In der Ofterdinger Burghof-Schule hatte „Ein deutsches Mädchen“ Premiere, das Solo der LTT-Schauspielerin Sophie Aouami über eine Kindheit und Jugend im Neonazi-Milieu
OFTERDINGEN. Die Premiere fand am Donnerstagvormittag an einem angemessenen Ort statt: in der Ofterdinger Burghof-Schule. Eine zehnte Klasse der Gemeinschaftsschule war beim LTT-Gastspiel „Ein deutsches Mädchen“ mit Sophie Aouami zugegen. Regie, Bühne und Kostüme oblagen Nazli Saremi. Den gleichnamigen autobiografischen Text von Heidi Benneckenstein hatte für das Tübinger Landestheater Bo Wilschnack dramatisiert.

Die meterlangen braunen Zöpfe binden die Hauptfigur an ihre dörfliche Herkunft aus einer völkisch gesinnten Familie in einem bayerischen Dorf bei Fürstenfeldbruck. Die 1992 geborene Heidi Benneckenstein gab ihrem Buch, das zum Bestseller wurde, den Untertitel „Mein Leben in einer Neonazi-Familie“. Es ist nicht nur der Bericht über ihre Kindheit und Erziehung in einem Elternhaus (aus dem Milieu von Nazi-Nostalgikern um eine längst verbotene Gruppe namens „Heimattreue Deutsche Jugend“), das zwar völlig abgedreht ist, aber noch nicht kriminell.
Die spätere Aussteigerin kam in ihrer Jugend aber gefährlich nah heran an Aktivisten um die mörderischen Neonazi-Terroristen des sogenannten NSU, dessen wahllose Mordserie an Migranten erst mit dem Selbstmord der Täter im Jahr 2011 und der Verurteilung der Komplizin Beate Zschäpe (und anderer) anno 2018 endete. Erst nachdem diese Heidi mit ihrem Freund Felix im „Braunen Haus“ zu Jena schon dem später verurteilten Waffenbeschaffer der Mörder-Clique begegnet war, entschließt sich das Paar zum Ausstieg.

Es ist eine schwierige Aufgabe für die Darstellerin und ihre Regie, einen solchen Bericht, der als Text noch dazu im Ton relativ nüchtern und sachlich gehalten ist, zu einem Stück zu machen, das etwas mehr hergibt als eine szenische Lesung. Die Beherrschung und Gestaltung dieses Textes aber ist unabdingbare Voraussetzung dafür. Und das kann Sophie Auouami. Auch die Regie lässt ihr Spannungspausen und ein paar bescheidene ins Symbolische gehende szenische Beigaben mit ein paar wenigen Requisiten, von denen die Zöpfe das Stärkste sind. Dirndl, Ferienlager-Rucksack und die datierten Bild-und-Ton- oder Videoeinspieler nutzt die Inszenierung auch. Ansonsten: sehr plastische, in ein paar Wutausbrüchen vielleicht etwas überdreht laute Sprache.
Mit der späten Kenntnis der mörderischen Brandanschläge von Mölln und Solingen um 1992/1993, von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen aus der Zeit ihrer Geburt, kommen der jugendlichen Heidi erste Zweifel an ihrer tief anerzogenen Nazi-Gesinnung. Die Trennung der Eltern, eine Knaststrafe, die ihr Freund Felix zu verbüßen hat, eine geschmissene Ausbildung tun vielleicht ein Übriges.
Aber „Solingen“ ist ein Stichwort, das ein Problem des Stücks zeigt: Dem fremdenfeindlichen Anschlag von 1992, also vor 33 Jahren, mit fünf toten türkischen Frauen und Kindern folgten im Jahr 2024 zwei weitere Anschläge dort: die Brandstiftung eines obdachlosen Drogensüchtigen gegen das Haus, aus dem er herausgeworfen worden war (mit ebenfalls fünf Toten), und das Messerattentat eines muslimischen, sunnitisch-syrischen IS-Djihadisten, bei dem drei Menschen massakriert und viele durch gezielte Stiche Richtung Hals teils lebensgefährlich verletzt wurden.

Es ist sicher richtig, der durch den NSU ermordeten Migranten (und der Polizistin Michèle Kiesewetter) zu gedenken und nicht zu vergessen, wie notorisch die Ermittler nur völlig falsche, nämlich im migrantischen Mileu der Opfer ansetzende Spuren verfolgten – bis zum Showdown der neonazistischen Mörderclique in Jena und Eisenach. Aber zum Abschluss des Stücks vor den eingeblendeten Fotos der Ermordeten eine Gedenkkerze und ein kleines Blumenbouquet zu drapieren, das streift doch – bei allem Respekt – ein wenig den wohlgesinnten, den gar zu gut gemeinten Kitsch.

Foto: LTT
Für die wichtigste Zielgruppe des Stücks, die Schüler und Heranwachsenden von heute, sollten die historischen, die zeitgeschichtlichen Bezüge zumindest nah und nachvollziehbar sein. Die Schilderung einer gehirnwaschenden Erziehung in einem ewiggestrigen, inzwischen geradezu grotesk anmutenden Elternhaus kann sicher auch Erkenntnisgewinne bieten. Aber ob dieses seinerzeitige völkische Neonazi-Milieu samt HJ-haften Ferienlagern noch so lebendig und wirkmächtig ist oder wenigstens an die aktuelle Lebenserfahrung der heutigen Jugendlichen irgendwie anknüpfen kann, daran mögen doch freundlich leise Zweifel erlaubt sein.
Info: Die LTT-Inszenierung „Ein deutsches Mädchen“ ist am Sonntag um 19.30 Uhr im kleinen Saal des „LTT oben“ erneut zu sehen. Weitere Aufführungen: 15.02., 24.02., 01.03., 15. und 16.03. 2026; dazu Gastspiele am morgigen 13.02. im Kulturhaus Schwanen, Waiblingen sowie am 12. und 13. 03. 2026 im Theater Reutlingen Die Tonne.


