Im Tübinger Museum läuft Kirill Serebrennikows Film „Das Verschwinden des Josef Mengele“ über den KZ-Arzt von Auschwitz und über lange Jahre meistgesuchten Kriegsverbrecher
TÜBINGEN. Mindestens zwei sachfremde Umstände stehen sehr massiv dem Versuch entgegen, den Film „Das Verschwinden des Josef Mengele“ einfach als Film zu beurteilen , womöglich gar noch sachlich, nüchtern, objektiv: die Figur, der Regisseur und am Rande durchaus auch die Vorlage, das gleichnamige Buch und sein Autor.
Josef Mengele wurde 1911 in eine Fabrikantenfamilie hineingeboren, die im schwäbisch-bayerischen Günzburg an der Donau binnen weniger Jahrzehnte zu einem fast weltweit führenden Landmaschinen-Hersteller geworden war. Erst im Jahr 2011 legte die Firma den belasteten Namen ab. Mengele ertrank anno 1979 nach einem Schlaganfall im Meer nahe dem brasilianischen Badeort Berlinga. Seine Gebeine wurden 1985 entdeckt und erst 1992 mittels DNA-Analyse zweifelsfrei als die des (nach Adolf Eichmann und Martin Bormann) weitweit wohl meistgesuchten NS-Kriegsverbrechers identifiziert.
Dazwischen war Mengele Lagerarzt im KZ Auschwitz und in dessen Vernichtungslager Birkenau gewesen. Dem SS-Obersturmführer, dem gutaussehenden „Todesengel“, kultivierten Mediziner und Anthropologen mit doppeltem Doktortitel und besten Beziehungen zur verbrecherischen Spitzenforschung der Nazis, war, als ihm alliierte Ermittler näherrückten, über eine der „Rattenlinien“ des Bischofs Alois Hudal die Flucht nach Argentinien, dann nach Paraguay und schließlich nach Brasilien gelungen.
In Südamerika lebte Mengele weitgehend unbehelligt, teilweise sogar unter richtigem Namen, blieb in engem Kontakt zur Familie in Günzburg, die ihn finanziell über Wasser hielt, und pflegte beste Beziehungen zu anderen gesuchten oder gesconten Alt-Nazis wie Adolf Eichmann und Hans-Ulrich Rudel mit dem SS-Netzwerk „Hiag“. Nie geklärt wurde, wie dicht israelische Mossad-Agenten ihm auf den Fersen waren. Bei sogenannten Nazi-Jägern wie Simon Wiesenthal, Fritz Bauer oder den Klarsfelds hatte Mengele nie höchste Priorität, weil er weder als besonders mächtiger Entscheider und Organisator, noch als besonders fanatischer Judenhasser, noch als besonders sadistischer oder brutaler Exzess-Täter galt. Das Monströse dieser Gestalt lag anderswo.

Sein Sadismus war absolute Gefühls- und Rücksichtslosigkeit gegenüber dem, was er als Menschenmaterial im Sinne seiner Wissenschaft und Forschung – unter anderem an Zwillingen, bei Sterilisationen, der Vererbung von Missbildungen oder bei Seuchenbekämpfung – betrachtete. Seine kühle Selektion an der Rampe galt neben der Alternative Arbeitseinsatz oder Gaskammer auch seiner Suche nach geeigneten Objekten für seine teils grausamen und absolut menschenverachtenden Experimente.
Der russische Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow, Jahrgang 1979 und seit 2008 Professor an der Moskauer Theaterschule , schleppt über seine weltweit erfolgreiche Arbeit (Stuttgart, Hamburg, Zürich, New York) hinaus auch eine besondere Geschichte mit sich herum. Als seit jeher offen schwul lebender Künstler gilt er vielen als prominenter Putin-Gegner. Die Vorwürfe der Veruntreuung von staatlichen Zuschüssen, die zu zeitweiliger Haft, zu Hausarrest und Reiseverboten führten, endeten im Jahr 2020 mit einer dreijährigen Bewährungsstrafe, wurden jedoch von zahlreichen prominenten Unterstützern vielfach als Vorwand für ein schwulenfeindliches Exempel an ihm gewertet.
