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Kunstverein RT – Weiche Gegensätze

„Translating Traditions“ – In den Wandel-Hallen zeigt der Kunstverein Reutlingen Arbeiten von Marlen Letetzki und Desire Moheb-Zandi

REUTLINGEN. Auf völlig verschiedenen Wegen setzen sich die jungen Künstlerinnen Marlen Letetzki und Desire Moheb-Zandi mit ganz unterschiedlichen Traditionen auseinander. Ihre Arbeiten zeigt der Kunstverein Reutlingen seit der Vernissage am vergangenen Sonntag in den Wandel-Hallen

Mal ein ganz grobes historisches Genre-Raster drübergelegt: Marlen Letetzkis Thema ist das Stilleben, die Nature morte, also eine tote, arrangierte Natur, als eine Gattung, die in der niederländischen Barockmalerei ihren Ursprung hat und als Mahnung an die Vergänglichkeit des Lebens („Vanitas“ – Leere und Eitelkeit) gedacht war.

Desire Moheb-Zandi bedient eine andere Tradition: den Wandteppich, die Tapisserie. Sie tut das allerdings nicht, um – wie in Bayeux – historische Geschichten zu erzählen oder gewebte Malerei als Wandschmuck zu präsentieren, sondern um einerseits durch das verwendete Material so etwas wie konzeptuelle Gegenwartskritik zu visualisieren, auch weibliche Rollenmuster; andererseits als Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Lebensgeschichte: In Berlin geboren, wuchs sie in der Türkei auf und kehrte zurück.

Gleichfalls mit Berlin verbunden ist Marlen Letetzki, wenngleich sie 1990 in Weimar geboren und dort aufgewachsen ist. Sie studierte in der Hauptstadt, neben der Bildenden Kunst auch Philosophie, war Gastprofessorin an der traditionsreichen UdK (früher HdK) und wurde dann als Professorin für Design nach Trier berufen. Das eher introvertierte alte, klassische Thema des Stillebens verbindet sie mit avancierten technischen Mitteln, die neue Räume öffnen: Grundlage und Vorlage ihrer Malerei sind 3D-Programme, mit denen sie Alltagsobjekte (wie Früchte), Textilien oder offene Chiffren (wie Hufeisen-Magnete) verfremdet, aber wiederum nah an fast fotorealistische Ergebnisse in hellen Pastellfarben zurückführt.

Julia Berghoff hat die Doppelausstellung für den Kunstverein kuratiert. Links vorn zwei Werke von Marlen Letetzki, im Hintergrund rechts Desire Moheb-Zandis textile Arbeiten. Foto: Martin Bernklau

Diese weichgezeichneten Ölflächen, bei denen durchaus ein Rosaton und Himmelblau vorherrschen, trägt sie auf Aluminium auf, das wiederum Träger für die foto-grafischen Vorlagen sein könnte. Der räumliche Aspekt, den die 3D-Software ermöglicht, ist kombiert mit einem Verfremdungseffekt: Die zumindest aus der Entfernung ganz plastisch geformten Kartoffeln des Mittelformats „(And It Whispers) What Promise Will You Dare?“ haben nicht die nur scheinbare Oberfläche der Erdfrucht, sondern die einer Banane. Was in „Untitled“ neben einer Art blau-weißer Bürste und vor einem faltenreich über den Spiegel gelegten Tuch an einen Magneten gemahnt, ist als gläsern transparentes Material gemalt.

Im Raumfoto links der Mitte: Marlen Letetzkis Arbeit „Untitled“. Foto: Martin Bernklau

Materialkunst ganz eigener Art versammelt Desire Moheb-Zandi ist ihrer farbstarken, vorherrschend knallroten Arbeit „Let me be me“ von 2022. Sie verwendet vor allem Second-Hand-BH’s, aber auch klistiertartige Objekte, auch Metall, Holz, Mopps, Schnüre und Schläuche. Dass feudelhafte Textilien, aber auch gewebte Stoffe gerade auch in der türkischen Tradition mit Frauen und ihren Tätigkeiten verknüpft werden, zeigen die beiden anderen Großformate. „Sun shines in. You have awoken. The truth is out, the lies are“ schichtet verschiedenfarbige Textilbündel oder -büschel, die von modern anmutenden Riffelschläuchen zusammengehalten oder gebändigt werden. „Bird’s eye view“ ist ein riesiges Quadrat vernähter gewebter Stoffe in kräftigen kontrastierenden Farben.

Die textilen Großformate von Desire Moheb-Zandi. Foto: Martin Bernklau

Zwei in Technik und Ikonografie ganz gegensätzliche, aber auch gemeinsam mit „weichen“, teils dezidiert weiblichen Materialien ausgeführte Annäherungen an Traditionen, die auch mit eigener Identität oder sogar mit Biografie zu tun haben.

„Translating Traditions“. Foto: Martin Bernklau

Info: Die Doppel-Ausstellung „Translating Traditions“ mit Arbeiten von Marlen Letetzki und Desire Moheb-Zandi ist bis zum 4. Oktober 2026 beim Kunstverein Reutlungen in den Wandel-Hallen, Eberhardstraße 14, zu sehen. Geöffnet ist Mi-Fr von 14 bis 18 Uhr; Sa, So und an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.

Links auf die Homepages der Künstlerinnen: Marlen Letetzki, Desire Moheb-Zandi

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