Am Tübinger LTT inszeniert Maike Bouschen die Bühnenfassung von Joseph Roths jüdischer Familiensaga „Hiob“
TÜBINGEN. Die schlimmsten Katastrophen kommen erst nach der Wende zum Glück. Darin unterscheidet sich Mendel Singers Schicksal von Hiob, seinem biblischen Vorbild. Joseph Roth hat diesen „Roman eines einfachen Mannes“, der zwischen dem jiddischem Schtetl im zaristischen Russland und dem amerikanischen Traum in New York spielt, im Jahr 1930 veröffentlicht. Koen Tachelets Bühnenfassung hat Maike Bouschen fürs LTT inszeniert. Am Freitagabend war Premiere.

Joseph Roth hatte die Bücherverbrennung, Barbarei und Krieg früh vorausgesagt *1). Auch sein „Hiob“ landete am 10. Mai 1933 auf den Scheiterhaufen, die fanatische Nazi-Studenten – ohne Befehl von oben übrigens – reichsweit entzündet hatten. Die Shoah musste Roth nicht mehr durchleiden. Schon 1939 hatte sich der 44-jährige vormalige österreichische Starjournalist und erfolgreiche Autor im Pariser Exil zu Tode getrunken. Mit dem „Radetzkymarsch“ und seiner relativ knappen, sehr genau komponierten Familiensaga hinterließ er deutsch-jüdische Weltliteratur aus der Zeit zwischen den Weltkriegen. Die Zweiteilung der Geschichte – Pausen sind sonst eher selten geworden am LTT – bildete Maike Bouschens Inszenierung mit sehr überlegten schauspielerischen und ästhetischen Mitteln (Ausstattung: Valentina Pino Reyes) bildstark und aufs Wesentliche verdichtet nach.
Der jiddische Dorfschullehrer Mendel Singer (Andreas Guglielmetti) fristet mit Frau und vier Kindern sein ärmliches Dasein in irgendeinem ostjüdisch-galizischen Schtetl. Nicht nur der jüngste Sohn Menuchim (Robi Tissi Graf) macht ihm und seiner abgehärmten Frau Deborah (Jennifer Kornprobst) Sorgen, die ihren Nachzügler verbissen zu schützen versucht und an ein Wunder glaubt, das ihn heilt. Menuchim spricht nicht, ist apathisch oder zuckt dauernd epileptisch und wird von den älteren Geschwistern auch noch übel gemobbt. Schon als Jude kann Mendel das alles nicht gefallen: Tochter Mirja, von Sarah Liebert gegeben, hurt im Kornfeld reihenweise mit Kosaken herum, Jonas (Leo Kramer) will sich – kurz vor dem Ersten Weltkrieg – als Soldat dem Zaren andienen, reiten, saufen und Bauernmädchen flachlegen, während Schemarjah, der zielstrebig taffe Älteste, Sebastian Fink spielt ihn, mithilfe von Schleppern ins Ausland zu desertieren gedenkt. Mendel hadert mit sich und mit seinem Gott.
Die sehr geschlossene erste Hälfte des LTT-„Hiob“ dominiert in großartigem Minimalismus dieser Guckkasten, in dem die größeren Mimen kaum aufrecht stehen können. Eine Tür und drumherum nur Schwarz. Er darf für die wirtschaftliche, soziale und auch religiöse Enge dieser chassidischen Welt stehen, in die übrigens auch Joseph Roth selbst anno 1894 hineingeboren wurde. Dann naht die scheinbare Wende. Der geschäftstüchtige Schemarjah hat es nach Amerika geschafft und ist in New York zu erstem Wohlstand gekommen. Er kann sogar die Familie nachholen – bis auf die beiden Brüder. Der kranke, behinderte Menuchim bekäme keine Einreisepapiere. Und Jonas ist angesichts des nahenden Weltkriegs nicht aus der zaristischen Armee loszueisen. Alle sechs Schauspieler zeichnen ihre Charaktere mit sparsamen, gebremsten Ausdrucksmitteln, aber genau und einprägsam. Ebenso minimalistisch unterstützt das die subtile Hintergrundmusik von Caio de Azevedo.
Nach der Pause, in New York, geht es mit ein wenig mehr visuellem und mimischem Aufwand weiter. Die Bekleidung, bisher in asketischem Schwarz und Weiß, bekommt Farben. Nur Andreas Guglielmetti bleibt mit seinem Mendel leise und zurückhaltend, während Sarah Liebert, Leo Kramer, Sebastian Fink und sogar Jennifer Kornprobst sich ein paar eruptivere Szenen, etwas Over acting leisten. Ganz außen vor ist Robi Tissi Graf, die auf dem mittlerweile verhüllten Kasten in Zeitlupe und ohne Worte die wundersame Verwandlung des Menuchim in den erfolgreichen Musiker Kossak beginnt, der am Ende seinem von allem Leid der Welt heimgesuchten Vater wiederbegegnet.

Denn die Freiheit Amerikas und der amerikanische Traum erweisen sich als Trugbilder für Mendel Singer: Sterne, wohl bewusst exakt 13 an der (Unglücks-)Zahl, symbolisieren das und bewegen sich in wechselnden Farben auf und ab. Schnee rieselt. Der reich gewordene älteste Sohn und Gastgeber der Restfamilie zieht für sein geliebtes neues Land nach Europa in den Weltkrieg – und fällt. Sein Bruder Jonas wird an der russischen Front vermisst. Die Mutter verzweifelt daran und stirbt. Die auch nach der Hochzeit mit Mac, dem amerikanischen Freund des Bruders, weiterhin nymphomanische Mirjam endet einstweilen im Irrenhaus.
Als versöhnliches Ende des an seinem Gott und an seinem Glauben zweifelnden, an all den Schicksalschlägen fast verzweifelnden Mendel wandelt die Bühnenfassung einen Satz aus dem Roman ab. „So grüßte Mendel die Welt“, heißt es bei Joseph Roth und drückt die Hoffnung von Vater und wiedergefundenem Sohn auf ein weiteres Wunder aus: auf die Heilung Mirjams. Dazu einen guten Tod, „satt am Leben, umringt von vielen Enkeln“. So wünscht sich Mendel Singer das. Seine Hoffnung, sie ist unzerstörbar. „Ich möchte die Welt begrüßen!“ darf Andreas Guglielmetti mit ausgebreiteten Armen als Schlusssatz ausrufen.
Lauter und langer Beifall im nicht ganz ausverkauften Großen Saal feierte eine intensive Inszenierung nach Kräften.

*1) Schon 1932 hatte Joseph Roth geschrieben: „Sie werden unsere Bücher verbrennen und uns damit meinen.“ Am Tag von Hitlers Machtantritt verließ er Deutschland und schrieb wenig später an seinen Freund und Leidensgenossen Stefan Zweig „Inzwischen wird es Ihnen klar sein, daß wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten – unsere literarische und materielle Existenz ist ja vernichtet – führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert.“


