In der Tübinger Stiftskirche sang das Bach Consort aus Leipzig Motetten von Bach und Telemann
TÜBINGEN. Näher dran an der Quelle kann man kaum sein: Das Leipziger Bach Consort wirkt von der Stadt aus, in der Johann Sebastian Bach vor gut 300 Jahren sein Amt als Thomaskantor antrat und 28 Jahre lang ausübte. Bis zu seinem Tod. Das Ensemble unter der Leitung von Gotthold Schwarz, seit zehn Jahren Thomaskantor, sang am Samstagabend in einer – für die Ferienzeit – erstaunlich gut besuchten Tübinger Stiftskirche St. Georg Motetten von ihm und von Georg Philipp Telemann, seinem hochgeschätzten Zeitgenossen, solistisch besetzt. Dazu gab es Schütz – und Orgelwerke von Bach und Buxtehude mit Ingo Bredenbach.
Sie kommen nicht nur aus dem Epizentrum, dem Herzen der Bach-Kultur, der Pflege dieses Erbes. Sie musizieren diese Werke auch aus dem Herzen. Nicht obwohl, sondern weil sie Profis von erlesener Schulung und Übung sind. „Jesu, meine Freude“, ein Monument, stand im Mittelpunkt. Mit neun Stimmen – ein Krankheitsfall, Soprane und Bässe wären sonst teilweise verstärkt worden – sangen sie nicht nur dieses doppelchörige Werk, sondern auch Stücke von Georg Philipp Telemann solche, deren Urheberschaft zwischen beiden ungeklärt ist. Sie umrahmten nach dem Segen die große Bitte „Verleih uns Frieden genädiglich“, die Heinrich Schütz mitten im Dreißigjährigen Krieg fünfstimmig zum Himmel schickte.
Das Bach Consort begann mit der doppelchörigen Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“. Die sechs Motetten Johann Sebastian Bachs gehören nicht nur deshalb zu den absoluten Meisterwerken geistlicher Chormusik, weil sie zum Edelsten zählen, das ohne Instrumente a cappella – oder mit kleiner Generalbassbegleitung aus Orgel oder Cello, wie an diesem Abend – zu singen ist, sondern auch deshalb, weil Bach nirgendwo anders seine christlichen Hoffnungen und Glaubensüberzeugungen in solcher Klarheit und Dichte in Töne gesetzt hat – unter Aufbietung und Steigerung aller kompositorischen Formen und Mittel, ganz nah an Wort und Sinn.
Den meisterhaften Stil an Gesangskunst und Deutungskraft des Bach Consort konnte man schon hier genau so hören wie in allen folgenden Werken. Es geht meist recht flott und zügig zu bei den Leipzigern, mit Phrasierungen und Linien über die Sätze des Textes (oder auch mal der Durchführungen) hinweg und dem schwingenden Schwer-Leicht der historischen Praxis. Das hat sich aber geschmackvoll gerundet und von frühen Übertreibungen gelöst über die Jahrzehnte: nichts Eckiges mehr, keine Fragmentierung. Konsonanten knallen oder zischen nicht, Koloraturen sind Linien, nicht Trommelfeuer. Aber Kommata werden tatsächlich als dezente Pausen gesungen, mal hauchfein, mal deutlicher. Vibratoloses Singen (oder fast, einen kleinen Rest gibt das Zwerchfell vegetativ vor) kann man machen. Man muss es aber können. Sonst wird der Klang leicht trocken, farbarm, spröde, dürr. Natürlich können sie das, die Musiker von Gotthold Schwarz. Und wie.
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