf das Klavierduo Hayashizaki-Hagemann und den Werkumfang anspielt), konnte damals keiner wissen.
Die Kombination mit der Erzählung „Eine reichsstädtische Glockengießerfamilie“ von Hermann Kurz (1813 bis 1873) lag angesichts der darin enthaltenen Stadtbrand-Geschichte auf der Hand. Sie bildet, sehr lebendig in Auszügen gelesen durch Michael Hagemann, das Rückgrat der Aufführung und korrespondiert in etwa mit den Satzüberschriften des „Grand Duo“: Prolog: Ruhe und Frieden, September 1726, Verzweiflung und Trauer, Mut und Aufbruch, Epilog: Neubeginn. Veit Erdmann bezieht sich in seiner Komposition nach eigenem Bekunden nicht auf das Geschehen, sondern auf die Emotion; er zitiert Beethoven, der seine sechste Sinfonie mit „mehr Empfindung als Malerei“ umschrieb.
Sein „Grand Duo“ verzichtet ohne Rücksicht auf die Satzbezeichnungen auf die dramatische Illustration des Geschehens, sondern vollzieht sich als durchgehender gleichmäßiger Verlauf, grundiert durch ruhig bewegte Einzeltöne in variierten Mustern, ähnlich der minimal music. Primo und secondo sind nicht getrennt, sondern verbunden im Kontinuum der pianistischen Klangpunkte. Aufgebrochen wird dieser abgeklärt ruhige Gang der Zeit immer wieder durch harte Akzente, Crescendi, Steigerung, Beschleunigung, Akkordschläge und expressive Ausbrüche, die die Fantasie des Hörers wecken – aber stets zurückführen in den ruhigen Fluss des Grundmusters, der am Satzende verebbt.
Die Kalligraphie-Sequenzen werden jeweils in die Lesung eingefügt. Der Erzähler verstummt, während Shoko Hayashizaki von der Pianistin zur Kalligraphin wird und das eben Gehörte mit dem großen, spitz zulaufenden Pinsel und schwarzer Tusche auf den ausgelegten Papierbahnen in japanische Schriftzeichen umsetzt. Hier wird nicht wie in der europäischen Kultur das Ergebnis von „Kunst“ als gedruckter Text oder als Notenblatt profanisiert, sondern ihre Entstehung selbst zum Ritus erhoben – in der konzentrierten, flexiblen Bewegung von Hand und Pinsel mit dem Ergebnis komplexer Bildzeichen, die nicht nur für die Stichworte wie „Spiel der Flammen“ oder „Feuerspeiender Regen“ stehen, sondern im Wechselspiel der zarten Linien und breiten Balken eine vielschichtige Aussage erahnen lassen.
Merkt man im vierten Satz des „Grand Duo“ etwas von „Mut und Aufbruch“? Den beiden virtuosen Interpreten sind ja angesichts der puristischen, beinahe spröden Musiksprache in Bezug auf tradtionelle Gestaltung und Ausdruck die Hände gebunden. Was ändert sich im fünften und letzten Satz „Epilog: Neubeginn“? Nicht viel, das Grundmuster bleibt. Doch die Härten scheinen geglättet, die Akkorde weicher, die zuvor konflikthafte Gegenbewegung wird gemildert, Sprunghaftigkeit zu maßvollem Schreiten. Ruhige Abwärtsbewegung weist auf das Ende des Epilogs hin, der unspektakulär verlischt.
Nach dem herzlichen, lang anhaltenden Schlussapplaus lädt. Dr. Julia Berghoff vom Kunstverein Reutlingen zu einer Kurzführung durch die Ausstellung „Translating Traditions“ ein; manche umringen jedoch Shoko Hayashizaki, um sich die frisch getuschten Zeichen erläutern zu lassen.