Serebrennikow entzog sich allerdings auch jeglicher Vereinnahmung als vermeintlicher Märtyrer einer queeren Bewegung oder als rein politischer Oppositioneller. Sein überwiegend in Schwarzweiß gedrehter Film „Das Verschwinden des Josef Mengele“ beruht auf der gleichnamigen Romanvorlage des Journalisten Olivier Guez, die sich nicht als dokumentarische Recherche, sondern als fiktionales Psychogramm auf dem Stand der historischen Fakten versteht.
Es gibt eine Menge Einwände gegen den Film. Aber fangen wir mit dem Positiven an. Burgschauspieler August Diehl ist ganz großartig in seiner düsteren Titelrolle (mit der er zunächst gezögert und dann doch sogar gehadert haben soll). Allein das Altern in diesen drei oder vier Lebensphasen, für dessen Darstellung auch die Maske das denkbar höchste Lob verdient, ist eine herausragende Leistung.
Die allmähliche Verschiebung der herausgemeißelten Charakterzüge allerdings ist keine wirkliche Entwicklung: kultivierter Gentleman aus bestem Hause, ehrgeiziger, doch letztlich zynischer Wissenschaftler, wehleidiger Schuldverleugner und unverbesserlicher Nationalsozialist, Frauenverachter und Erotomane, arroganter Besserwisser auch als Vater, ein immer mehr zum Jähzorn und zu Wutausbrüchen neigender Verbitterter.

Des Versteckspiels wird dieser Mengele immer müder und jammert immer übellauniger um die sinkende Lebensqualität als Geflüchteter. Das spannendste und empörendste Kapitel dieser Flucht allerdings sparen das Buch und der Film vollkommen aus: die vier Jahre zwischen dem Kriegsende und der Schiffspassage nach Südamerika mithilfe frommer katholischer Nazihelfer auf den „Rattenlinien“. Nur die Rolle der hochmögenden Familie dabei ist Thema.
(Die vielleicht noch monströseren medizinischen Verbrecher in Ausschwitz übrigens mussten sich kaum verstecken: der furchtbare Gynäkologe Carl Clauberg, später sogar als Wegbereiter der Pille gesehen, oder der Grafeneck-Killer Horst Schumann, Euthanasie-Aktion T4, starben friedlich und fast vollkommen unbehelligt als alte weiße Mörder.)
Zurück ins Kino. Die filmische Grammatik von Kirill Serenebrennikows Regie ist in großen Teilen nicht nachvollziehbar. Schwarzweiß, okay. Von „Film noir“ sprechen andere Kritiker. als wäre es ein Krimi.. Bewegte Handkamera – kann man machen. Aber warum Farbe bei den Rückblenden auf die Rampe von Auschwitz und ins (dem Grauen naheliegende) Lotterbett mit der etwas prollig geilen ersten Frau (Dana Herfurth), der Mutter des einzigen Sohnes? Josef Mengele will später seine verwitwete Schwägerin Martha (Friederike Becht) heiraten. Für die Wechsel von Zeiten und Tarnnamen (Gregor, Peter undsoweiter) findet Serebrennikow keine dramaturgische Ordnung.
Ganz schlimm ist es mit der Musik, und das ausgerechnet bei einem so renommierten Opernregisseur. Ihr wuchtiger und oft überlauter Einsatz ist völlig sinnfrei. Da wird akustisch Spannung aufgebaut, die durch nichts motiviert ist – und bleibt. Bei anderen Passagen herrscht Stille. Der Film hat auch kein kalkuliertes Tempo, keinen Spannungsbogen. Die einleitenden Flucht-Sequenzen oder der klandestine Besuch des Sohnes grenzen in ihrem vermeintlichen Thrill sogar an ermüdende Überlänge.
Fazit: Das späte Psychogramm dieser Horror-Gestalt Mengele hat für alle etwas Aufklärendes, die den historischen Fall noch nicht (oder nicht mehr) genauer kennen – wobei Entscheidendes, wie die fromm katholische Fluchthilfe und die frühe familiäre Fürsorge für den Verbrecher, auch die Untätigkeit bundesrepublikanischer Politiker und Ermittler, eher unterbelichtet bleibt. Die bedrückende Atmosphäre, die Mengeles Monster-Gestalt per se verbreitet, wird zwar durch die schauspielerische Intensität von August Diehl eingelöst, nicht aber durch ein erkennbares künstlerisches Konzept des Regisseurs.
(FSK ab 12)


