Am Melchinger Regionaltheater inszeniert Carola Schwelien die Kleist-Adaption „Eve und der zerbrochne Krug“ von Luca Zahn – als Trio
MELCHINGEN. Ein Klassiker von 1808, hochaktuell aber spätestens seit „Metoo“ und seit Jeffrey Epstein wieder: Heinrich von Kleists „Zerbrochner Krug„. Ein „Lustspiel“. Oder besser: ein Spiel um Sex und Macht, um Männermacht, aber auch um Verlogenheit. Der Melchinger Lindenhof – Luca Zahn als Autor, Carola Schwelien als Regisseurin – hat aus dem schon als Story genialen Stück eine Fassung für drei Schauspieler mit zahllosen Rollen im offenen, fliegenden Wechsel destilliert: Elias Popp, Linda Schlepps und Hanna im Hof – hochvirtuos, aber auch hochriskant. Der Titel „Eve und der zerbrochne Krug“ steht für die besondere Perspektive der jungen Frau: Eigentlich zum hilflosen Opfer designiert und in unlösbare Dilemmata gedrängt, wehrt sie sich und gewinnt. Kleist sei Dank.

Auch das ist wieder aktuell: Es sollen Soldaten verpflichtet, Truppen ausgehoben und „kriegstüchtige“ Heere aufgestellt werden. Kleists Eve will ihren Liebsten Ruprecht vor der Einberufung bewahren, ’s ist Krieg. Der Dorfrichter Adam bietet Hilfe per Attest an, hat aber Hintergedanken dabei: Er will erotische Gegenleistung. Als sich die ehrbare Jungfer Eve dagegen wehrt, weil sie eigentlich ihren Freund zum Date erwartet, bleibt des Richters Perücke bei seiner Flucht im Gestrüpp hängen, und ein wertvoller Krug der Mutter geht zu Bruch. Die resolute Witwe und Dorfhebamme Marthe verdächtigt den Ruprecht und erhebt Klage, über die der noch anderweitig leicht lädierte Dorfrichter entscheiden soll. Zu allem Überfluss gibt es noch einen Kontrollbesuch vom Gerichtsrat. Undsoweiter.

nach dem gescheiterten erotischen Abenteuer. Foto: Martin Bernklau
Ein ehrgeiziges Unterfangen von Luca Zahn, dem Autor (und Ensemblemitglied): Diesen so spannenden wie bis zum Wortspiel witzigen, aber eben auch thematisch hochaktuellen Stoff bei acht präzise konturierten Hauptrollen einzudampfen auf drei Mimen in praktikablem Wechsel; diese Figuren nebenbei nicht gar zu gestrig erscheinen zu lassen und doch möglichst viel von Kleists wunderbarer Sprache in Blankversen (sechshebigen Jamben) zu erhalten; dazu in der Chronologie, der Szenenabfolge so akrobatisch zu jonglieren, dass doch alles passt.
Die Aufgabe von Regisseurin Carola Schwelien und Ausstatter Michael S. Kraus war es, daraus ein echtes, szenisch überzeugendes Theater zu machen, mit dem man dann bei geringstmöglichem Aufwand auf Tournee gehen kann: aus der Not eine Tugend. Aus dem Sparzwang bei Personal und Aufwand etwas Pfiffiges, tolles Theater.

Das geht auf der Studiobühne mit einen amphitheatralischen, schlichten, aber roll- und drehbaren Stahlgerüst, das mindestens drei Ebenen (und Regalraum für Requisiten) bietet: für die Verhandlung oder für das kleine Saufgelage der Hochmögenden in der Mittagspause; dazu mit einem Schrank, der Aufgänge und Abgänge ebenso ermöglicht wie Verstecke und sogar Fluchtwege. Das geht mit schnell wechselbaren Kostümen und Leitmotiven: eine Glotze etwa für privaten alten Adam, einem blutroten Pflaster für verschiedene Verletzungen und Blessuren, schwarzen Roben für den Richter und den Herrn Gerichtsrat, mit dörflichen Kleidern und handwerklicher Kluft – und natürlich mit der Perücke.
Das geht aber letztlich nur mit wirklich versiertem, textlich variablem und sicheren und ungemein flink virtuos die Rollen wechselnden Personal, das auch noch gesanglich mit der Musik von Thomas Unruh umgehen kann, vom Rap bis zu Lied oder Song und zum (inzwischen etwas abgenudelten) chorischen Sprechen.
Elias Popp, Linda Schlepps und Hanna im Hof machen das herrlich. Sie wechseln nicht nur blitzartig die Klamotten und geschlechterübergreifend die Figuren. Sie verleihen ihnen ausnahmslos je eigenen Charakter, na, zumindest Kontur. Sie halten dabei auch ein hohes Tempo und glänzen mit situativer und verbaler Komik, die weder Wortwitz noch Slapstick scheut. Alle drei haben ihre Monologe als Glanzlichter (wobei sich schon feine Unterschiede in der Erfahrung, Sprachschulung und Generation bemerken lassen).

Das Restrisiko für diese furiose Inszenierung können sie aber nicht völlig auffangen. Ob etwa Schüler – nicht nur wegen des Schulstoffes ein wichtiges Zielpublikum – dem ausgefuchsten Kleist-Plot bei diesen turbulenten Wechseln noch allesamt mühelos folgen können, kann man vorsichtig anzweifeln, sofern sie nicht gut vorbereitet sind. So großartig dieser etwas andere Verfremdungseffekt durch die fliegenden Kostümwechsel auf offener Bühne auch ist, eine gewisse Verwirrung daran und darüber mag nicht ganz ausgeschlossen werden. Was möglicherweise auch ein wenig vom zeitlosen und brandaktuellen Inhalt und der Message des Stücks ablenken könnte – Macht, Sex, Missbrauch. Durch Männer.
Aber dieses Risiko einzugehen und dabei keineswegs zu scheitern, im Gegenteil!, ist schon allein allen Lobes wert. Dem Lindenhof ist das Stück als Longseller gerade auch für möglichst aufwandsarme Gastspiele zu wünschen.

Anmerkung: Dieser Rezension lag – aus Termingründen – die öffentliche Hauptprobe am vergangenen Mittwochabend zugrunde. Da wurde zwar geklatscht, aber – man ist traditionell abergläubisch auf dem Theater – kein Vorhang gegeben.
Titelfoto: Theater Lindenhof


